Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04 Ein Traum aus Fußball und Fleisch

Clemens Tönnies aus Ostwestfalen lässt jedes Jahr 16 Millionen Schweine schlachten und setzt 4,6 Milliarden Euro um. Außerdem will er die Königsblauen aus Schalke zur Deutschen Meisterschaft führen - nach dem Vorbild des FC Bayern München und seines Metzger-Kollegen Uli Hoeneß.

Von Stefan Weber

Clemens Tönnies, 56, hat zwei Leben. Eines diesseits des Kamener Kreuzes, eines jenseits. "Am Kamener Kreuz lege ich den Schalter um", sagt Tönnies bei "Forum Manager" von Süddeutscher Zeitung und dem Fernsehsender Phoenix vor Studenten der WHU Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf.

Am Verkehrsknotenpunkt im Nordosten des Ruhrgebiets, wo die A 1 und die A 2 aufeinandertreffen, geschieht eine Metamorphose. Da wird aus Deutschlands größtem Schlachter der mächtige Chef des Fußball-Bundesligisten Schalke 04. Und umgekehrt. Exakt 104 Kilometer liegen zwischen den Tönnies Fleischwerken im ostwestfälischen Rheda und der Arena des Revierklubs in Gelsenkirchen. Eine gute Distanz, um den Kopf frei zu bekommen für die jeweils andere Rolle, findet Tönnies.

Manche sagen er sehe aus wie der junge Helmut Kohl. Clemens Tönnies findet das gut.

(Foto: dapd)

Die Zeit, die er auf der Autobahn verliert, holt er später wieder rein. "Lange Anreise, kurz Besprechung" - so hält er es gern. Tönnies, der Macher. Aufsichtsratssitzungen bei Schalke dauern unter seiner Regie höchstens zwei Stunden. Diese Schlagzahl gilt auch in seinem Unternehmen. Montags um sieben Uhr in der Früh ist üblicherweise Lagebesprechung in der Firmenzentrale. Ruckzuck geht der Chef dann die Themen durch. Auch hier ist nach zwei Stunden Schluss.

Gut Freund mit Wladimir Putin

"Schalke ist immer ein gutes Thema", weiß der Familienunternehmer. Was bei den Königsblauen passiert, bewegt viele Menschen. Auch Geschäftsfreunde. Theo Albrecht, der vor zwei Jahren verstorbene Discounter-König und treue Abnehmer von Tönnies Fleischwaren, hat ihn einst beschworen: "Pass auf Schalke auf." Und wenn der Fabrikant, Mitglied im Klub der 100 reichsten Deutschen, Wladimir Putin trifft, hat er stets ein aktuelles Mannschaftstrikot im Gepäck, beflockt mit dem Namen des russischen Präsidenten. Und ein paar gute Stücke Eisbein. Eigenhändig zubereitet in der kleinen Metzgerei, die sich der gelernte Fleischtechniker zuhause eingerichtet hat, um in Übung zu bleiben.

Der Kontakt zu Putin hatte sich vor ein paar Jahren ergeben - natürlich über den Fußball. Schalke war auf der Suche nach einem Hauptsponsor gewesen. Jemand machte Tönnies auf den russischen Energie-Riesen Gazprom aufmerksam. Inzwischen sind die Revierkicker schon gut sechs Jahre mit dem Gazprom-Logo auf dem Trikot unterwegs, und der Schuldenberg des Vereins ist immerhin von 245 auf 186 Millionen abgetragen worden. Tönnies ist Dauergast bei Putin. Dann wird über Fußball gesprochen. Oder der Präsident fragt: "Was machen unsere Schweine?"

Vor ein paar Jahren hatte Tönnies in Russland riesige Schweinezuchtbetriebe gekauft. Nicht als Firmenboss. Sondern auf private Rechnung. Dieser Deal ist nun zum Streitpunkt geworden zwischen ihm und seinem Neffen Robert. Der hält wie Onkel Clemens 50 Prozent an Deutschlands größtem Schlacht- und Zerlegebetrieb - und wirft seinem Onkel groben Undank vor. Begründung: Mit seinen privaten Unternehmungen - wozu auch eine Beteiligung am Wursthersteller Zur Mühlen (Marken Böklunder, Redlefsen) gehört - mache Clemens Tönnies dem Familienbetrieb selbst Konkurrenz. Grund genug für den Neffen, eine Schenkung von fünf Prozent der Unternehmensanteile zurückzufordern. Wäre der Neffe erfolgreich, wäre Clemens Tönnies nicht mehr Herr in dem Unternehmen, das er nach dem Tod seines Bruders 1994 zu einem Konzern mit bald fünf Milliarden Euro Umsatz geformt hat.

Seit Monaten tobt der Streit. Im Augenblick geht es wieder einmal besonders hoch her. Vor drei Wochen hatten Steuerfahnder in der Fleischfabrik vorbeigeschaut - wieder einmal. Dabei wurden Unterlagen beschlagnahmt, die nach Auskunft von Tönnies' Anwalt Sven Thomas nichts mit dem Ermittlungsverfahren zu tun haben. Der Fleisch-Tycoon bleibt gelassen. "Wir arbeiten das alles sauber ab. Da wird sich nichts finden lassen." Er kennt das inzwischen. Jahrelang hatten verschiedene Staatsanwaltschaften gegen ihn ermittelt.

Am Ende blieb allein der Vorwurf, Ware falsch etikettiert zu haben. Wie es zum Streit mit dem Neffen gekommen ist; kann sich der Onkel nicht recht erklären. "Aber es gab da einen Anwalt, der aus einem kleinen Streit einen großen Streit gemacht hat und der davon gewaltig profitiert", sagt er. Robert Tönnies wird beraten von dem Stuttgarter Juristen Manfred Binz. Der vermittelte auch schon bei Streitigkeiten in anderen prominenten Familienunternehmen, etwa bei Haribo.

Der Zwist mit dem Neffen nerve, sagt Clemens Tönnies. Aber er berühre das Unternehmen nicht in seiner Substanz. Lieferanten und Kunden hätten nach wie vor Vertrauen. Das sei wichtig. Schließlich habe er noch viel vor. Tönnies will neue Märkte erobern, expandieren- und will sogar an die Börse gehen mit dem Unternehmen. In spätestens zehn Jahren soll es soweit sein.

Vom Vater, der eine kleine Metzgerei in Rheda besaß, hatte er als 14-Jähriger eine Ohrfeige bekommen für den Wunsch, Radio- und Fernsehtechniker zu lernen. Und nicht Fleischer wie sein Bruder Bernd. Der kleine Clemens gehorchte. Aber es ist dann ja auch gut gelaufen. Bernd machte sich mit 18 selbständig und zog den drei Jahre jüngeren Bruder mit. Ihre Geschäftsidee: Standardisierte Fleischteile zu liefern und nicht mehr zu metzgern.

Heute schlachtet Tönnies 16 Millionen Schweine im Jahr. Aus jedem Tier werden mehr als 250 Stücke herausgeschnitten und passgenau an die Kunden im Handel geliefert. Kann man da noch Spaß haben an einem Fleischgericht? Tönnies schon. "Eine Woche ohne Fleisch geht gar nicht", sagt er. Zweifel, ob dies gesund ist, plagen ihn auch nicht. "Meine Werte sind tiptop."

Freundschaft unter Wurstfabrikanten

Mit seiner hohen Stirn, der dunkel gerahmten Brille und den zurückgekämmten Haaren ähnelt Clemens Tönnies ein wenig dem jungen Helmut Kohl. Das hört er nicht ungern. Er hat eine hohe Meinung von dem Altkanzler. Aber selber Politik machen? "Ich bin nicht so diplomatisch", meint er. Und er liebt eher die kleine Welt. In Rheda, wo er aufgewachsen ist, wo er Vorsitzender im Schützenverein ist und wo er nie mehr wegziehen will.

Die große Bühne bietet Schalke. Acht bis zehn Stunden pro Woche ist Tönnies ("Ich bin anerkannter Fußball-Laie") für den Traditionsklub im Einsatz. "Wenn es brennt, auch schon einmal mehr." Aber im Moment läuft es gut. Die Mannschaft spielt einen schönen Fußball, ist Zweiter in der Liga. Hinter den Bayern, dem Klub, bei dem Uli Hoeneß Präsident ist. Den nennt Tönnies einen "engen Freund". Man sieht sich oft. "Dann reden wir mehr über Fleisch als über Fußball", meint der Schalke-Boss. Was damit zu tun hat, dass Hoeneß Inhaber einer Bratwurstfabrik ist. Kann aber schon sein, dass am Ende eines solchen Gesprächs plötzlich der Millionentransfer des Schalker Jungen Manuel Neuer zum Rekordmeister in München steht.

Ob es jemals was wird mit der Meisterschaft für Schalke? Der letzte Titelgewinn liegt 54 Jahre zurück. Er sei "felsenfest" überzeugt, dass der Klub in den nächsten Jahren endlich einmal wieder Meister wird, sagt der Aufsichtsratschef. Der Weg ist klar: "Wir müssen uns die Bayern zum Vorbild nehmen, die haben in den vergangenen 20 Jahren alles richtig gemacht."