Ein Kommentar von Hans von der Hagen

Fast stand zu befürchten, dass sich die Gewerkschaften in Deutschland selbst abschaffen. Ganz konsensorientiert. Die GDL hat jetzt "Halt!" gerufen.

Noch Anfang der neunziger Jahre waren sich die Ökonomen einig: Eines werde es in Deutschland gewiss nicht mehr geben - einen Lohnrückgang. Kein Wirtschaftsdatum schien so unverrückbar aufwärts zu zeigen wie das Gehaltsniveau.

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Doch es ist anders gekommen: In vielen Bereichen wird Arbeit für Unternehmen billiger. Es geht ganz einfach: Mitarbeiter werden in neue, tarifvertragsfreie Gesellschaften ausgegliedert oder gleich ganz als Selbständige behandelt, Zeitarbeiter eingestellt, Gehaltszuwächse durch Mehrarbeit kompensiert oder neue Tarifwerke geschaffen wie etwa im öffentlichen Dienst.

Und gibt es dann doch mal bescheidene Gehaltserhöhungen, sorgt die Inflation dafür, dass am Ende immer noch weniger bleibt.

Die Mitarbeiter halten still, denn es findet sich anscheinend immer jemand, der die Arbeit auch für weniger Geld macht.

Diese Entwicklung lässt sich in vielen Branchen beobachten und macht nur vor einem Ort halt: der Vorstandsetage. Dort sind die Gehälter in den letzten Jahren - Flaute hin oder her - beträchtlich gestiegen.

So war es auch bei der Bahn. Jahrelang hatten sich die Lokomotivführer in Geduld geübt, reale Lohneinbussen hingenommen, erfolglos gefochten - und immer wieder stillgehalten. Beinahe hätten sie schon einmal den großen Streikhammer herausgeholt, im Jahr 2003. Doch im letzten Moment gab es dann wieder eine Einigung - eine von denen, über die man sich im Nachhinein nur ärgert.

Das sollte im Jahr 2007 anders werden: Es war das Jahr des Aufschwungs, in dem sich die Bahn groß für den Börsengang herausputzen wollte, mit blitzenden Bahnhöfen und billigen Mitarbeitern.

Nur hatte der Konzern übersehen, dass die GDL doch einmal durchgreifen könnte. Gewöhnt an die zahme Hausgewerkschaft Transnet erkannte sie nicht das Machtpotential der kleinen Lokführervereinigung. Und so traf der Ausstand der Lokführer die Bahn erstaunlich unvorbereitet.

Vielleicht auch, weil die Lokomotivführer auf das pfiffen, was sonst den Gewerkschaften heilig ist: Solidarität. Sie machten es vielmehr so wie der Bahnvorstand: Wortreich den Zusammenhalt der Eisenbahner zu loben - und sich selbst kaum darum scheren. Wenn die Macht da ist, funktioniert das eben. Beim Vorstand - und jetzt auch bei den Lokführern.

Genau genommen aber ist das Vorgehen der Lokomotivführer weniger ruppig als es scheint, denn die anderen Bahn-Beschäftigten werden von der jetzt getroffenen Einigung ebenfalls profitieren. Schon vor Monaten hatte die viel größere Transnet befürchtet, dass die GDL mehr durchsetzen könnte als sie selbst und sich vertraglich zusichern lassen, dass bei erfolgreichem GDL-Abschluss neu verhandelt werde. Selbst wenn sie in diesem Fall noch darauf verzichten würde: Die Messlatte ist jetzt für die nächsten Jahre deutlich höher gehängt worden.

Doch die GDL, diese seltsam unprofessionell aber auch zuweilen schrullig-charmant auftretende Gewerkschaft, hat noch viel mehr erreicht: In einer Zeit, in der den Arbeitnehmervertretungen die Mitglieder in Scharen davonrennen, in der Gewerkschaften oft nur noch die schiere Größe das Überleben zu sichern scheint, beweist die GDL: Es lohnt zu bleiben. Gewerkschaften sind noch nicht so machtlos, dass sie überflüssig sind.

Natürlich profitiert die GDL dabei von der Möglichkeit ihrer Mitglieder, mit wenig Mitteln relativ große Wirkung erzielen zu können - aber auch von der Bauernschläue ihres Vorsitzenden. Er wurde von seinen Leuten für das Sturbleiben bezahlt. Stur blieb er - und wird nun dafür mit einem der üppigsten Tarifabschlüsse in den vergangenen Jahren belohnt.

Die deutschen Gewerkschaften sind nach Jahren der Wirtschaftsflaute straff konsensorientiert. Das ist nicht verkehrt, die maßvollen Abschlüsse der vergangenen Jahre haben die Wirtschaft wieder vorangebracht. Aber sie haben auch die Verdienstschere zwischen Arbeitnehmern und der Führungspitze weit aufgehen lassen und die Neiddebatte angefacht. In den Führungsetagen ist der Aufschwung angekommen - der Rest kennt ihn nur vom Hörensagen.

Der Abschluss der GDL ist ein Korrektiv für diese Entwicklung. Er wird viele Gewerkschaften zum Nachdenken bringen. Vor allem jene, die ihre Mitglieder nur noch durch Selbstgefälligkeit verstören.

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(sueddeutsche.de/bgr/mah)