Volkswagen Deutlich mehr VW-Whistleblower als angenommen

Vor dem VW-Werk in Wolfsburg

(Foto: dpa)
  • Nach Bekanntwerden des Skandals um manipulierte Abgaswerte appellierte die VW-Führung, dass Mitwisser sich melden sollen.
  • Etwa 50 Beschäftigte gaben an, Erkenntnisse zu haben. Dabei hatte der Vorstand immer beteuert, dass es nur eine "kleine Tätergruppe" gebe.
Von Max Hägler und Klaus Ott

Der Appell, den der Volkswagen-Vorstand vor knapp zwei Monaten an die Belegschaft richtete, klang dramatisch. Bei der "lückenlosen Aufklärung aller Vorgänge", die zu der Abgasaffäre geführt hätten, "sind wir auf die Mitarbeit und das Wissen von Ihnen, unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, angewiesen". Beschäftigte, die auspacken könnten, sollten das unbedingt tun. "Dabei zählt jeder Tag." Wer in die Affäre verwickelt sei, sich jetzt aber melde, werde nicht gekündigt und bleibe auch von Schadenersatzforderungen verschont, müsse also im Falle einer "vollumfänglichen Kooperation keine persönlichen Nachteile" im Unternehmen befürchten.

Das Amnestie-Angebot zeigte Wirkung. Nach Angaben eines Konzernsprechers haben sich knapp 50 Beschäftigte gemeldet, von Sachbearbeitern bis hin zu einigen Abteilungsleitern. Nun könne man, hofft VW, den Manipulationen bei Abgastests "deutlich auf den Grund gehen". Die Mitarbeiter werden nach und nach von den internen Ermittlern befragt, anschließend werden die dadurch gewonnenen Erkenntnisse ausgewertet. An diesen Ergebnissen dürfte auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig interessiert sein, die wegen Betrugsverdachts gegen elf heutige und ehemalige VW-Beschäftigte ermittelt.

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Nun muss sich zeigen, ob der alte Konzernvorstand von den Manipulationen wirklich nichts wusste

Fast 50 Leute, die auspacken wollen, das ist eine ziemlich große Zahl angesichts des Umstandes, dass VW weiterhin von einer "kleinen Tätergruppe" im Konzern ausgeht. Ob sich diese These halten lässt und ob der alte, von Martin Winterkorn geleitete Konzernvorstand von den Manipulationen wirklich nichts ahnte oder gar wusste, das muss sich allerdings erst noch zeigen. VW will bis zur Aktionärsversammlung am 21. April weitgehend Klarheit schaffen, was die eigenen Nachforschungen erbracht haben.

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Die Staatsanwaltschaft, die unabhängig von Volkswagen ermittelt, wird wohl länger brauchen. Die von VW intern zugesagte Amnestie für aussagewillige Beschäftigte gilt nicht für die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft. Das hat der Konzernvorstand der Belegschaft vorsorglich mitgeteilt. Amnestie-Programme anderer Konzerne wie Siemens, bei denen es ebenfalls Affären aufzuklären gab, haben aber gezeigt: Mitwisser, die auspacken, werden in der Regel auch von den Ermittlungsbehörden geschont. Auch die sind sehr an Insidern interessiert, die sich offenbaren.

Etwas gedulden muss sich aber die Brüsseler EU-Kommission, die auf Informationen von VW über geschönte CO₂-Abgaswerte wartet. Vorstandschef Matthias Müller schrieb der Kommission, man brauche mehr Zeit. Nachmessungen bei neun verbliebenen Modellvarianten sind laut VW Ende 2015 noch nicht abgeschlossen gewesen; das solle aber bald geschehen sein. Zuerst war VW offenbar aufgrund von Angaben eines Mitarbeiters von 800 000 betroffenen Fahrzeugen ausgegangen, jetzt sollen es nur noch 36 000 sein.

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