Automatenspiel Das Ende der Zockerbuden

In Kürze sollen viele Spielhallen aus den Städten verschwinden. Die Branche wehrt sich, Verwaltungen sind überfordert - und das Schlimmste kommt noch.

Von Jan Willmroth

In diesen Räumen treffen jeden Tag, jeden Abend Menschen mit bitteren Schicksalen aufeinander. Die helle Sommernacht lässt selbst das Betongebäude im Münchner Westen wärmer wirken. Über dem Haupteingang steht in greller roter Leuchtschrift "Spiel Center". Es ist die größte Automatenbude Deutschlands und fast Mitternacht. Primetime. Aus einer der Türen tritt ein Türke, Mitte fünfzig, verwaschenes Kurzarmhemd. Er zupft eine Gauloises aus der Schachtel und zieht so kräftig daran, dass die Glut schief abbrennt. Alle paar Wochen riskiert er 50 Euro an einem der mehr als hundert Automaten, im U-Bahn-Imbiss hart verdientes Geld. Bloß nicht dem Zocken verfallen, wie der eine, der seine Miete nicht mehr zahlen kann.

Der Mann grinst. "Muss man aufpassen", sagt er, "irgendwann ist immer das erste Mal. Erstes Spiel, erster Gewinn. Dann wird's gefährlich."

Paul Gauselmann, 81, Deutschlands größter Automatenbetreiber, hat viele erste Male hinter sich, und meistens hat er gewonnen. Er hat erfunden, was im Münchner Spiel-Center passiert. 1974 eröffnete Gauselmann in Delmenhorst seine erste moderne Spielhalle. Es war die Geburt eines Konzepts, das ihn reich machte und mächtig und ihm viele Feinde einbrachte. Jetzt wartet er auf den Brief der Stadtverwaltung: Deutschlands erste Spielhalle soll schließen, sie liegt zu nah an einem Laden der Konkurrenz. Ein neues Gesetz schreibt einen Mindestabstand von 100 Metern vor. Weil die Stadt aber nicht wusste, welche der beiden Hallen sie schließen soll, entschied im Juni das Los. Ausgerechnet.

Noch ist nicht klar, wie viele Spielhallen bis Mitte kommenden Jahres schließen müssen, sicher sind nur zwei Dinge: Es werden die meisten sein, und die Kommunen stellen sich auf eine Klagewelle ein. Manche sagen lieber "Spielhölle", um die Läden zu beschreiben, die fest verwachsen sind mit deutschen Städten, die Straßenzüge prägen und doch den meisten Bürgern fremd sind. Höllen, in denen Geld verbrannt wird, die süchtig machen, die Menschen in die Schulden treiben. Gauselmann schwärmt: "Durch das Spiel vergisst man alles um einen herum, seine Alltagsprobleme lässt man draußen. Viele Kunden lassen bei uns ihren Frust ab."

Die Kommunen stellen sich auf Hunderte, vielleicht Tausende Verfahren ein

Zwischen 1,5 und zwei Millionen Menschen zocken hierzulande an den flirrenden Automaten in Spielhallen und Kneipen, mehr als 316 000 der Geräte fressen das Geld der Spieler. Der Umsatz mit den Automaten hat sich seit 2005 annähernd vervierfacht. Heute gibt es etwa 9000 Spielhallen-Konzessionen im Bundesgebiet. Noch.

Denn in spätestens einem Jahr endet die Schonfrist, die der Glücksspielstaatsvertrag den Spielhallen gewährt. In dem umstrittenen Gesetz haben die Bundesländer vor vier Jahren sämtliche Formen des Glücksspiels neu geregelt. Einerseits haben die Regeln die weitere Ausbreitung der Spielhallen gebremst, andererseits sind sie vage und eindeutig zugleich: Zwischen den Läden soll ein Mindestabstand gelten, doch wie groß der ist, regelt jedes Land für sich. Das Gesetz verbietet sogenannte Mehrfachkonzessionen: Pro Spielhalle dürfen nur zwölf Automaten aufgestellt werden, was die Branche seit Jahren mit Trennwänden und separaten Eingängen umgeht. Betonklötze wie das Spiel-Center im Münchner Westen mit seinen zwölf Eingängen dürfte es dann nicht mehr geben.

5,8 Milliarden Euro Umsatz wurden im vergangenen Jahr an Geldspielgeräten in Deutschland gemacht. Das geht aus einer noch unveröffentlichten Analyse der Berliner Marktforschungsfirma Goldmedia hervor. Am regulierten Glücksspielmarkt haben die Automaten mit fast 50 Prozent den mit Abstand größten Anteil. Seit 2005 hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt.

So ist mittlerweile ein absurder Flickenteppich aus unterschiedlichen Gesetzen entstanden. Manche Bundesländer sind strenger, manche eher lasch. Während sich in Rheinland-Pfalz kaum etwas ändern wird, hat Berlin das härteste Gesetz von allen. In der Bundeshauptstadt gibt es mehr als 500 Spielhallen, in manchen Straßen reiht sich eine Zockerbude an die andere. Künftig soll zwischen den Läden 500 Meter Platz bleiben, die nächstgelegene Schule mindestens 200 Meter entfernt sein. Bis zu 80 Prozent der Spielhallen könnten wegfallen, hofft der Berliner Senat.

Nun gibt es in Berlin genau wie in anderen Bundesländern ein Problem: In Stadtbezirken wie Neukölln konkurrieren einige Spielhallen mit zig anderen. Wenn aber mehrere die Bedingungen für eine Erlaubnis erfüllen, welche darf bleiben? Darüber soll in Kürze das Statistische Landesamt mit einem mathematischen Verfahren entscheiden. Wenn das nicht hilft, zieht die Verwaltung ein Los, wie in Niedersachsen und bald wohl auch in Hamburg.

Paul Gauselmann ist darüber entrüstet. So sehr in der Defensive wie jetzt war er noch nie. "Unsere Zulassungen sind immer unbefristet gewesen. Ich glaube nicht, dass man uns die jetzt einfach per Losentscheid wegnehmen kann", sagt er. Deshalb wird er klagen, und zwar gegen jede einzelne Schließung. Die Kommunen erwarten, dass fast jeder Spielhallenbetreiber es ihm gleichtut.

Den Städten stehen deshalb Hunderte, vielleicht Tausende Verfahren vor Verwaltungsgerichten bevor. In Karlsruhe liegen mehrere Klagen gegen Spielhallengesetze, über sie wird das Bundesverfassungsgericht im Lauf des Jahres entscheiden. Von Enteignung ist die Rede, von Willkür, davon, dass Abstandsregeln nicht sachlich begründet seien: Wie weit muss die nächste Spielhalle denn entfernt sein, um die Spieler besser zu schützen, um Suchtgefahren vorzubeugen? Hilft es überhaupt, wenn es weniger Daddelbuden gibt?

Auf die erste Frage kennt die Wissenschaft keine gute Antwort. Mit der zweiten beschäftigt sich Gerhard Meyer seit Jahrzehnten. Der Bremer Psychologieprofessor ist als Spielsucht-Experte international angesehen. Wenn man die Bürger besser schützen wolle, müsse es weniger Automaten geben: "Die hohe Verfügbarkeit von Glücksspielen weckt erst das Interesse in der Bevölkerung." Wenn Spielhallenbetreiber und Automatenaufsteller von einem "natürlichen Spielbedürfnis" sprächen, dann hätten sie das Bedürfnis durch das Angebot entscheidend befördert.

Die Automatenbranche betont stets, die Menschen spielten doch sowieso, und wenn nicht bei ihnen, dann woanders. "Qualität" ist deshalb das Lieblingswort der Branche. Bei der Regulierung spielten qualitative Kriterien keine Rolle, beklagt Georg Stecker, Chef des Bundesverbandes der Automatenwirtschaft: Wenn man den anständigen Betreibern das Geschäft kaputt macht, weichen die Spieler auf illegale Angebote aus, ins Internet, in Hinterzimmer und Café-Kasinos, wo nur zum Schein Kaffee serviert wird.

Aber ist das so? Hier die sauberen Spielhallenbetreiber, die sich an Regeln halten, dort die illegalen Zockerhöllen, um die sich die Polizei nicht ausreichend kümmert. Und überhaupt: Nur gut 0,3 Prozent der Bevölkerung seien wirklich spielsüchtig, hört man oft, und das habe sich auch nach Jahren der massiven Ausbreitung der Spielgeräte nicht geändert.

Das ist nicht die ganze Wahrheit. Ingo Fiedler, Ökonom an der Uni Hamburg, kennt die Zahlendreherei gut. Vor Kurzem ist sein 500-Seiten-Buch "Glücksspiele" erschienen. Von denjenigen, die spielen, habe jeder sechste ein Problem, sagt Fiedler. "Das Geschäftsmodell basiert auf kranken Menschen", sagt er, "die Freizeitspieler verschleiern das nur." Von jedem Euro Umsatz in Spielhallen stammten bis zu 80 Cent von Süchtigen. Effektiver Spielerschutz passt da nicht zum Geschäftsmodell. Fiedler bezweifelt aber auch, dass die Landesgesetze viel bringen. Es löse nicht das Problem, wenn man die Zahl der Geräte einfach reduziert. "Wenn jetzt die Verfügbarkeit von 300 000 Automaten auf 150 000 sinkt, wird dies das Problem nur geringfügig einschränken", sagt Fiedler. So spielt sich in den Städten ein Konflikt ab, der dem eigentlichen Ziel, die Suchtgefahren einzudämmen, kaum gerecht wird.

In der rekordgroßen Münchner Spielhalle reduziert sich der Spielerschutz auf ein hellblaues Faltblatt an der Kaffeetheke, das man leicht übersieht. Eng bedruckt stehen darin Fragen nach dem Spielverhalten, eine Adresse, bei der es Hilfe gibt. Der Mann mit der Zigarette grinst: "Du glaubst doch selbst nicht, dass hier jemand auf sein Spielverhalten angesprochen wird." Nicht einmal die alleinerziehende Mutter, die an diesem Abend ihr letztes Arbeitslosengeld in die Automaten steckt. Bis drei Uhr wird noch weitergezockt. Die Menschen schweigen. Niemand lächelt.