Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Drei Akteure, drei Auftritte: wie einig sich die Kontrahenten Bahn und Lokführer-Gewerkschaft wirklich sind, wird erst der fertige Tarifvertrag zeigen. Bis dahin rechnen sich beide Seiten ihren Durchbruch im Tarifstreit schön.

Sollte dieser Konflikt nun tatsächlich ausgestanden sein? Sollten sich Bahn-Vorstand und Gewerkschaft tatsächlich einig geworden sein, nach elf Monaten einer Auseinandersetzung, wie sie in der bundesdeutschen Tarifgeschichte ohne Beispiel war? Drei Akteure, drei Auftritte: GDL-Chef Manfred Schell trat vor die Kameras und verkündete eine Einigung, "zu 99 Prozent". Margret Suckale, die Kontrahentin von der Bahn, zog das Mittel der schriftlichen Erklärung vor - und verkündete eher Optimismus als Tatsachen. Lieber nicht zu voreilig sein. Wer damit keine Probleme hatte, war der Verkehrsminister. Wolfgang Tiefensee sagte, "die letzte Hürde" sei genommen.

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Sein Wort in Gottes Ohr. Die letzte Hürde in diesem Konflikt ist genommen, wenn die Bahn- und Gewerkschaftschefs erfolgreich den jeweils letzten Buchstaben ihres Namens unter den kompletten Tarifvertrag geschwungen haben, und nicht nur auf einen Zettel mit den wichtigsten Stichpunkten. Dies soll bis zum 31. Januar geschehen. Bis dahin muss noch eine Reihe von Details geklärt werden, und man braucht nur von durchschnittlicher Bösgläubigkeit sein, um sich die ein oder andere Eskalation vorstellen zu können.

Tarifergebnisse müssen stets so ausfallen, dass alle Seiten sie sich schön rechnen können. Immerhin kann die GDL nun behaupten, jene zweistellige Lohnerhöhung durchgesetzt zu haben, die sie ihren Mitgliedern von Anfang an versprach. Es sind bei weitem nicht jene 31 Prozent geworden, die der Vorsitzende Schell monatelang öffentlich gefordert hatte.

Aber dieser Prozentsatz hatte ohnehin nur die Funktion, den ersehnten eigenständigen Tarifvertrag für die Lokführer durchzusetzen. Die Bahn wiederum wird argumentieren können, dass das Ergebnis eben nicht zweistellig ausgefallen ist - wenn man den Zuschlag von elf Prozent, den die Lokführer insgesamt erhalten sollen, über die komplette Laufzeit des Vertrags von 19 Monaten berechnet. Der Vertrag läuft rückwirkend bereits seit Juli 2007, die erste von den zwei vereinbarten Tariferhöhungen wird aber erst im April fällig.

Und die beiden anderen Bahn-Gewerkschaften Transnet und GDBA? Sie mögen zu dem Schluss kommen, dass die Lokführer nun ein höheres Plus erzielen konnten als ihre Klientel - was ihnen eigentlich nun die Handhabe gibt, ihren Tarifvertrag mit der Bahn zu kündigen. Dem gegenüber steht, dass die Lokführer die von ihnen angestrebte Arbeitszeitverkürzung erst von Februar 2009 an erreicht haben. 13 Monate Zeit also für Transnet und GDBA, sich eine Kompensation auszudenken und zu fordern.

Zwei Motive werden den Minister Tiefensee getrieben haben, als er seinen Terminkalender mit den Unterschriften der Konfliktgegner in die Kameras hielt: Er war am Sonntag wild entschlossen, ein Held zu sein. Und er wollte Fakten schaffen. Auf dass die Streithähne bloß nicht auf die Idee kommen, sie könnten es sich noch einmal anders überlegen.

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(SZ vom 14.01.2008/bavo)