Die Koalition hat sich als Retterin von Banken fast berauscht an ihrer Handlungsfähigkeit - und redet nun immer mehr von deren Grenzen. Etwa bei Opel.
Mehr als 15.000 Zuhörer, rote Plakate der IG Metall, Beifall schon zur Begrüßung für den Gast aus Berlin. Und der Gast sagt, er stehe zu dieser Firma, er unterstütze diesen Autobauer, er fahre sogar ein Modell dieses Herstellers. Mit aller Kraft werde sich die Regierung für die Firma einsetzen.
Opel braucht vermutlich mindestens drei Milliarden Euro - mehr als das Zwanzigfache, was Holzmann brauchte (© Foto: AP)
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Die Beschäftigten jubeln - genau so war das im September 2008, als Angela Merkel sich auf einer Betriebsversammlung von Volkswagen in Wolfsburg für ihren Kampf um das VW-Gesetz feiern ließ.
Die Verbrüderung mit den Beschäftigten der Autoindustrie ist ein Volksparteien übergreifendes Phänomen. Deshalb so viel vorweg: Was der Kanzlerin recht ist, darf dem Kandidaten billig sein. Wenn Frank-Walter Steinmeier jetzt zu Opel gefahren ist, dann war das nicht mehr oder weniger Wahlkampf als Angela Merkels Besuch bei VW.
Nur sich selbst mitgebracht
Die Vorzeichen standen sogar deutlich ungünstiger: Ausgerechnet die christdemokratische Kanzlerin hatte in Wolfsburg noch die staatliche Beteiligung an VW verteidigt. Ausgerechnet der sozialdemokratische Vizekanzler musste bei Opel nun die Hoffnung auf den Staat dämpfen.
Wer bejammert, dass die Politik sich von den Bürgern entfernt hat, der kann nicht dagegen sein, wenn die Politik dann doch mal zu Besuch kommt. Solche Auftritte richten sich ohnehin selbst, wenn sie nur taktischem Kalkül folgen, erst recht in Zeiten der Krise: Je schwerer die wirtschaftlichen Probleme, desto konkreter die Erwartungen. Deshalb ist Steinmeier durchaus ein Risiko eingegangen, weil er nichts mitgebracht hat, außer sich selbst. Das ist, bei allem Respekt, nicht viel aus der Sicht eines Opelaners, der um seine Arbeit fürchtet.
Genau deshalb hinkt übrigens auch der Vergleich mit Gerhard Schröders Auftritt beim Baukonzern Holzmann, den die FDP nun abfällig bemüht. Der Kanzler hatte im November 1999 Geld dabei und inszenierte eine Rettungsaktion. Der Kanzlerkandidat hat zehn Jahre später nur eine aufmunternde Rede gehalten.
Die Erinnerung an Holzmann taugt allenfalls dazu, die Dimension zu beschreiben, welche die aktuelle Krise erreicht hat: Bei Holzmann ging es um insgesamt 125 Millionen Euro vom Staat. Opel braucht vermutlich mindestens drei Milliarden, mehr als das Zwanzigfache. Und Opel ist erst der Anfang.
In Zeiten wie diesen kann so ein Besuch für einen Politiker, zumal für einen sozialdemokratischen, deshalb auch ein Gang dahin sein, wo es besonders weh tut. Denn die Ratio der Regierung, der Steinmeier angehört, entspricht nicht unbedingt dem Bewusstsein der Betroffenen.
Ein Satz für die Politik
IG-Metall-Chef Berthold Huber fasste es in Rüsselsheim so zusammen: Es könne nicht sein, dass die Politik 500 Milliarden für die Banken aufbringe, aber für die industrielle Basis keinen müden Cent. Und Huber bat den Vizekanzler, dazu etwas zu sagen. Steinmeier aber versprach, mit Verstand, Herz und aus voller Überzeugung für Opel zu kämpfen. Nur von Geld war nicht direkt die Rede.
Nun ist Hubers Satz so alt wie der Rettungsschirm der Regierung in der Finanzkrise: 500 Milliarden für die Banken - wie viel für uns? So simpel dieser Satz sein mag, so ungenau sein Inhalt, so irrational der Vergleich, es ist dieser Satz, mit dem die Politik umgehen muss. Die Frage einfach als sinnlos zu qualifizieren, schafft sie nicht aus der Welt; die Stimmung nur zu beklagen, die ein solcher Satz bewirkt, beseitigt die Stimmung nicht. 100 Milliarden für die Hypo Real Estate - wie viel für uns? Das muss die Regierung beantworten, und die SPD speziell den Arbeitnehmern, wenn sie sich noch als deren Partei versteht.
Dabei geht es nicht darum, ob diese Politik falsch war. Es geht darum, dass sie schnell falsch verstanden werden kann. Und das Problem liegt auch gar nicht in konkreten Summen, sondern darin, dass sich erkennbar die Selbstdarstellung einer Regierung ändert, die sich in der Finanzkrise als letzte Instanz gefallen hat.
Die Koalition, von der Kanzlerin abwärts, hat sich als Retterin von Banken und Garantin von Sparbüchern fast berauscht an ihrer Handlungsfähigkeit - redet aber jetzt in der Wirtschaftskrise weniger von ihren Fähigkeiten, sondern immer mehr von deren Grenzen, sei es aus ideologischen Gründen, aus finanziellen, oder einer Mischung aus beiden. Auch Steinmeier hat bei Opel versprochen, alles zu tun - alles, was in seinen Möglichkeiten stehe. Aber wie viel ist das?
Der Vizekanzler hat die Führung von General Motors beschimpft, die Betriebsräte belobigt, den Beschäftigten Mut zugesprochen und eine europäische Lösung gefordert. Das sollte wohl auch dazu dienen, nicht die ganze Verantwortung dem Staat anzuhängen. Trotzdem wird der Staat wieder als letzte Instanz wahrgenommen werden, auch weil er selbst dieses Bild von sich gemalt hat.
Wer aber systemische Banken rettet, wird kaum erklären können, was das für ein System ist, wenn Opel nicht gerettet werden kann. Und wer die Kreditwirtschaft als öffentliches Gut bezeichnet, wird es schwer haben, den Verlust des Arbeitsplatzes nur als privates Pech zu deklarieren - schon gar nicht, wenn er Sozialdemokrat ist und Kanzlerkandidat. Der Profit, den Steinmeier aus Rüsselsheim mitgenommen hat, ist gleich null, ganz im Gegensatz zu der Verpflichtung.
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(SZ vom 27.2.2009/hgn)
Machtkampf in der Linken
So hübsch Ihr Beitrag geschrieben ist, und so spontan man ihn beklatschen möchte, so falsch ist er und so bedenklich die Zustimmung, die er findet.
Bedenken Sie: Was sind die Papierstückchen wert, die Sie in Ihrer Geldbörse haben? Nichts sind sie wert, wenn nicht der Händler, bei dem Sie einkaufen, das Vertrauen hat, dass er für die Papierstückchen, die Sie ihm geben, seinerseits Ware einkaufen kann.
Und mit der Vertrauensfrage und der (verzweifelten) Frage, wie man dieses Vertrauen retten kann, operiert die Politik. Hand aufs Herz: Wenn Frau Merkel und Herr Steinbrück Sie fragen würden: Lieber Herr Schnauzedoppeltvoll, sollen wir die HRE (und damit u.a. die Deutsche Pfandbriefanstalt) den Bach runter gehen lassen - wie würden Sie antworten?
Seien wir froh, Sie und ich, dass wir ncht gefragt werden.
Im übrigen hatt Herr Fried diesmal einen klugen und unpolemischen Artikel geschrieben. Aber er weiß auch keine Antwort und ist froh, dass er nicht gefragt wird.
Wohl wahr: Keine Zahl verdeutlicht besser, wohin wir mit der Krise geraten sind, als eben jene 125 Millionen, die damals ein auf Popularität bedachter Kanzler den Holzmännern zukommen ließ.
Heute können wir froh sein, wenn am Ende 125 Milliarden (also das Tausendfache) reichen, um die bis vor kurzem noch unbekannte Hypo Real Estate vor dem totalen Kollaps zu bewahren.
Was, um Himmels Willen, ist in den letzten zehn Jahren nur passiert?
Ich glaube, daß mit dem Kanzlerwahlverein kommt der Sache ziemlich nahe. Zumindest vom Parteitagsdelegierten an aufwärts.
Jeder sinnvolle Rettungsansatz muss zunächst auf Ehrlichkeit beruhen. Was ist denn passiert?
Autoproduzenten haben Banken gegründet, die dann Autokunden Kredite zu lächerlichen Konditionen angeboten haben. Leute, die sich wirklich kein grosses Auto leisten konnten, haben auf Pump über ihre Verhältnisse gelebt (und hier gibt's dann Debatten, wie ungerecht es ist, dass Hartz IV Empfänger nicht von der Abwrackprämie profitieren könnten. Wer sich seinen Lebensunterhalt von der Allgemeinheit bezahlen lässt, hat keinen Anspruch auf ein Luxusgut und sollte zu Fuss gehen.).
Jetzt haben diese Autobanken wegen der Finanzkrise keinen Zugang mehr zu billigem Geld und die Kunden können vielfach ihre Schulden nicht bedienen. So weit, so falsch.
Die Automobilindustrie hat dummerweise die Produktionskapazitäten auf diese künstliche Nachfrage ausgerichtet. Das muss jetzt auf ein normales Mass (und zwar weltweit) zurückgefahren werden. Die Politik kann doch nicht ernsthaft diese nicht haltbaren Produktionskapazitäten retten wollen. Das wäre es besser, die Arbeiter zu entlassen, ihnen aber die Subvention direkt in die Hand zu drücken. Das Geld würde sicherlich sinnvoller verwendet werden.
Im Verein mit der Legislative macht sich die Bundesregierung gegenwärtig daran, die Funktion des Nürnberger Christkindlesmarkt zu verallgemeinern. Sie bezeichnet diesen Prozess der Verallgemeinerung von Heidnischem fälschlich als einen Vorgang, bei dem es darum ginge, soziale Marktwirtschaft sich weiter ausbreiten zu lassen. Tatsächlich indessen ruft sie beispielsweise in Gestalt des Ministers des Auswärtigen gestern in Rüsselsheim dazu auf, schon einmal vorab zu malochen, damit auch später, wie vom Christkind gebracht, die Geschenke auf dem Gabentisch liegen. Angesichts dessen, nimmt es nicht Wunder, gerät insbesondere ein Vorsitzender einer Gewerkschaft wie der IG Metall an den Rand des mit dem menschlichen Verstand Fassbaren, kürt die Bundesregierung Banken dazu, bei diesem Mummenschanz das Christkind zu mimen.
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