Ein Kommentar von Michael Bauchmüller

Union und SPD scheinen die allerletzte Chance für eine vernünftige Bahnprivatisierung zu nutzen, nachdem viel Zeit mit Machtspielchen verplempert wurde. Jetzt soll alles schnell gehen - das erhöht die Fehlerquote.

Für die Vernunft ist es nie zu spät, nicht einmal bei der SPD. Es sieht ganz so aus, als könnte Kurt Beck die skeptische Basis seiner Partei doch noch von einem Bahn-Börsengang überzeugen.

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Die Berliner Politik - beherrscht vom Streit um die Deutsche Bahn. (© Foto: dpa)

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Die Bahn wird vielleicht nicht mehr zur Hälfte privatisiert, sondern nur zu einem Viertel; das begrenzt den Einfluss von Investoren. Die wenigsten Sozialdemokraten, so viel ist klar, werden das Vorhaben von Herzen unterstützen. Sie tun es Beck zuliebe. Zu groß ist das Unbehagen, ausgerechnet die Bahn dem Kapitalmarkt auszuliefern, und sei es nur teilweise.

Schon wahr, die Bahn ist kein normales Unternehmen. Wer sie regelmäßig benutzt, den verbindet mit ihr eine innige Hassliebe. Züge sind zu spät oder zu schmutzig oder zu voll oder alles zusammen, das Personal ist entweder zu langsam (beim Fahrkartenverkauf) oder zu forsch (bei der Beratung), der Schaffner ist unfreundlich und weiß noch nicht einmal, warum der Zug jetzt schon seit fünf Minuten stillsteht. Umfragen zufolge will die Mehrheit der Deutschen, dass dieses Unternehmen zwar besser wird, nicht aber mit privater Hilfe. Das ist seltsam.

Wachsender Wettbewerb für neue Strecken

Wer immer zuletzt darauf gesetzt hat, dass bei der Bahn alles bleibt, wie es ist, hat eins vergessen: Um die Bahn herum bleibt nichts wie bisher. Beispiel Regionalverkehr: Jahrelang pflegten die Bahn und einige Länder eine eigenartige Symbiose. Die Bahn erhielt Aufträge ganz ohne Ausschreibung, die Länder bekamen hübsche Bahnhöfe oder elektrifizierte Strecken. Wettbewerber gingen leer aus - obwohl sie günstiger waren.

Doch neuerdings schaut die EU-Kommission strenger auf die Vergabe der Millionenaufträge, der Wettbewerb wird härter. Beispiel Fernverkehr: Kaum irgendwo ist Europa so in alten Grenzen gefangen wie hier. Doch peu à peu fallen die Hürden. Französische, polnische, niederländische Züge werden irgendwann auch Ziele im deutschen Hinterland anfahren - und die Deutsche Bahn umgekehrt auch. Im Güterverkehr ist das schon üblich.

Das allerdings schaffen nur Unternehmen, die auch unternehmerisch denken, die Chancen ergreifen. Ob das der Deutschen Bahn als Staatsunternehmen dauerhaft gelänge, steht zu bezweifeln. Mag zwar sein, dass private Investoren von unrentablen Strecken nichts wissen wollen. Mag aber auch sein, dass ein wachsender Wettbewerb neue Strecken überhaupt erst möglich macht. Und fraglos muss der Bund Mehrheitseigentümer bei Fern- und Regionalverkehr bleiben: Nur so kann er verhindern, dass Regionen vom Bahnverkehr abgekoppelt werden.

Wer wird der Chef?

Noch ist längst nicht alles getan. Die wichtigen Entscheidungen liegen noch vor der Koalition, und da liegt der Teufel im Detail. Einerseits will der Bund sein Schienennetz behalten, andererseits aber soll die Bahn es verwalten. Doch wer wird der Chef? Derselbe, der über die Züge gebietet? Dann wäre es um den Wettbewerb auf den Schienen schlecht bestellt. Soll das neue Modell Deutschland voranbringen, muss der Bund auf einer klaren Trennung bestehen.

Leider hat die Koalition viel zu viel Zeit mit untauglichen Modellen und Machtspielchen verplempert. Für das eigentliche Projekt bleibt jetzt nur noch wenig Zeit. Soll die Bahn noch in diesem Jahr an die Börse, muss alles schnell gehen. Das birgt Fehlerpotential, ist der Koalition aber nun einerlei. Denn immerhin hat sie überhaupt wieder ein Projekt, bei dem sie gemeinsam weiterkommt.

Murks gab es genug beim Bahnprojekt

Das möglicherweise ist die entscheidende Botschaft. Die Koalition ist doch noch nicht tot - sie hat noch Kraft und Willen zu Fortschritten in der Sache. Gerade die Bahnreform war in den vergangenen Wochen zum Beleg für das Gegenteil geworden. Noch bis Sonntagabend schien es vor allem darum zu gehen, wer den schwarzen Peter am cleversten weiterreicht; niemand wollte schuld am Scheitern sein. Jetzt hat die Koalition eine allerletzte Chance, die Bahn vernünftig zu privatisieren. Murks hat die Republik bei diesem Projekt genug gesehen.

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(SZ vom 15.04.2008/jkr)