Ein Kommentar von Marc Beise

Nahezu identische Fahrzeuge und die gleichen Käufer: Dass ausgerechnet der ebenfalls schwer kämpfende Fiat-Konzern die Mehrheit an Opel übernehmen könnte, ist keine ideale, aber eine doch denkbare Lösung.

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise dauert nun schon so viele Monate, dass der Wunsch immer brennender wird, es möge nun bald ein Ende haben. Es möge endlich wieder gute Nachrichten geben anstelle der täglichen Hiobsbotschaften. Die Menschen in den Wohlstandgesellschaften haben in ihrer Mehrheit so viele gute Jahre erlebt, dass sie es nicht gewohnt sind, mit Trübsinn umzugehen. Groß ist der Wunsch, wieder zurückzukehren zum guten, alten und manchmal angenehm langweiligen Alltag. Aber dazu wird es nicht kommen. Die Krise ist groß, sie wird dauern, und nach ihrem Ende wird vieles nicht mehr so sein wie zuvor.

Fiat, Opel, Fotos: ddp/AP/AFP

Fiat will wohl bei Opel einsteigen - zum Entsetzen der Mitarbeiter. (© Fotos: ddp/AP/AFP)

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Nicht nur in der Finanzbranche, die am Anfang des Wirtschaftseinbruchs stand, wird es (hoffentlich) in Zukunft anders zugehen als in den wilden, riskanten und verantwortungslosen Jahren. Auch die Industrie, die ein starker Pfeiler der deutschen Wirtschaft bleibt, muss sich auf einen Wandel einstellen. Es sind dies Veränderungen, die ohnehin auf das Land zugekommen wären, durch die Finanzkrise geht es nun schneller und brutaler.Namentlich die Vorzeigebranche der Deutschen, die Autoindustrie, steckt in einem Strukturwandel, der umfassend sein wird und grausam.

Viele Mitglieder der Branche wollen es nicht hören, aber manche wissen es insgeheim sehr wohl: Es gibt auf der Welt und auch in Deutschland zu viele Autos und zu viele Autobauer. Die Zeiten, da VW und Audi, Daimler, BMW und Porsche oder den deutschen US-Töchtern Opel und Ford ihre immer wertvolleren Produkte umstandslos abgekauft wurden, sind für immer vorbei.

Die Nachfrage in der entwickelten Welt ist weitgehend gesättigt. Die Hochtechnologieprodukte auf vier Rädern halten zu lang, als dass man sie regelmäßig erneuern müsste. Neue Wettbewerber tauchen auf den Märkten auf. Indien beginnt seine Autos selbst zu bauen, China wird bald folgen. Zugleich sind die Entwicklung und die Fertigung dieser hochgezüchteten Kunstprodukte sehr teuer; wirklich Geld verdienen lässt sich nur noch mit großen Stückzahlen. Autokonzerne, die dafür zu klein sind, haben schlechte Überlebenschancen. Diese Erkenntnis ist bitter für jeden Mitarbeiter, dessen Arbeitsplatz womöglich bedroht ist, für jede Region, die von einem Autowerk lebt, das womöglich bald nicht mehr gebraucht wird.

Die Politik, die um den sozialen Frieden im Land besorgt ist, kann versuchen, den Strukturwandel zu bremsen, aber sie kann ihn nicht verhindern. Durch das mutwillige Verschleppen des Wandels werden die Dinge am Ende noch schlimmer, als sie es ohnehin schon sind. Die dramatisch hohen Kosten der halbherzigen Rettungsversuche bei Kohle und Stahl in Nordrhein-Westfalen haben das einst stolze Bundesland um Jahrzehnte zurückgeworfen - soll sich das beim Auto wiederholen?

Die beiden großen Parteien wissen um diese Problematik und haben dennoch mehr oder weniger konkrete Rettungsschwüre für die deutsche GM-Tochter Opel geleistet, der das Geld wegen der Probleme ihrer amerikanischen Mutter ausgeht, die aber auch keine Perspektive hat, allein zu überleben. Der Versuch, die Traditionsmarke vor der Insolvenz zu retten, ist ehrenwert. Aber selbst die SPD, die sich als Opel-Retter-Partei geriert, weiß, dass der Staat dem Unternehmen allenfalls eine Brücke in die Zukunft bauen kann, aber niemals seine Zukunft sein kann. Immer war klar, dass es einen Investor aus der Privatwirtschaft geben muss, der Opel für rettungswürdig hält.

Ein solcher Retter ist nun am Horizont erschienen - und schon hagelt es Kritik, ehe er richtig zu sehen ist. Dass ausgerechnet der selbst schwer kämpfende Fiat-Konzern die Mehrheit an Opel übernehmen könnte, ist keine ideale, aber eine denkbare Lösung. Gemeinsam erreichen die beiden Marken ausreichende Stückzahlen; Fiat hat ferner ein krisenerprobtes Management. Der betriebswirtschaftliche Reiz hat freilich seine hässliche volkswirtschaftliche Kehrseite.

So ähnlich sind sich beide Produktpaletten, dass sich Synergien aufdrängen: weniger Autos, weniger Manager, weniger Fachkräfte - das genau wäre eine Folge dieses Zusammenschlusses, mit dem vor allem Fiat sich in eine bessere Zukunft retten könnte. Man muss nicht drumherum reden: Es droht ein Arbeitsplatzabbau im großen Stil. Und weil Fiat der Übernehmer wäre und Opel der Übernommene, ist es nur zu wahrscheinlich, dass vor allem die Opel-Mitarbeiter Opfer sein werden. Es ist kein Wunder, dass der Betriebsrat gegen eine solche Lösung aufbegehrt. Der Protest ist verständlich, aber er ist kein Ausweg.

Leider hat Opel nicht die komfortable Situation, sich seinen Retter aussuchen zu können. Die Zahl der ernsthaften Bewerber ist klein. Die Versuche, am Arabischen Golf Finanzinvestoren zu finden, sind ehrenwert. Neue Milliarden sind immer gut - aber sie werden Opel nicht retten. Die Firma ist dazu verdammt, wesentlich mehr Autos zu verkaufen als heute - einen anderen Ausweg gibt es nicht, und auch die Politik kann keinen anderen Ausweg weisen. Ob es nun zum Einstieg von Fiat kommt oder nicht, die Stunde der Wahrheit für die Opelaner naht. Es wird eine bittere Wahrheit sein.

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(SZ vom 24.04.2009/mel)