Bank Sarasin Cum, Ex und weg

Mit Drogeriemärkten ist Erwin Müller reich geworden. Mit Finanzanlagen hatte er bisweilen weniger Erfolg.

(Foto: dpa)

Drogerie-Milliardär Erwin Müller fühlt sich von dem Schweizer Geldinstitut falsch beraten. Er verlor Millionen und kämpft um sein Geld.

Von Stefan Mayr, Stuttgart

Erwin Müller trägt zwei graue Hörgeräte, das rechte Augenlid hängt ein bisschen, zwischen seinen beiden Anwälten wirkt er eher klein. Die Frage des Richters nach seinem Beruf beantwortet der 85-Jährige mit: "Friseurmeister." Das ist eine heftige Untertreibung des Milliardärs, der seine Drogeriekette aus dem Nichts zu einem Imperium mit 800 Filialen aufgebaut hat. Doch von seiner Angriffslust hat Müller nichts verloren: "Sie dürfen mich nicht fotografieren!", herrscht er mit erhobenem Zeigefinger und lauter Stimme einen Journalisten an. Mit seinem gebräunten Teint und einer modischen Brille mit schwarz-silberfarbenem Gestell sieht er jünger aus als 85.

Im dunkelblauen Anzug, blütenweißem Hemd und dunkelblauer Krawatte sitzt Müller am Freitag im Sitzungssaal 11 des Stuttgarter Justizzentrums und kämpft um 45 Millionen Euro Schadenersatz von der Schweizer Bank Sarasin mit Stammsitz in Basel. Die Chancen stehen gut nach der Verhandlung beim Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart. Müllers Vorwurf: Das traditionsreiche Baseler Institut habe ihn falsch beraten, bevor er im Jahr 2011 für etwa 50 Millionen Euro Anteilsscheine des sogenannten Sheridan-Fonds zeichnete und fast alles verlor.

Deutschlands Drogeriekönig bei Gericht, das ist eine kleine Sensation. Müller zeigt sich fast nie in der Öffentlichkeit. Er steuert seinen Konzern, auch in hohem Alter noch, lieber aus dem Hintergrund. Jetzt aber, vor Gericht, will der Milliardär seiner Millionenklage Nachdruck verleihen - mit eigenen Worten. Dass der Sheridan-Fonds riskant und womöglich sogar kriminell agiert habe, das habe man ihm nicht erklärt, beteuern Müller und seine Anwälte. Der Unternehmer berichtet von einem Gespräch am 14. Februar 2011 in seinem Ulmer Büro mit einem Emissär der Bank Sarasin. Man habe ihm gesagt, die Kapitalanlage sei bei der Allianz versichert. Deshalb sei er davon ausgegangen, dass er sein Geld wiederbekomme. "Das hat für mich den letzten Ausschlag gegeben", so der Milliardär.

Doch am Ende war das Geld weg. Der Fonds hatte in Börsendeals investiert, bei denen Aktien mit (Cum) und ohne (Ex) Dividende gehandelt worden waren. Der Clou an der Sache: Nach Erkenntnissen von Staatsanwälten ging es um den Griff in die Staatskasse. Cum-Ex-Akteure hätten sich Steuern erstatten lassen, die sie gar nicht gezahlt hatten. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen Ex-Beschäftigte von Sarasin und viele andere Beschuldigte wegen mehrerer Vorwürfe: Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall beziehungsweise Beihilfe hierzu sowie Betrug von Kapitalanlegern wie Müller. Gegen die Bank läuft ein Bußgeldverfahren.

Müllers Anwalt Eckart Seith hatte Anzeige erstattet und so die Ermittlungen in Gang gebracht, bei denen es um Aktiendeals vor 2012 geht. Damals war Schluss gewesen mit Cum-Ex-Deals, weil die Bundesregierung eine Gesetzeslücke im Handel mit Aktien schloss. Müller, der nach eigenem Bekunden und nach Erkenntnissen der Ermittler von dem zweifelhaften Agieren des Sheridan-Fonds nicht gewusst hatte, musste seine Millionen abschreiben. Eine Allianz-Versicherung für die Kapitalanlagen der Sheridan-Investoren hatte es nicht gegeben. Beim OLG sitzen Müller zwei Anwälte des Geldinstituts gegenüber. Ein Vertreter der Bank, die nach einem Eigentümerwechsel inzwischen J. Safra Sarasin heißt, ist nicht nach Stuttgart gekommen. Sarasin-Anwalt Markus Meier sagt: "Herr Müller wusste sehr wohl, was er macht." Er sei hinreichend über die Risiken seiner Geldanlage informiert worden. Doch das OLG sieht das etwas anders. Der Vorsitzende Richter Markus Kittel zerpflückt das Vorgehen der Bank dermaßen in seine Einzelteile, dass Müllers Anwalt Seith mehrmals zufrieden nickt und ab und zu siegessicher schmunzelt.

Die Bank habe "nicht ansatzweise" ihre Beratungspflicht erfüllt, sagt Richter Kittel. Aus den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Köln gehe hervor, dass es bei Sarasin interne Mahner gegeben habe, die vor den Sheridan-Fonds und ihren Verkäufern gewarnt und einen Reputationsverlust für das Geldinstitut befürchtet hätten. "Da ist doch klar, dass da irgendetwas nicht in Ordnung ist", so der Richter. Wenn nicht alles täuscht, steuert Erwin Müller wie schon in der ersten Instanz beim Landgericht Ulm auf einen Erfolg zu. Beim OLG beteuert der Milliardär noch, er sei "kein Spielertyp, ich war in meinem Leben nur einmal im Casino. Dabei habe ich in Australien 20 Dollar verloren, seitdem habe ich nie mehr gespielt."

Vielleicht nicht im Casino. Aber gezockt hat er schon, mit Währungswetten gegen den Schweizer Franken. Dabei soll er vor Jahren viel Geld verloren haben, mehr als bei Sheridan.