Interview: Kristina Läsker und Stefan Weber

Was passiert, wenn der Aufschwung ausbleibt? Bayer-Chef Wenning über die Krise und die Hilfe aus Berlin.

Vom Auszubildenden zum Vorstandschef: Werner Wenning, 62, hat beim Bayer-Konzern seine gesamte Karriere gemacht. Der im rheinischen Opladen geborene Manager ist seit bald 43 Jahren für das Leverkusener Unternehmen tätig. Seit 1997 gehört er dem Vorstand an; im April 2002 rückte er an die Spitze des Konzerns.

Werner Wenning, ddp

Werner Wenning: "Die Förderung des Sports hat in unserem Unternehmen eine über 100-jährige Tradition." (© Foto: ddp)

Anzeige

SZ: Herr Wenning, Bayer sorgt im Sportteil der Zeitungen für Schlagzeilen. Die Bundesliga-Fußballer von Bayer Leverkusen haben eine schwache Saison gespielt, am Pfingstsamstag ging auch noch das Pokalendspiel in Berlin verloren. Sie haben das Spiel von der Tribüne verfolgt. Ist der Schmerz schon vorbei?

Werner Wenning: Sport ist auch für mich die herrlichste Nebensache der Welt. Ich bin natürlich mit Begeisterung dabei, erwarte allerdings auch, dass die Mannschaft alles gibt. Wenn es dann nicht klappt, bin ich natürlich enttäuscht, aber das ist auch schnell wieder vergessen.

SZ: Seit Jahren investiert der Konzern Millionen in den Profi-Fußball. Ist das in wirtschaftlich schwierigen Zeiten vertretbar, wenn bei Bayer über Kurzarbeit und Stellenstreichungen gerungen wird?

Wenning: Ja, denn die Förderung des Sports hat in unserem Unternehmen eine über 100-jährige Tradition. Umfragen haben gezeigt, dass diese Art des sozialen Engagements sowohl von der breiten Öffentlichkeit als auch von den Mitarbeitern hoch geschätzt wird. Allein für den Jugend-, Breiten- und Behindertensport geben wir jährlich 15 Millionen Euro aus. Im Profisport konzentrieren wir uns indes auf Fußball. Wir überprüfen regelmäßig den Werbewert unserer Mannschaft - speziell in den für uns wichtigen Märkten Europa, Lateinamerika und China. Bisher hat sich stets gezeigt, dass unsere Investitionen durch den erzielten Imagewert weit mehr als gerechtfertigt und auch nachhaltig sind.

SZ: Wir erleben in der deutschen Wirtschaft große Umwälzungen. Der Staat hat die angeschlagene Hypo Real Estate übernommen und unterstützt Opel. Etliche Firmen fordern Hilfe in Millionenhöhe. Sind Enteignung und Verstaatlichung der richtige Weg aus der Krise?

Wenning: Die Rettung der Hypo Real Estate war notwendig, um schwerwiegende Folgewirkungen für die gesamte Wirtschaft zu verhindern. Ansonsten muss man sicherlich jeden Fall einzeln kritisch betrachten. Generell gilt: Derartige Maßnahmen müssen die absolute Ausnahme bleiben. Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer. Aber auch die Unternehmen müssen sich fragen lassen, ob nicht oft zu voreilig nach dem Staat gerufen wird. Sicher muss ein Vorstand alle Möglichkeiten zur Rettung eines Unternehmens ausschöpfen. Doch es muss Grenzen geben, und man sollte aufpassen, dass solche Aktionen nicht langfristig zu einer Verschiebung der Verantwortlichkeiten zwischen Staat und Markt beitragen.

SZ: Wie weit darf der staatliche Einfluss denn gehen?

Wenning: Der Staat sollte sich so weit wie möglich raushalten und sich aus den eingegangenen Beteiligungen wieder zurückziehen, sobald es das wirtschaftliche Umfeld erlaubt. Das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft beruht auch auf einer klaren Arbeitsteilung zwischen Staat und Unternehmen: Der Staat muss den Ordnungsrahmen setzen und für den sozialen Ausgleich sorgen. Damit meine ich, dass er im Rahmen unserer Sozialsysteme den Menschen helfen sollte anstatt verkrustete Strukturen zu retten; denn dafür müssen wir sonst später alle die Zeche bezahlen.

SZ: Wie viel Wahlkampf ist dabei?

Wenning: Eine gehörige Portion. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es einen Wettlauf gibt: Welcher Politiker tritt zuerst vor die Mitarbeiter eines angeschlagenen Unternehmens und gibt dort Versprechungen ab, die später nicht zu halten sind.

SZ: Die Krise mancher Konzerne hat mit Fehlern zu tun, für die Manager später noch mit hohen Boni und Abfindungen belohnt wurden. Auch deshalb hat Bundespräsident Köhler zuletzt an die Manager appelliert, maßvoll zu agieren. Fühlen Sie sich angesprochen?

Wenning: Persönlich nicht. Natürlich hat es Auswüchse gegeben, aber für das Fehlverhalten Einzelner kann man nicht die Gesamtheit der Manager verantwortlich machen. Oft wird der Eindruck erweckt, als sei die Realwirtschaft eine geldgierige Veranstaltung ohne Kompetenz und ethische Maßstäbe. Die überwiegende Mehrzahl leistet hervorragende Arbeit, handelt verantwortungsbewusst und nachhaltig und sorgt sich um die Mitarbeiter. Deshalb wehre ich mich auch stets gegen die pauschale Schelte einzelner Politiker.

SZ: Auch Bayer ist vom Abschwung betroffen: Die Aufträge für die Kunststoffsparte von Bayer sind massiv weggebrochen. Umsatz und Gewinn befinden sich im Sturzflug.

Wenning: Wenn unsere Kunden aus der Automobil-, Bau- und Elektroindustrie Aufträge verlieren, spüren wir das. Seit kurzem erleben wir eine Stabilisierung und glauben, dass der Tiefpunkt erreicht sein könnte. Aus einigen Regionen wird wieder eine Belebung des Marktes gemeldet. Aber noch ist es verfrüht, von einer nachhaltigen Konjunkturerholung zu sprechen.

SZ: Was passiert, wenn der Aufschwung ausbleibt? Folgen Werksstilllegungen, Kurzarbeit und Entlassungen?

Wenning: Wir haben sehr früh reagiert und bereits einige Produktionen im Inland wie im Ausland stillgelegt - wie übrigens unsere Wettbewerber auch. Bis Ende des Jahres wird es bei Bayer in Deutschland keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Das ist mit den Arbeitnehmervertretern vereinbart.

SZ: Und danach?

Wenning: Wir sind in Gesprächen über eine Verlängerung unserer Gesamtbetriebsvereinbarung zur Standortsicherung. Für den Erfolg der Verhandlungen müssen sich beide Seiten flexibel zeigen. Bei den Arbeitnehmern gilt das für den Arbeitsort, die Arbeitszeiten und die Entlohnung. Die Öffnungsklauseln, die der Tarifvertrag derzeit bietet, reichen allein wohl nicht aus.

SZ: Sie führen Bayer seit 2002 und haben den Konzern gewaltig umgebaut. Jetzt laufen die Pharma- und die Pflanzenschutzsparte einigermaßen krisensicher. Warum trennen Sie sich nicht auch vom konjunkturabhängigen Kunststoffgeschäft?

Wenning: Material Science war in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich. Der Teilkonzern hat die Kapitalkosten mehr als verdient. Deshalb gehört diese Sparte zu unserem Kerngeschäft. Man kann nicht nur ein Jahr betrachten und sagen: Jetzt ist es schlecht gelaufen, weg damit. Richtig ist, dass wir einige Probleme lösen müssen, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

SZ: Das betrifft auch die umstrittene Kohlenmonoxid-Pipeline zwischen den Werken in Dormagen und Uerdingen. Das Verwaltungsgericht in Düsseldorf hat kürzlich die Inbetriebnahme aufgrund von Sicherheitsbedenken untersagt. Was bedeutet es für die Standorte, wenn die Pipeline nicht kommt?

Wenning: Das wäre ein sehr negatives Signal - nicht nur für Krefeld und für unser Unternehmen, sondern für den gesamten Industriestandort Nordrhein-Westfalen. Denn eine optimale Versorgung mit Energie und Rohstoffen ist entscheidend für die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Und: Wir haben dieses Projekt mit Zustimmung des Landtags und der Genehmigung der zuständigen Behörden geplant und umgesetzt. Wenn jetzt ein Gericht die Pipeline stoppt, muss ich unabhängig von diesem Projekt fragen: Wo ist künftig für Unternehmen die Planungssicherheit bei langfristigen Projekten?

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt "Staat soll sich möglichst raushalten"
  2. Will Bayer weitere Unternehmen kaufen?
Leser empfehlen