Bauern in Not Landwirtschaft ringt um ihre Zukunft

Die Herausforderungen für die Landwirtschaft sind gewaltig. Illustration: Lisa Bucher

Die Fronten verhärten zusehends: Verbraucher und Umweltschützer stehen gegen Agrarlobby und Politik. Das ist gefährlich.

Essay von Silvia Liebrich

An Ideen für aufsehenerregende Protestaktionen mangelt es auch den Landwirten nicht. "Wir Bauern garantieren ab morgen 100 Prozent Biolandwirtschaft, 100 Prozent Tierwohl und 100 Prozent Artenvielfalt", schlugen die Erzeuger in Schleswig-Holstein vor einem Jahr ihrer rot-grünen Landesregierung vor. Klingt gut, einen Haken hatte die Sache dann aber schon. Als Gegenleistung wollten die Bauern vom Land angestellt werden. Feste Arbeitszeiten und 30 Tage Jahresurlaub inklusive, versteht sich.

Wirklich ernst gemeint war die "Bauer sucht Chef"-Aktion freilich nicht. Doch sie ist Zeichen dafür, dass der Kampf um die Ausrichtung von Landwirtschaft und Ernährung härter wird. Verbraucher und Erzeuger haben sich entfremdet. Wer Aufmerksamkeit in eigener Sache erringen will, muss sich etwas einfallen lassen.

So hissten Gegner des neuen Agrarriesen Bayer-Monsanto diese Woche Bienen-Puppen mit Gasmasken vor der Berliner Konzernniederlassung. Tausende Teilnehmer nahmen am Samstag an der großen "Wir-haben-es-satt"-Demonstration am Rande der Grünen Woche teil, zu der ein breites Bündnis von Umwelt- und Sozial- verbänden aufgerufen hatte.

Draußen die Kritiker, drinnen Hunderte Aussteller aus aller Welt, die zeigen wollen, was sie können. Auf der einen Seite diejenigen, die auf Missstände aufmerksam machen, die gesunde Lebensmittel, eine intakte Umwelt und eine anständige Tierhaltung fordern. Auf der anderen Seite Agrarverbände, die Lebensmittelerzeuger und Bauern, die davon überzeugt sind, dass sie diese Ansprüche zum großen Teil bereits erfüllen. Sie fühlen sich durch die anhaltende Kritik verunglimpft und gegängelt.

Rettet die Vielfalt unseres Essens!

Die Auswahl an Lebensmitteln schien nie größer, aber der Schein trügt. Wir bekommen immer mehr Einheitsbrei vorgesetzt. Der Verlust von Pflanzenarten ist dramatisch - jetzt gilt es zu retten, was zu retten ist. Essay von Silvia Liebrich mehr ...

So geht das nun schon seit Jahren, und die Fronten verhärten sich zusehends. Das ist gefährlich und schadet am Ende allen Beteiligten. Die Gegner müssen sich wieder näherkommen und gemeinsam eine Vision für eine Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie entwickeln, die umweltfreundlich und verbrauchergerecht ist, aber Erzeugern gleichzeitig auch ein gutes Auskommen sichert.

Diese Herausforderungen sind gewaltig. Aufgabe der Politik ist es, für einen gesellschaftlichen Interessenausgleich zu sorgen und ein Leitbild für die Zukunft der Ernährungswirtschaft zu entwickeln, das dann entschlossen umgesetzt wird. Der Markt allein wird es nicht richten, die Leitplanken muss die Politik setzen, auch mit verbindlichen Regeln und Gesetzen.

Der Agrarsektor ist hoch subventioniert, Steuerzahler müssen mitreden dürfen

Die Art und Weise, wie Lebensmittel erzeugt, Böden bearbeitet, Pestizide eingesetzt und Tiere gehalten werden, geht alle etwas an, nicht nur die Akteure in Agrarverbänden, in der Lebensmittelindustrie und die Bauern. Dabei geht es um viel Geld, das zu einem großen Teil auch von den Steuerzahlern kommt. Die gesamte Branche ist hoch subventioniert. Es geht immerhin um knapp sieben Milliarden Euro, die in Deutschland laut Bundesagrarministerium jährlich an 330 000 Empfänger verteilt werden. Empfänger sind nicht nur landwirtschaftliche Betriebe, sondern auch Exporteure von Agrarprodukten. Direkt und indirekt profitieren zudem Agrar- und Chemiekonzerne sowie Lebensmittel- und Futtermittelhersteller. Sie sind es auch, die massiv Einfluss auf die Politik nehmen. Verbraucher- und Umweltschützer finden dagegen in der Regel weniger Gehör. Das muss sich ändern. Wer Steuern zahlt, muss auch mitreden dürfen.

Ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zu Reformen ist, dass die Bundesregierung, aber auch der mächtige Deutsche Bauernverband endlich die Realität zur Kenntnis nehmen. Die Welt der Bauern ist längst keine heile mehr. Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Das bleibt Außenstehenden, also auch den Konsumenten, nicht verborgen. Wenn Bauernpräsident Joachim Rukwied in diesen Tagen wieder das Leitbild bäuerlicher Familienbetriebe beschwört und verkündet, dass man "selbstbewusst auf die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft blicken" könne, hat das einen Beigeschmack.