Ausstieg aus der Kernenergie Regierung kommt Atomkonzernen entgegen

Der Ausstieg kommt, aber wie? Kanzlerin Angela Merkel will die verbleibenden Atomkraftwerke nach und nach abschalten. Doch weil die Regierung den Stromkonzernen einräumt, Reststrommengen älterer Meiler auf jüngere zu übertragen, könnte es 2021 heißen: neun auf einen Streich. Ein Gutachten des Öko-Instituts, das der SZ vorliegt, warnt vor den Folgen: Es drohten Mehrkosten sowie Probleme bei der Stromversorgung - und womöglich sei der gesamte Ausstieg in Gefahr.

Von Michael Bauchmüller und Claus Hulverscheidt

Geht es nach Angela Merkel, dann wird der Atomausstieg ein schön anzuschauendes, sanft plätscherndes Naturschauspiel: Einer "Kaskade" gleich, so dichtete die Bundeskanzlerin am Montag, würden die 17 deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet - von Krümmel über Grohnde bis zu Neckarwestheim 2, das 2022 als letztes Werk vom Netz gehen soll.

Vielleicht aber geht es gar nicht nach Merkel, denn alle Meiler verfügen noch über sogenannte "Reststrommengen", die sie bis zu ihrer Abschaltung produzieren dürfen. Legen nun die Betreiber ältere Anlagen vorzeitig still, dürfen sie diese Reststrommengen auf jüngere übertragen - und aus der schönen Kaskade einen gewaltigen Wasserfall machen.

Das zumindest geht aus einer Untersuchung des Öko-Instituts hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Demnach dürfte die Übertragung der Reststrom-Mengen die Lebensdauer der modernsten Kernkraftwerke deutlich erhöhen - und zu einem Sammel-Ausstieg um das Jahr 2021 führen. Dies liegt vor allem an den Kontingenten der AKW Krümmel und Mülheim-Kärlich.

Letzteres war schon 1988 vom Netz gegangen, nach nur hundert Tagen Betrieb. Im rot-grünen Atomkonsens hatte Betreiber RWE dafür ein erkleckliches Kontingent zusätzlicher Strommengen erhalten; im Gegenzug verzichtete der Konzern auf Klagen. Ähnlich läuft es nun mit Krümmel. Der Reaktor, der theoretisch noch bis 2019 hätte laufen können, darf nie wieder ans Netz. Die verbleibenden Strommengen können die Betreiber Vattenfall und Eon auf andere Meiler verteilen.

Experten befürchten nun für das Jahr 2022 Probleme bei der Stromversorgung - und eine erneute Atomdebatte. "Diese Stauchung in einen Zeitraum von zwölf Monaten kann zu erheblichen energiewirtschaftlichen Problemen, energiepolitischen Mehrkosten und letztlich zur Gefährdung des Ausstiegs führen", heißt es im Gutachten des Berliner Instituts. Die Restlaufzeiten müssten daher verkürzt werden - von 32 Jahren, wie das Union und FDP vorschwebt, auf 30 Jahre.

"Nur dann kommt die schrittweise Abschaltung auch zustande", sagt Felix Matthes, Energieexperte am Öko-Institut. "Dies ist technisch und wirtschaftlich möglich und entschädigungsfrei machbar." Eine Einschätzung, die auch das Bundesumweltministerium teilt - zumal der Gesetzentwurf für die Laufzeitverkürzung die Übertragung von Strommengen auch für die sieben ältesten Meiler zulässt. Sechs von ihnen haben noch Kontingente.