Von Harald Schwarz, Rüsselsheim

Seit 1929 ist GM an Opel beteiligt, doch nun wollen Tausende Demonstranten in Rüsselsheim nur noch eines: die Unabhängigkeit von dem taumelnden Mutterkonzern.

Es ist 11 Uhr und 38 Minuten, als Frank-Walter Steinmeier ans Mikrofon vor die 15.000 Demonstranten vor dem Adam Opel Haus in Rüsselsheim tritt und sagt: "Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen." Da reiben sich einige schon etwas verwundert die Augen und fragen sich, ob der Bundesaußenminister, der Vizekanzler, der SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat seiner Partei bei der Bundestagswahl in diesem Jahr denn nicht weiß, dass viele an diesem Tag schon einige Stunden an Computern und an Fließbändern hart gearbeitet haben. Steinmeier bekommt von dieser leichten Irritation ebenso wenig mit wie das Opel-Management. Die Führungsriege glänzt durch Abwesenheit.

Opel, GM, dpa

"Besser ohne GM": Die Beschäftigten von Opel wollen eine Loslösung vom amerikanischen Mutterkonzern. (© Foto: dpa)

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Wenige Minuten später hat der Vizekanzler die Menge dann aber komplett auf seiner Seite, als er ruft: "Opel muss leben." Es gehe um mehr als Tradition, es gehe um den Autoindustrie-Standort Deutschland, "das Rückgrat unserer Volkswirtschaft". Da jubeln die Demonstranten. Es brandet Applaus auf, es wird in Trillerpfeifen gepustet, die Trommler hauen kräftig auf ihre Instrumente ein. Steinmeier ist jetzt in seinem Element. Er attackiert den amerikanischen Opel-Mutterkonzern General Motors (GM), der seit 1929 an dem deutschen Unternehmen beteiligt ist, mit harschen Worten: GM habe lange und gut mit Opel verdient; die europäischen Standorte "jetzt wegzuwerfen wie eine ausgepressste Zitrone, wäre eine Zumutung und unanständig", sagt er.

"80 Jahre sind genug"

Das sitzt. Und freut die Menge, zu der auch eine Gesandschaft vom Konkurrenten VW aus dessen Werk in Baunatal gehört, die besonders lautstark begrüßt wurde. Es geht in Rüsselsheim nicht um Konkurrenzkampf, es geht darum, Solidarität zu zeigen. Alle sind sich einig, dass die Schuldigen für die Opel-Krise bei GM im fernen Detroit sitzen. "Die GM-Manager haben uns ausgesaugt und sich das Geld in die eigene Tasche gesteckt", raunt ein Opelaner in seiner mausgrauen Kluft einem Kollegen zu.

Andere schwenken gelbe Fahnen von Opel und rote von der IG Metall. Deren Chef Berthold Huber ist auch da. "Opel muss leben in Rüsselsheim und anderswo", ruft er und appelliert an die deutschen Politiker: "Lassen Sie Opel nicht an die Wand fahren. Geben Sie Opel eine Chance." Er geißelt Fehlentscheidungen und Missmanagement von GM. Es sei eine "Lumperei", wenn die Opel-Beschäftigten dafür die Zeche zahlen müssten. Verantwortungslose Eigentümer und Manager hätten immer nur möglichst kurzfristig mehr Profite gewollt, schimpft der Gewerkschafter. Er fordert eine Loslösung Opels von General Motors und sagt: "Als verlängerte Werkbank von GM haben wir keine Chance. Wir sind es leid, verlängerte Werkbank zu sein."

Zwei Demonstranten recken dabei ein Spruchband in die Höhe. Auf dem Transparent steht: "80 Jahre sind genug." Steinmeier hat das auch gelesen. Er betont zwar, er sei nicht als Wahlkämpfer gekommen. Aber das ist er natürlich auch. Und deshalb nimmt er GM in die Pflicht, indem er sagt: "Wer den Beistand der öffentlichen Hand einfordert, hat eine Bringschuld für Konzepte, in denen nicht alles allein auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird." Das Management von Opel solle einen "überzeugenden Rettungsplan" am heutigen Freitag vorlegen, fordert er.

"Ekelerregende Arroganz"

Er, Steinmeier, werde alles dafür tun, was "in meinen Möglichkeiten steht", um Opel ein Überleben zu sichern. Bald wird sich der Vizekanzler an dieser Aussage messen lassen müssen. Er tritt in die zweite Reihe auf dem Podium, nachdem er dem "lieben Klaus für eine überwältigende Demonstration zur Zukunft von Opel" gedankt hat.

Der "liebe Klaus" - das ist Klaus Franz, der Vorsitzende des Opel-Gesamtbetriebsrats. Auch er spricht von einer Emanzipation von Opel im Verhältnis zum Mutterkonzern GM, einer Sache, an die er vor wenigen Wochen nicht zu denken gewagt habe, wie er sagt. GM attestiert er eine "ekelerregende Arroganz". Für ihn steht fest: "Nicht Opel ist das Desaster - GM ist das Desaster." Franz skizziert kurz einen Traum. Er besteht aus einer gemeinsamen Gesellschaft von Opel mit der britischen Schwestermarke von Vauxhall. Diese neue Firma erhält Bürgschaften und staatliche Kapitaleinlagen, kann sich neue Miteigentümer wie etwa Opel-Händler suchen und Mitarbeiter beteiligen. GM aber, sagt Franz, müsse als Minderheitsgesellschafter dabei bleiben. Wegen der Kostenvorteile im Einkauf.

Ähnlich sieht es der Opelaner, der sich an diesem Morgen ein schönes, ein buntes Bild umgehängt hat, das er nun spazieren trägt: Es zeigt einen Heißluftballon mit dem Opel-Blitz, der noch an der Leine von GM hängt, aber davonschweben möchte. Eine Schere ist gerade dabei, die Leine zu durchtrennen. "Yes, we can"- der Obama-Spruch steht über dem Bild. Können sie das wirklich, würde für viele in Rüsselsheim und den anderen GM-Werken in Europa ein Traum wahr.

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(SZ vom 27.02.2009/tob)