Interview: Hans von der Hagen

Millionen Pendler werden in den nächsten Tagen festsitzen: Viele müssen auf Taxis ausweichen, andere das eigene Auto nutzen. Was das kosten könnte, sagt Verkehrsexpertin Claudia Kemfert.

sueddeutsche.de: Die Lokführer wollen vier Tage lang den Nahverkehr bestreiken? Was kostet das die Volkswirtschaft?

Claudia Kemfert: "Würde der Nahverkehr deutschlandweit lahmgelegt, dürften im Schnitt um die 4,6 Millionen Pendler und Reisende pro Tag betroffen sein." (© Foto: Kemfert)

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Claudia Kemfert: Würde der Nahverkehr deutschlandweit lahmgelegt, dürften im Schnitt um die 4,6 Millionen Pendler und Reisende pro Tag betroffen sein. Ein Teil von ihnen wird Geld ausgeben müssen, um etwa mit einem Taxi oder einem Mietwagen zur Arbeit zu kommen. Andererseits profitieren davon Unternehmen und zahlen entsprechend höhere Steuern. Wir gehen davon aus, dass ein Streiktag im Nahverkehr rund 25 Millionen Euro kosten könnte.

sueddeutsche.de: Wie haben Sie das berechnet?

Kemfert: Rund ein Fünftel der Betroffenen, also knapp eine Millionen Leute, zahlen in unserer Rechnung 50 Euro für die alternativen Transportmittel. Ein ebenso großer Anteil schafft es womöglich nicht zur Arbeit zu kommen - dafür haben wir Einnahmeausfälle von ebenfalls 50 Euro kalkuliert. Die höheren Gewinne der Transport- und Mietwagenunternehmen wurden gegengerechnet.

sueddeutsche.de: Lässt sich denn so genau sagen, wem tatsächlich ein Schaden entsteht? Viele haben Monatskarten, können vielleicht auf spätere Züge ausweichen und bezahlen nicht mehr Geld.

Kemfert: Es ist schwer zu sagen, wie viele Leute tatsächlich betroffen sind, die Zahlen sind nur grobe Anhaltspunkte. Deutschlandweit nutzen rund vier Millionen Berufspendler, Schüler und Auszubildende den Nahverkehr, die zum größten Teil eine Zeitkarte nutzen.

sueddeutsche.de: Verursacht das Zuspätkommen der Pendler Kosten?

Kemfert: Bei einem viertägigen Streik dürften Unternehmen noch keine nennenswerten Belastungen entstehen. Daher sind diese Kosten auch nicht in die Rechnung eingeflossen. Das sähe natürlich anders aus, wenn der Güterverkehr ebenfalls bestreikt würde.

sueddeutsche.de: Wie teuer wäre das für die Volkswirtschaft?

Kemfert: Ungefähr 10 Millionen Euro pro Tag, wenn wichtigte Knotenpunkte wie Häfen bestreikt werden. Der Nahrungs- und Genussmittelsektor kann teilweise auf die Straße ausweichen, dies ist aber in der Metallverarbeitung kaum möglich. Sollte deutschlandweit über eine Woche lang gar kein Zug mehr fahren, könnten die Kosten im Personen- und Güterverkehr auf bis zu 500 Millionen Euro täglich ansteigen.

 (sueddeutsche.de)

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(Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin und ist Professorin für Umweltökonomie an der Humboldt-Universität Berlin)