Von Björn Finke und Alexander Mühlauer

Die Bundesregierung senkt ihre Prognose für das Jahr 2008, rechnet aber nicht mit einer Rezession in Deutschland.

Die Bundesregierung sieht die deutsche Wirtschaft trotz massiver Kurseinbrüche an den Weltbörsen in einer guten Verfassung. "Es gibt keine Anzeichen für eine Rezession in Deutschland", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Für 2008 rechnet sie mit einem Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent.

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Die Bundesregierung liegt mit ihrer von 2,0 auf 1,7 korrigierten Vorhersage in der Mitte von Expertenschätzungen. Die meisten Banken und Forschungsinstitute gehen von einem Wachstum zwischen 1,5 und etwas mehr als 2 Prozent aus.

Exporte in Gefahr

2007 lag dieser Wert bei 2,5 Prozent. In der gesenkten Wachstumsprognose zeigten sich, so Kanzlerin Merkel, die Auswirkungen der Finanzkrise.

Denn die Exporte - bislang die Wachstumsstütze - werden wohl an Schwung verlieren. Nach dem jahrelangen Boom schwächt sich die Weltkonjunktur ab. Rutscht Amerika wegen der Kreditkrise in eine Rezession, wird das die Ausfuhren weiter belasten. Außerdem werden sich die Unternehmen vermutlich bei Investitionen zurückhalten. Da zum Jahresende eine günstige Steuerregel auslief, haben die Betriebe in Deutschland Anschaffungen vorgezogen. Diese fehlen dann 2008.

Damit ruhen die Hoffnungen auf dem privaten Verbrauch. Im vergangenen Jahr gaben die Konsumenten preisbereinigt weniger aus als 2006. Dank der gestiegenen Einkommen und der vielen neuen Jobs könnten sich jedoch die Bürger nach Meinung vieler Fachleute 2008 zum Wachstumstreiber entwickeln.

Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, glaubt nicht, dass sich das Minus an den Börsen nennenswert auf die deutsche Konjunktur auswirkt. Zwar verringere der Kursverlust das Vermögen der Bürger; diese würden aber deswegen nicht sofort ihre Ausgaben eindampfen. "Umgekehrt gab es ja im vergangenen Jahr, als der Dax zweistellig gestiegen ist, auch keinen Konsumrausch", sagte der Wirtschaftsweise der Süddeutschen Zeitung. Beim Kursrutsch habe ihn vor allem überrascht, dass dieser erst so spät gekommen sei.

Der Mannheimer Volkswirt geht davon aus, dass die Finanzmärkte der Welt noch bis mindestens Sommer 2008 "labil bleiben". In den Vereinigten Staaten würden nun bei vielen schwachen Hypothekenschuldnern die Zinsen angehoben, während die Hauspreise sinken. Deswegen werde die Kreditkrise andauern und die Aktienmärkte auch weiter belasten.

Dirk Schumacher, Chefvolkswirt Deutschland der US-Investmentbank Goldman Sachs, ist hingegen skeptisch, was die Konsumenten und den weltweiten Absturz der Börsen angeht. Dieser werde das Vertrauen der Verbraucher nicht gerade befördern: "Es besteht das Risiko, dass der private Konsum nicht so stark anzieht wie nötig." Dabei brauche die deutsche Konjunktur genau das.

"Sahnehäubchen"

Konjunkturexperte Ralph Solveen von der Commerzbank sagte, er sei mit Blick auf den deutschen Aufschwung ohnehin skeptisch. Gründe dafür seien etwa die schwächere Weltkonjunktur oder die gestiegenen Zinsen in Europa. Der Kursrutsch stelle bei diesen Belastungsfaktoren bloß das "Sahnehäubchen" dar. Die Auswirkungen seien also vergleichsweise gering, auch wenn die unsichere Lage an den Börsen vielleicht die ein oder andere Firma geplante Investitionen überdenken lasse.

Ein sehr negatives Bild zeichnet Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft: "Je länger die US-Immobilienkrise anhält, desto größer ist auch die Gefahr, dass es zu einer Weltwirtschaftskrise kommt." Auch für den Direktor des Düsseldorfer Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn, ist der deutsche Aufschwung vorbei. Wegen der Krise an den Kapitalmärkten würden "dieses Jahr keine zusätzlichen Arbeitsplätze geschaffen, sondern eher welche wegfallen". Die Bundesregierung rät den Bürgern jedenfalls, Ruhe zu bewahren. "Es macht keinen Sinn, jetzt nervös zu werden", sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Die Auftragsbücher der deutschen Firmen seien noch immer gut gefüllt.

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(SZ vom 23.1.2008/hgn)