BASF Es rumpelt

Der Chemiekonzern BASF bekommt die China-Krise hart zu spüren. Die Strategie, in Schwellenländern zu wachsen, stößt an eine Grenze.

Von Karl-Heinz Büschemann, Ludwigshafen

Das neue Hochhaus wird erst einmal nicht gebaut. Der Chemiekonzern BASF wollte auf seinem Firmengelände in Ludwigshafen ein etwa 20-stöckiges Hochhaus errichten. "Wir würden es gerne tun", sagt der Vorstandsvorsitzende Kurt Bock. Aber es wäre das falsche Signal, fürchtet er. "Es passt im Moment einfach nicht."

Der größte Chemiekonzern der Welt ist in eine Flaute geraten und muss sparen. Die Zahlen des vergangenen Geschäftsjahres waren so viel schlechter ausgefallen als erwartet, sodass Bock zum Mittel der vorzeitigen Gewinnwarnung greifen musste. Das war im Januar, die Börsianer waren überrascht, und der Aktienkurs brach ein.

Am Freitag hat Konzernchef Bock auf der Bilanzpressekonferenz über das abgelaufene Geschäftsjahr berichtet. Die Zahlen sind ungewohnt für die Ludwigshafener, waren sie doch zuletzt von einem lang anhaltenden Erfolg verwöhnt. Sie zeigen, dass die chinesische Krise größere Folgen hat, als mancher in Europa denkt. Sie belegen auch, dass die sogenannten Schwellenländer, die lange als Garant für erfolgreiche Geschäfte galten, inzwischen mehr Probleme verursachen, als das ersehnte Wachstum zu liefern.

Die Zeichen stehen auf Sturm: Der Umsatz ist um fünf Prozent gesunken

Der Umsatz von BASF ist im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf 70,4 Milliarden Euro gefallen. Der Betriebsgewinn (Ebit) ging um deutliche 18 Prozent zurück. Die weltwirtschaftliche Dynamik habe nachgelassen, erklärt Bock und klagt über den drastisch gefallenen Ölpreis, der den BASF-Konzern wegen seines starken Engagements im Öl- und Gasgeschäft besonders trifft. "Dämpfende Einflüsse kamen vor allem aus den Schwellenländern, insbesondere das Wachstum in China schwächte sich deutlich ab", erklärte Bock. Was aber ähnlich schwer wiegt: "Brasilien und Russland befinden sich in einer schweren Rezession."

Diese geballte Wucht muss den Konzern mit seinen gut 110 000 Beschäftigten treffen, vor allem, weil sich das Unternehmen seit Langem besonders in Asien engagiert. BASF betreibt in China die größte Chemieproduktion außerhalb Deutschlands. Kaum ein deutscher Konzern ist so von Chinas Schwäche betroffen wie BASF.

Der Ludwigshafener Konzern steht damit in einer Reihe mit anderen Unternehmen, die gerade die Grenzen ihrer Wachstumsstrategie in China und anderen Schwellenländern kennenlernen. Der langjährige VW-Chef Martin Winterkorn, der Linde-Stratege Wolfgang Reitzle oder der frühere BASF-Vorstandschef Jürgen Hambrecht haben zu ihrer Zeit auf den aufstrebenden Märkten grandiose Erfolge erzielt. Jetzt müssen ihre Nachfolger die Gewinne nach unten korrigieren. Der seit knapp zwei Jahren amtierende Linde-Chef Wolfgang Büchele musste das schon zweimal tun und gerät zunehmend unter Druck, vor allem weil demnächst sein Vorgänger Reitzle den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden übernehmen wird. Der heutige VW-Chef Matthias Müller hat nicht nur die Abgasaffäre zu lösen, die er von seinem Vorgänger geerbt hat. Er muss auch dafür sorgen, dass das zurückgehende Geschäft in China wieder auf Kurs kommt.

Das wird schwer. Gerade teilte der Autolackieranlagenbauer Dürr mit, er erwarte 2016 weniger Umsatz. Auch Dürr hat die Gewinnprognose gesenkt. Warum? Wegen China, wo das Unternehmen ein Viertel seines Geschäfts macht.

Den Schwellenländern drohen Risiken durch Schwankungen der Wechselkurse

Die OECD hat gerade ein düsteres Bild vom Zustand der Weltwirtschaft gezeichnet und erneut ihre Wachstumsprognosen gesenkt. Die Konjunktur in Brasilien und in den USA kühle sich ab, sagen die Experten, einige Schwellenländer seien durch hohe Wechselkurs-Schwankungen gefährdet, schrieb die Organisation in einer Studie. Die Krise in China und das Ölpreistief haben die internationalen Aktienmärkte seit Jahresbeginn weltweit bedrohlich nachgeben lassen.

Müssen die Unternehmen jetzt ihre Strategie überdenken, ihr Heil in den Schwellenländern zu finden? BASF-Chef Bock winkt ab. "Es rumpelt halt im Moment", sagt er mit einem Achselzucken. Er habe "entschiedene Maßnahmen" ergriffen, um die Kosten herunterzubringen. Aber er werde "die langfristige Strategie weiterverfolgen".

Sein Ausblick für das noch junge Jahr ist aber vorsichtig. Die Prognose sei "mit viel Unsicherheit verbunden". In Europa werde die Wirtschaft etwa wie im Vorjahr wachsen, glaubt Bock, in Amerika werde sie sich verlangsamen. Von Russland und Brasilien hofft er, "dass sich die Rezession etwas abschwächt". Auch China sieht er 2016 mit einer Portion Vorsicht.

Es dämmert: Die Türme eines Industrieparks in Shanghai, den BASF 2006 mit mehreren Partnern eröffnet hat.

(Foto: BASF SE/DPA)

Das Wirtschaftswachstum dort werde "leicht" zurückgehen. Zudem sei es inzwischen stark von Dienstleistungen geprägt und weniger von der Industrie. Das habe negative Folgen für ausländische Lieferanten. "Die Risiken für die Weltwirtschaft steigen weiter", findet er.

Deshalb äußert er sich auch über die weiteren Aussichten für BASF nur vorsichtig. Das Jahr habe für das Unternehmen "verhalten" begonnen, sagt er. Das sei die Folge " einer schwachen Mengenkonjunktur in China". Der Gewinn vor Zinsen und Steuern sowie vor Sondereinflüssen werde im Jahr 2016 leicht unter dem Vorjahreswert von 6,73 Milliarden Euro liegen, sagt er. "Dies ist in dem derzeitigen volatilen und herausfordernden Umfeld ein anspruchsvolles Ziel und besonders vom Ölpreis abhängig."

Seinen Optimismus lässt sich Bock aber nicht nehmen. "Die aufstrebenden Märkte bieten große Chancen für BASF, auch wenn sie momentan langsamer wachsen als erwartet". Irgendwann werde das Wachstum wiederkommen. Und wenn nicht? Sollte China, so philosophiert er, lange Zeit als Wachstumsträger ausfallen, wäre die Folge für Europas Wirtschaft erheblich. "Dann haben wir ein echtes Problem."