Autosalon Genf Google in Wolfsburg

Verzweifelt versucht Volkswagen, von der Diesel-Affäre abzulenken. In Genf stellt der Konzern seine Visionen für autonomes Fahren vor.

Von Thomas Fromm, Genf

Kann man ein Unternehmen durch Sprache verändern? Und wäre eine Welt, in der sich alle nur noch duzen, nicht die perfekte, die bessere Welt? Konzerne ohne die sonst üblichen Hierarchien, Abteilungen, in denen alle gleich sind? Johann Jungwirth steht jetzt an einen Tisch gelehnt und sagt: "Ich möchte, dass wir uns alle duzen, lasst uns das 'Sie' einfach abschaffen."

Jungwirth, den sie hier bei Volkswagen alle "JJ" nennen und das auf Englisch, hat lange für Daimler und Apple im Silicon Valley gearbeitet, in einer Gegend, in der die Sprache eh kein 'Sie' vorgesehen hat; da ist es natürlich einfach, sich zu duzen. Seit dem vergangenen Herbst aber ist Johann "JJ" Jungwirth "Head of digital transformation" bei VW, in einem Konzern, in der ein Chef bis vor Kurzem noch mit "Herr Professor" angesprochen wurde. Wenn überhaupt: Von dem früheren Aufsichtsratschef und Konzernpatriarchen Ferdinand Piëch hieß es manchmal, dass es Leute gebe, die ihn am liebsten gar nicht direkt angesprochen haben. Aus Furcht. Oder Ehrfurcht.

Jetzt also kommt JJ und will sie alle duzen. Der Wolfsburger Reformator, direkt aus Kalifornien.

Ob es allein der dreckige Diesel war, der JJ nach Wolfsburg brachte, lässt sich im Nachhinein nicht mehr hundertprozentig klären. Jedenfalls war es im Oktober, und VW steckte seit ein paar Wochen in der Diesel-Affäre fest, da soll der neue VW-Konzernchef Matthias Müller Jungwirth an einem Flughafen getroffen haben. Eine Stunde Gespräch, da war die Sache klar: Jungwirth wechselt von Kalifornien nach Niedersachsen. Einen, von dem es heißt, dass er bei Apple an selbstfahrenden Elektroautos gearbeitet hat, konnte man in dem Konzern gut gebrauchen. Es musste ja irgendwie weitergehen.

Am Montagabend in Genf also der erste große Auftritt im Konzern. Es ist Automesse, VW lädt zur Vorabendparty, alles soll diesmal kleiner sein als ein den vergangenen Jahren, als man noch mit viel Bombast und Lichteffekten vor 2000 Menschen seine Autos auf die Bühne rollte. Diesmal sind noch ein paar Hundert Gäste übrig von einst, ein kleines Loft am Genfer Flughafen statt Megahalle. Die, die hier jahrelang den Takt angaben und die Parade der rollenden Autos abnahmen - der frühere VW-Chef Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch - sind längst nicht mehr dabei.

Darum geht es in diesen Tagen in Genf: Autos. Hier ein neues Modell von VW, der T-Cross Breeze.

(Foto: Martial Trezzini/dpa)

Draußen vor dem Eingang landet gerade eine Etihad-Maschine, Kerosingeruch im Spätwinternebel, drinnen im Loft wird eine neue Bescheidenheit zelebriert. Der alte VW-Zirkus ist tot, jetzt steht das Ganze unter dem Motto: "Get closer". Was auch sonst. Der Absatzschwund von Volkswagen in den USA hält an, der Verkauf ging im Februar um rund 13 Prozent zurück. In solchen Zeiten rückt man in Großunternehmen eh automatisch zusammen. Früher war das hier die große Bühne. Jetzt steht VW-Chef Müller auf gleicher Höhe mit dem Publikum, spricht vom großen "Aufbruch" des Konzerns, übergibt dann das Wort.

"Johann, die Bühne gehört dir." Diesel-Affäre? Skandal? Rückrufaktionen? Sammelklagen? Stress in den USA? Alles gut und schön, aber der Blick muss jetzt auch mal nach vorne. Wenn 2015 das Jahr des Diesel-Skandals war, dann soll 2016 nach Müllers Plan das Jahr sein, in dem man die Affäre wieder aus der Welt schafft. Der Zeitplan steht fest: Ende April will der Konzern seine Untersuchungsergebnisse bekannt geben: Wer hat die Manipulations-Software in die Motoren gepackt? Wer hat davon gewusst? Bis Ende März wollen die amerikanischen Behörden von VW wissen, wie man die Probleme in den 600 000 Diesel-Fahrzeugen in den USA nun beheben will. An diesem Donnerstag sollen erneut VW-Mitarbeiter mit den US-Behörden über eine Lösung sprechen. Wie schlecht die Stimmung zwischen VW und den US-Behörden sei, wird Müller gefragt. Der lächelt. Die Gespräche seien konstruktiv, sagt er. Und: Die Amerikaner hätten keineswegs die Absicht, "VW zu ruinieren".

Müller weiß, dass er eine neue gute Geschichte braucht, um zumindest für diesen Abend die Diesel-Geschichte in den Hintergrund treten zu lassen. Und die Geschichte dieses Abends heißt: Silicon Valley.

"Schön, dass ihr hier seid", sagt der Mann, der für die Zukunft zuständig ist

Deshalb kommt der 42-jährige Chefdigitalisierer Jungwirth jetzt auf die Bühne und sagt: "Schön, dass ihr hier seid." Der Mann könnte natürlich Adidas-Latschen tragen und ein graues T-Shirt, aber so weit ist es noch nicht. JJ trägt blaues Hemd, graue Hose und graue Wildlederboots. Aber sonst klappt das schon ganz gut mit Kalifornien: In fünf bis sieben Jahren will er bei VW selbstfahrende Autos ohne Lenkrad bauen. Autos, die einen morgens von zu Hause abholen und abends wieder heimbringen. Und dann diskret verschwinden, um morgens wiederzukommen. Jungwirth zeigt eine Straßenszene in Berlin. Vorher, also heute: Die Straßenränder am späten Abend voller geparkter Autos. Nachher, also in ein paar Jahren: alle Autos weg.

In der Ära der selbstfahrenden Vehikel gibt es wohl nur noch Durchgangsverkehr. Bleibt die Frage: Wo sind sie denn alle hin, die autonomen Autos, wenn es Nacht wird in Berlin? In Luft aufgelöst? Ab nach Kalifornien? Komisch. Das Leben wird anders, wenn unser Auto zu unserem Freund wird, wenn wir morgens mal kurz mit ihm reden und ihm einen Namen geben.

Noch ist es aber nicht so weit mit der schönen neuen Autowelt; noch hat VW eine Menge Probleme mit elf Millionen Dieselfahrzeugen, in denen eine betrügerische Software steckt, mit der bei Abgasmessungen manipuliert wurde. Aber irgendwann soll das alles ausgestanden sein. Und dann wäre es schön, wenn es so käme, wie Jungwirth es plant: eine Art Google-Auto aus Wolfsburg.

Die Frage ist an diesem Tag aber nicht nur, ob es VW schaffen wird, in fünf Jahren aus seinem Zwölf-Marken-Konzern mit VW und Skoda, Bugatti und Lamborghini einen Hersteller von selbst fahrenden Elektroautos zu schmieden. Die Frage ist: Ist das politisch überhaupt machbar? Kurz nach Jungwirths Auftritt wird bekannt: Bereits Mitte Februar hat ein selbstfahrendes Auto von Google offenbar einen Unfall verursacht: Auf einer Straße bei San Francisco soll der Wagen in einen Linienbus gefahren sein, während er ein Hindernis umfahren wollte. Verletzt wurde niemand, die Geschwindigkeit beim Aufprall war gering. Aber Google musste eine Mitverantwortung für den Aufprall einräumen. Das Fahrzeug und der Testfahrer seien davon ausgegangen, dass der Bus bremse und das Auto passieren lasse. Eine Frage der Software, die nun aktualisiert wird. Ein Zwischenfall, der zeigt: Noch ist es ein Risiko, Autos ohne Lenkrad auf die Straße zu lassen.

Aber eine Botschaft ist VW an diesem Abend losgeworden: Der Autobauer, den sie in den USA gerade mit Milliardenklagen überhäufen und in die Zange nehmen, möchte jetzt gerne ganz anders sein. Am liebsten ein bisschen so wie Jungwirth.