Auswertung der Hans-Böckler-Stiftung Niedriglohn-Tarifverträge werden seltener

In immer weniger Tarifgruppen wird Niedriglohn bezahlt. Wie eine Auswertung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ergeben hat, ist nur in elf Prozent der Verträge ein Stundenlohn von weniger als 8,50 Euro vorgesehen. Allerdings gibt es noch immer Branchen, in denen deutlich weniger verdient wird.

Taxifahrer, Friseurinnen und Reinigungskräfte: Vor allem in ihren Branchen wird häufig nur ein Niedriglohn bezahlt. Auch Mitarbeiter in Kinos, Wäschereien oder Callcentern verdienen häufig weniger als 8,50 Euro pro Stunde. Doch jetzt zeichnet sich im Niedriglohn-Sektor ein leicht positiver Trend ab: Eine Auswertung des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung hat ergeben, dass die Zahl der tariflichen Vergütungsgruppen mit Löhnen unter 8,50 Euro in den vergangenen anderthalb Jahren erneut zurückgegangen ist.

Für die Studie wurden den Angaben zufolge 4.700 Vergütungsgruppen aus 41 Branchen und Wirtschaftszweigen untersucht. Demnach bekamen im Dezember 2012 elf Prozent der untersuchten Tarifgruppen Stundenlöhne von weniger als 8,50 Euro. Im September 2011 hatte der Anteil bei 13 Prozent, im März 2010 bei 16 Prozent gelegen.

Die große Mehrheit, etwa 89 Prozent der Vergütungsgruppen aus Tarifverträgen, die DGB-Gewerkschaften abgeschlossen haben, sieht dementsprechend Stundenlöhne von 8,50 Euro und mehr vor. Insgesamt 78 Prozent der Vergütungsgruppen beginnen mit einem Stundensatz von mindestens zehn Euro. Letzteres gilt in wichtigen Branchen wie der Metall- und der Chemieindustrie, der privaten Abfallwirtschaft, dem Bank- und dem Bauhauptgewerbe für alle oder nahezu alle Tarifgruppen. Elf Prozent der Tarifgruppen liegen sogar bei 20 Euro und mehr. Das Tarifsystem setzt so Untergrenzen oberhalb der Niedriglohnschwelle.

Bei fast jeder zehnten der Vergütungsgruppen ist das der Untersuchung zufolge jedoch anders. Sechs Prozent aller Gruppen sehen Einstiegslöhne unter 7,50 Euro vor, weitere fünf Prozent liegen zwischen 7,50 und 8,50 Euro pro Stunde. Zwar dürften manche der unteren Tarifgruppen nur für recht wenige, gering qualifizierte Mitarbeiter gelten. Aber in etwa einem Dutzend Wirtschaftszweigen sind tarifliche Niedriglöhne relativ weit verbreitet, zeigen Untersuchungen des Tarifarchivs. Dazu zählen verschiedene Handwerks- und Dienstleistungsbranchen sowie die Landwirtschaft - Wirtschaftsbereiche, in denen es oft viele kleine Betriebe und relativ wenig organisierte Beschäftigte gibt. Niedrige Tarifvergütungen finden sich häufig auch in älteren Tarifverträgen, die die Gewerkschaften seit einer Reihe von Jahren nicht durch neue, bessere ersetzen konnten.

"Gewerkschafter stehen in solchen Branchen bei Tarifverhandlungen immer wieder vor der Alternative, niedrigen Tarifen zuzustimmen oder ganz auf eine tarifliche Regulierung der Arbeitsbedingungen zu verzichten", sagte Reinhard Bispinck, der Leiter des Tarifarchivs. "Umso wichtiger ist es, dass durch neue Tarifabschlüsse in den letzten anderthalb Jahren eine Verbesserung der Tarifsituation erreicht werden konnte. Im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Erwerbsgartenbau, im Bewachungsgewerbe und im Friseurhandwerk konnte die Zahl der Vergütungsgruppen unter 7,50 Euro gesenkt werden. In der Zeitarbeit/Leiharbeit gibt es überhaupt keine Gruppe mehr in diesem Bereich. Zum Teil wanderten diese Gruppen in die nächste Einkommensklasse zwischen 7,50 und 8,49 Euro. Aber auch in diesem Bereich gab es Verbesserungen."

Demnach sehen 89 Prozent der Gruppen aus Tarifverträgen, die DGB-Gewerkschaften abgeschlossen haben, Löhne von 8,50 Euro und mehr vor. Zehn Euro und mehr gebe es in 78 Prozent der Gruppen. Das gilt den Angaben zufolge besonders für die Metall- und der Chemieindustrie, die private Abfallwirtschaft sowie das Bank- und das Bauhauptgewerbe. Elf Prozent der Tarifgruppen liegen bei 20 Euro und mehr je Stunde.

Im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Gartenbau, im Bewachungsgewerbe und im Friseurhandwerk konnten die die Vergütungsgruppen unter 7,50 Euro verringert werden. Die Untersuchung ergab auch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Niedriglohn-Gruppen, mit einem Verdienst von weniger als 7,50 Euro kommen demnach ganz überwiegend in Ostdeutschland vor, während die Vergütungsgruppen zwischen 7,50 und 8,50 Euro mehrheitlich in Westdeutschland dominieren.