Baukonzern Bilfinger Berger Die Verwandlung des Roland Koch

Früher wahlkämpfte er, nun parliert er über Kanalisationen und Entsalzungsanlagen: Seit einem Jahr führt Roland Koch den Baukonzern Bilfinger Berger. Sein abrupter Wechsel aus der Politik stimmte viele misstrauisch. Doch nun erkennen manche den früheren hessischen Ministerpräsidenten nicht wieder.

Von Max Hägler

Der Mann mit der klaren Kante hatte für Überraschung gesorgt - und viel Misstrauen geerntet. Wieso tritt Roland Koch in der laufenden Amtszeit als hessischer Ministerpräsident zurück? Was will er danach machen? Und als bekannt wurde, dass er, der CDU-Politiker, zum Baukonzern Bilfinger Berger wechselt, da kamen die nächsten Fragen: Geht es ihm ums Geld? Und schließlich: Kann der das denn überhaupt?

Seit März 2011 kann die Republik eine für Deutschland außergewöhnliche Verwandlung beobachten: Ein Politiker wird zum Manager eines Großkonzerns. Elf Jahre lang hat Koch das Land Hessen als Ministerpräsident geleitet, bis er sich im Sommer 2010 während der laufenden Amtszeit überraschend von der politischen Bühne zurückzog. Neue Herausforderungen und sinkende Beliebtheit nannte er als Beweggründe: "Man muss ja nicht warten, bis sie einen aus der Staatskanzlei rausjagen", sagte er nach dem Auszug aus der Staatskanzlei in einem Interview. Sein Parteifreund Volker Bouffier dominiert nun die Staatskanzlei.

Und Roland Koch führt mittlerweile eben den Konzern Bilfinger Berger mit weltweit 58.000 Mitarbeitern. Die Frage, ob er das leisten kann, ist seit dieser Woche zumindest im Ansatz positiv beantwortbar. "Wir sind sehr zufrieden, das ist kein Ergebnis, das selbstverständlich ist", sagt Koch zum Geschäftsjahr 2011. Der satte Gewinnsprung hat auch mit dem Verkauf des Australien-Geschäfts zu tun, aber Koch sagt zum Rekordergebnis: "Das ist ein Anspruch, den wir öfter erfüllen wollen." Auch die Aktionäre vertrauen offenbar der Unternehmensführung und Roland Koch, jedenfalls zog der Aktienkurs nach Bekanntgabe der Ergebnisse am Montag deutlich an.

Wobei sich Koch bescheiden gibt bei der Frage, wie sehr er das Unternehmen bereits geprägt habe. Seit einem Jahr ist er im Vorstand, anfangs gewissermaßen als Praktikant und seit Juli 2011 in voller Verantwortung als Vorstandsvorsitzender. Die erfolgreiche Arbeit und vor allem die Akquisitionen seines Vorgängers Herbert Bodner seien Grundlage dessen, "was ich jetzt tue". Mehr als 80 Unternehmen hatte Bodner in seiner Amtszeit eingekauft.

Um die Breite des von Koch verantworteten Geschäfts zu sehen, muss man sich nur einige Projektmeldungen der vergangenen Wochen heraussuchen: In Berlin hat Bilfinger Berger den Zuschlag bekommen für den Bau von U- und S-Bahn-Strecken und den U-Bahnhof Unter den Linden. In Großbritannien wird das Unternehmen für die Polizei neue Standorte aufbauen und in den kommenden 25 Jahren auf eigene Rechnung betreiben. Für die Deutsche Bank übernimmt Bilfinger Berger immerhin das gesamte Gebäudemanagement.

Bilfinger Berger sei kein Baukonzern mehr, sondern "ein Ingenieur- und Dienstleistungskonzern, der die Fähigkeit zum Bauen nicht verloren hat", so beschreibt Koch sein Arbeitsfeld. Während Konkurrenten zehn, 20 oder 30 Prozent ihres Geschäfts mit Dienstleistungen erzielten, seien es bei Bilfinger Berger 80 Prozent. Und an der Spitze der 53-jährige Koch, der ohne Zögern über Vakuum-Kanalisationen, Entsalzungsanlagen und den operativen Cashflow (übrigens um 15 Prozent gestiegen) parliert.

Er hat sich "eingefuchst" in die Themen, sagen sie bei Bilfinger Berger. Kein Wunder, Koch möchte nicht stehenbleiben. Er will, dass das MDax-Unternehmen mit Stammsitz Mannheim das Ergebnis in den kommenden fünf Jahren verdoppelt.

Neben weiteren Zukäufen überall auf der Welt soll das auch durch eine verbesserte Zusammenarbeit innerhalb des Konzerns funktionieren. Das sieht er als seine Aufgabe. Dabei, sagt Koch, könne er auch von den politischen Erfahrungen in seinem Leben profitieren. Und spricht dann von der Integration der Unternehmensteile und von Schnittstellen, die geschaffen werden müssten. Erfahrungen kann man Koch bei diesem Thema tatsächlich nicht absprechen, wenn auch zweifelhafte: Mit "Ja zu Integration - Nein zu doppelter Staatsangehörigkeit" polarisierte er im Wahlkampf 1999. Als er dann, zehn Jahre später, beklagte, es gebe "zu viele kriminelle junge Ausländer", da war er für die Opposition endgültig als Ausländerfeind abgestempelt.

Doch diese Zeiten scheinen vorbei. Es stimmt wohl, was Koch zum Ausstand als Politiker erzählt: dass Wahlkampf eben Wahlkampf sei und er da mitunter noch mehr als sonst zugespitzt habe. In seiner Unternehmenszeit jedenfalls hört man vor allem Gutes von ihm. Er sei ansprechbar und gehe auf Probleme ein, loben die Arbeitnehmervertreter. Etwa wenn es um Essentielles wie Krippenplätze oder die Möglichkeit zur Pflege von Angehörigen geht oder um die Beteiligung am Unternehmenserfolg. Auch das scheint Koch zu können.