Viele Jahre interessierte sich kaum jemand für die Prognosen der Chefökonomen der Banken. Doch die Finanzkrise beschert ihnen ein Comeback.
Womit beschäftigt sich eigentlich ein Chefvolkswirt? Der blechern klingende Begriff legt nahe, dass es wohl keine eindeutige Antwort gibt.
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Jahreszahlen, Linien, Zuwachsraten: Womit beschäftigt sich eigentlich ein Chefvolkswirt? "Diese Aufgabe bleibt auf ewig unkommunizierbar", meint dazu Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank. (© Grafik: Süddeutsche Zeitung)
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Bert Rürup, von April an beim Finanzdienstleister AWD in dieser Funktion tätig, hat sich dazu schriftlich auf zwei DIN-A4-Seiten Gedanken gemacht. Gebeten um eine griffige Definition, bezeichnet er sich im persönlichen Gespräch dann als "Chefberater der Unternehmensleitung in wirtschaftlichen Fragen".
Kaum kürzer geht es bei Dirk Schumacher, dem Chefvolkswirt der US-Bank Goldman Sachs in Deutschland. Er sieht sich als "Sparringpartner der Kunden im Kampf um die besten Argumente."
Norbert Walter, altgedienter Chefökonom der Deutschen Bank, winkt sofort ab. "Diese Aufgabe bleibt auf ewig unkommunizierbar."
"Das hat etwas Visionäres"
Thorsten Polleit, Chefökonom der britischen Bank Barclays, findet ganz andere Worte. "Das hat etwas Visionäres", sagt er. "Ich muss weiter schauen als andere und versuche, mich gedanklich nicht einzuengen."
Das Selbstverständnis dieser vier deutschen Chefvolkswirte mag divergieren, aber ein Ziel verbindet alle: Sie richten den Blick auf das große Ganze und versuchen, die Wirtschaftsentwicklung zu prognostizieren.
In guten Zeiten, wenn die Konjunktur brummt, ist das eine wenig beachtete Aufgabe. In den vergangenen Jahren waren eher die Investmentbanker und Aktienanalysten für Interviews gefragt. Doch mit der Finanzkrise hat sich das Blatt gewendet.
Jetzt, da alle wissen wollen, wie lange die Rezession dauert, stehen die Chefökonomen der Finanzinstitute wieder im Mittelpunkt. Alle hören zu, wenn die Sterndeuter ihre Analysen abliefern, etwa zur Zinsentwicklung, zum Euro-Wechselkurs, zum Wirtschaftswachstum.
Für ihre Arbeitgeber, die Banken, ist das in diesen Zeiten wichtig. Gerade jetzt, da der Ruf der Branche angeschlagen ist, profitieren die Institute von der Expertise ihrer angestellten Chefökonomen.
Vorgeschriebene Zahl von Medienauftritten
Erfüllen sich deren Prognosen, dann strahlt die gewonnene Reputation auch auf den Arbeitgeber ab - und sorgt für mehr Vertrauen bei den Kunden. So ist die Öffentlichkeitsarbeit auch Teil des Jobs, obwohl das je nach Finanzinstitut unterschiedlich gehandhabt wird. Aber mancher Arbeitsvertrag, so ist zu hören, schreibt eine bestimmte Zahl von Fernseh- oder Zeitungsauftritten vor.
Norbert Walter zum Beispiel ist Dauergast in den Medien. Eine Pflichtquote für Auftritte wäre bei ihm sinnlos, er hätte sie in letzter Zeit sowieso übererfüllt.
Im Vorzimmer seines Büros auf der 24. Etage des Deutsche-Bank-Turms liegen dunkelrote Aktenmappen am Boden, auf denn Tischen stapeln sich Papiere, die Bücherwand in Walters Büro ist gut gefüllt.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie sehr bestimmte Chefökonomen den Wettbewerb lieben.
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Demonstrationen in Hamburg