Beratung am Schalter Fast jede zweite Bankfiliale wird dicht gemacht

  • Viele Kunden erledigen ihre Bankgeschäfte heute im Internet, für die Banken lohnen sich die Filialen nicht mehr.
  • Einer Studie der Förderbank KfW zufolge ist es "sehr realistisch", dass sich die Zahl der Bankfilialen bis zum Jahr 2035 nahezu halbiert.
Von Meike Schreiber, Frankfurt

Gut möglich, dass es später einmal heißt, die Erzgebirgssparkasse war ein Vorreiter. Ein kleines Institut am Rande der Republik, aber eines mit Weitblick. Vor zwei Jahren entschloss sich Vorstandschef Roland Manz, fast die Hälfte der 97 Filialen zu schließen, gegen den Widerstand von Personalrat, Politik und Sparkassenverband.

Die Gegend leidet seit langem unter Bevölkerungsschwund und die Sparkasse unter zu hohen Kosten. 39 Filialen ersetzte Manz daher kurzerhand durch neue Vertriebswege. Er baute mobile Finanzberater auf, die länger erreichbar sind, und für die Bargeldversorgung kooperierte er mit lokalen Einzelhändlern. Dort können die Kunden Geld an der Ladenkasse abheben.

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Filialen schließen, das machen viele Banken, aber in der Regel eher vorsichtig. Zu groß ist die Angst, Kunden zu vergraulen. Denn nicht nur im Osten, sondern deutschlandweit müssen viele Banken kämpfen. Auf die Gewinne drückt vor allem das niedrige Zinsniveau. Hinzu kommt, dass Kunden nur noch selten in die Zweigstellen kommen und die meisten Bankgeschäfte online erledigen. Zwar geht die Zahl der Filialen schon seit Jahren zurück. Dieser Trend könnte sich nun aber beschleunigen und auch andere Institute zu ähnlich radikalen Schritten wie im Erzgebirge zwingen.

"Verschärfte Ausdünnung"

Die Volkswirte der bundeseigenen Förderbank KfW jedenfalls halten ein Szenario für "sehr realistisch", wonach die deutschen Banken und Sparkassen in den kommenden 20 Jahren 14 600 Filialen schließen werden, was fast einer Halbierung entsprechen würde. In einer noch unveröffentlichten KfW-Studie, die der SZ vorliegt, beschreiben die Experten dieses Szenario "einer verschärften Ausdünnung".

Besonders betroffen sind ostdeutsche Regionalbanken. Sie sammeln zwar viele Kundengelder ein, vor Ort mangelt es aber an Kreditnachfrage. "Ihnen fehlt häufig der Ausgleich durch starkes Firmenkundengeschäft. Banken in den alten Bundesländern weisen eine ausgewogenere Kundenstruktur auf", sagt Marc Jochims von der Beratung Kampmann, Berg & Partner.

Seit der Wende ist daher auch im Osten die Zahl der Filialen zurückgegangen. Wie die KfW in ihrer Studie anlässlich des 25. Jahrestags der Währungsunion zudem erstmals ausgewertet hat, stieg die Zahl der Filialen in den vormals neuen Bundesländern kurz nach der Wiedervereinigung zwar erst einmal deutlich an, um dann aber - nicht ganz so stark wie im Westen - wieder stark zu schrumpfen. Knapp 40 Prozent der Filialen wurden seit der Wiedervereinigung geschlossen. Heute teilen sich im Osten durchschnittlich 3700 Bürger eine Bankfiliale, im Westen hingegen nur 2500, so die KfW-Volkswirte.

Der harte Schnitt hat der Sparkasse im Erzgebirge anscheinend nicht geschadet

Zudem sicherten sich ausgerechnet die Privatbanken, die es in der DDR zuvor nicht gab, einen merklichen Anteil an den ostdeutschen Filialen. Wie die KfW-Zahlen zeigen, unterhalten zwar die Sparkassen weiterhin 54 Prozent der gesamten Niederlassungen, die Volks- und Raiffeisenbanken jedoch nur noch gut ein Drittel und damit zehn Prozentpunkte weniger als zu Wendezeiten. Den Privatbanken gelang dies unter anderem, weil Deutsche Bank und Dresdner Bank 1990 die Filialen der DDR-Staatsbank unter sich aufteilten und kapitalstark in den Osten gingen. Allein die Deutsche Bank investierte von 1990 bis 1992 ganze 3,5 Milliarden D-Mark in den Ausbau des ostdeutschen Filialnetzes und fügte den 122 Staatsbankfilia1en bis 1992 weitere 80 Niederlassungen hinzu.

Solche Milliardeninvestitionen in Filialen wird es sobald nicht mehr geben. Heute müssen die Institute hart darum ringen, wie sie die Kunden künftig noch erreichen. Der Sparkasse im Erzgebirge hat der harte Schnitt bislang nicht geschadet, zumindest wenn man den jüngsten Zahlen glaubt, wonach die Kundeneinlagen 2014 sogar stärker stiegen als im Durchschnitt bei anderen Instituten in Sachsen. "Diesen Weg werden auch andere Institute gehen, allein schon durch das absehbare Jahrzehnt der Niedrigzinsen", sagt Unternehmensberater Bernd Nolte von 4P-Consulting, der die Sparkasse im Erzgebirge bei der Radikalkur begleitet hat. "Die Häuser müssen andere Vertriebswege ausprobieren, sonst überleben sie nicht.