Augsteins Welt Jetzt räumen wir auf

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Die Ökonomie ist groß im Prognostizieren. Sie kann sich in der Lehre sogar an neue Verhältnisse anpassen - wenn selbst der Letzte bemerkt hat, dass etwas schiefgelaufen ist.

Von Franziska Augstein

Die Politikerin Viola von Cramon ist bei den Grünen. Ein paar Jahre lang saß sie sogar im Bundestag. Das "Grüne": Sie lebt es, oft jedenfalls. Die Freundin des osteuropäischen Raumes machte einmal mit ihrer Familie Badeferien in Georgien am Schwarzen Meer. Dort sah es ziemlich bunt aus: Der Strand war mit Plastiktüten und anderem Müll übersät. Was macht eine ordentliche Deutsche da? Sie sagt ihren Kindern: Jetzt räumen wir hier erst mal auf! Und während die deutsche Familie am Müllsammeln war, so erzählte Viola von Cramon, gesellten sich allmählich Einheimische dazu. Einer und noch einer und noch einer. Am Ende habe der Strand so ausgesehen, dass alle guter Dinge waren und die Politikerin sich dort in die Sonne legen mochte.

Das Beispiel dieser Frau gibt Stoff für Doktorarbeiten auf vielen Feldern, von der Psychologie bis zur Ökonomie. Besonders interessant an den Wirtschaftswissenschaften ist, dass echte Trendwenden in der Lehre sich erst einstellen, nachdem die große Krise dahergekommen ist. Erst als 2007/2008 die halbe Welt in einer Finanzkrise versank, kam das Gros der Experten darauf, dass es den "Homo oeconomicus", den komplett rational kalkulierenden Menschen, den sie bis dato ihren Berechnungen zugrunde gelegt hatten, gar nicht gibt. Seither sind die sogenannten Behavioural Economics Bademeister am Strand der wirtschaftlichen Wechselfälle: Angesagt sind Wissenschaftler, die sich darauf verstehen, aus Umfragen und anderweitig erworbenem Zahlenmaterial die Wünsche und Zwänge der Menschen zu taxieren. Aus wirtschaftlicher Perspektive ist der Mensch ein Konsument. Was will diese Figur, wie bringt man sie dazu, in ihrem und im Interesse der Welt vernünftige Entscheidungen zu treffen?

Weil die Menschen nun einmal ihren Vorlieben und Ressentiments sklavisch ergeben sind, überlegen Verhaltensökonomen, wie man sie formen kann, ohne dass sie es selbst bemerken. Das englische Verb dafür ist "to nudge", womit gemeint ist, dass man jemanden mit dem Ellenbogen sachte in die richtige Richtung stupst. Auch das kann man übertreiben, findet jedenfalls die auf die Schnittstelle von Wirtschaft und Umweltfragen spezialisierte Ökonomin Kate Raworth. Sie lehrt in Oxford und Cambridge und hat es mit ihrem Buch "Doughnut Economics" bis vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen gebracht. In dem Buch, dessen Programmatik seltsamerweise nach einem geschmacklich bizarren, runden Brotgebäck mit einem programmatisch unverständlichen Loch in der Mitte benannt ist, schlägt sie eine Umgestaltung der Wirtschaft vor: weg von der trägen Hinnahme weltweiter Ungerechtigkeiten und hin zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Ressourcen des gebeutelten Planeten Erde.

Natürlich, schreibt sie, sei es sinnvoll, den Leuten gute Entscheidung unterzuschieben. Allerdings habe das dermaßen überhandgenommen, dass man sich fragen müsse, wie die Menschheit ohne dem bisher überlebt habe. Und: Nicht jede gut gemeinte Maßnahme erreicht das gewünschte Ziel. Manchmal funktioniert es, mitunter aber eben auch nicht. Um diesen Aspekt ihres Buches geht es hier.

Viele Wirtschaftsfachleute meinen, vor allem auf die Preise komme es an. Falsch!, sagen die Verhaltensökonomen. In den Vereinigten Staaten erhielten Blutspender Geld für ihre rote Gabe, in Großbritannien erhielten sie kein Geld. Am Ende fanden sich - anteilig an der Bevölkerung gesehen - mehr Briten als Amerikaner zur Blutspende bereit, und ihr Blut war zudem viel weniger verseucht.

Nicht alles hat seinen Preis. Vieles Gute gibt es nur umsonst, selbst in der Wirtschaft

Ein anderes Beispiel: Kolumbien begann 2005 mit einem Experiment. Teenager aus armen Familien in Bogotá wurden ausgelost, die Eltern bekamen 15 US-Dollar pro Monat dafür, dass sie ihre Kinder zur Schule schickten. Das funktionierte wunderbar: Diese Kinder schafften ihren Schulabschluss. Dumm war nur, dass die Kinder, für die es kein Geld gab, nun erst recht nicht zur Schule gingen.

In Israel wurde 1990 in zehn Kindergärten allen Eltern eine kleine Strafgebühr aufgebrummt, die ihre Kinder nicht pünktlich abholten. Das scherte die Eltern nicht: Noch mehr Mütter und Väter als zuvor kamen zu spät. Sie hatten sich von der Pflicht zur Pünktlichkeit freigekauft. Als die Strafgebühr abgeschafft war, kamen die Eltern weiter zu spät.

In Tansania wurde einigen Dorfgemeinden vorgeschlagen, es möge, wer Lust habe, einen halben Tag damit verbringen, den Schulhof aufzuräumen und dort Bäume zu pflanzen, die kostenlos herbeigebracht wurden. Wenn den Leuten dafür der Lohn eines Tages Arbeit in Aussicht gestellt wurde, waren sie weniger interessiert daran zu helfen, als wenn sie umsonst arbeiteten. Mehr noch: Alle, die Geld erhalten hatten, waren am Ende weniger zufrieden als jene, die für Gottes Lohn und zum Wohlergehen der Dorfgemeinschaft zur Schaufel gegriffen hatten.

Aus all dem zieht Kate Raworth das Fazit, dass nicht alles über den Preis läuft, dass Solidarität vielen Menschen viel mehr wert ist als etwas Geldgewinn. Selbstredend hält Raworth nichts davon, dass die Menschen in der Ökonomie weiter als "Konsumenten" betrachtet werden. Ein Konsument ist nichts anderes als ein kleines Teil, das wie eine Maschine zum Bruttosozialprodukt beiträgt. Der Konsument ist bloß eine Ziffer. Ein empfindsamer und politisch denkender Bürger ist er nicht.

Raworths Buch erscheint Anfang 2018 auf Deutsch. Aus süddeutscher Perspektive ist der Titel "Doughnut Economics" schlecht gewählt, "Vinschgauer Economics" wäre passender. Aber die schmackhaften, irgendwie auch runden Vinschgauer-Brötchen ohne komisches Loch in der Mitte kennt im Rest der Welt kein Mensch.