AUB-Skandal Neuer Verdächtiger

Schwere Vorwürfe: Der ehemalige Siemens-Zentralvorstand Günter Wilhelm soll an den fragwürdigen Zahlungen an den AUB-Chef Schelsky beteiligt gewesen sein.

Von Klaus Ott und Uwe Ritzer

Ein sechstes ehemaliges Mitglied aus dem engsten Führungszirkel von Siemens steht im Verdacht krummer Machenschaften. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat die Staatsanwaltschaft in Nürnberg ein Ermittlungsverfahren gegen Ex-Zentralvorstand Günter Wilhelm eingeleitet. Sie wirft dem 72-Jährigen Anstiftung zur Untreue vor.

Wilhelm soll einer der Hintermänner bei den fragwürdigen Zahlungen an den Ex-Vorsitzenden der Betriebsräteorganisation AUB, Wilhelm Schelsky, gewesen sein.

Dieser hat von Siemens etwa 50 Millionen Euro verdeckt kassiert, um die AUB als arbeitgeberfreundliches Gegengewicht zur IG Metall aufzupäppeln.

Feldmayer packt aus

In diesem Zusammenhang muss sich der seit Februar 2007 in Untersuchungshaft sitzende Schelsky vermutlich ab Herbst vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth verantworten. Mit ihm auf der Anklagebank wird der ehemalige Siemens-Zentralvorstand Johannes Feldmayer sitzen, dem Untreue zu Lasten von Siemens vorgeworfen wird, weil er für die Zahlungen an Schelsky in den letzten Jahren verantwortlich sein soll.

Nach SZ-Informationen aus mit dem Fall befassten Kreisen hat Feldmayer Wilhelm schwer belastet. Gegenüber den Nürnberger Ermittlern gab er dem Vernehmen nach an, Wilhelm habe ihn im Herbst 2000 angerufen und aufgefordert, mit Schelsky einen neuen Rahmenvertrag zu vereinbaren. Details über dessen Inhalt werde er von Schelsky direkt erfahren. Tatsächlich schloss Feldmayer in der Folge einen Vertrag mit Schelsky. Er regelte unter anderem, dass der AUB-Chef Siemens bei der Auswahl und der Schulung von Mitarbeitern helfen sollte, die später als Betriebsräte fungieren sollten.

Verjährte Delikte

Günter Wilhelm war zum fraglichen Zeitpunkt für die Bereiche Energie und Automatisierungstechnik sowie die Regionen Asien und Australien der Vorgesetzte Feldmayers. Der Elektroingenieur, der seit seinem Einstieg bei Siemens 1958 eine steile Karriere hingelegt hatte, gehörte dem obersten Führungszirkel um Heinrich von Pierer von 1992 bis zu seinem Ausscheiden in den Ruhestand 2000 an.

Beim laufenden AUB-Verfahren hatte ihn die Nürnberger Staatsanwaltschaft zunächst nicht im Visier. Es hieß, mögliche Delikte des Ex-Managers seien wohl verjährt. Inzwischen stufen die Strafverfolger ihn jedoch als den Mann ein, der Feldmayer zur Untreue angestiftet haben soll. Und Anstiftung zu einer Straftat verjährt dann nicht, wenn die Tat noch nicht verjährt ist.

Belastet wird Wilhelm auch durch Unterlagen, die Ermittlern bei Hausdurchsuchungen in die Hände fielen. So soll eine Vereinbarung vom 1. August 1990 Wilhelms Unterschrift tragen. Sie regelt die großzügigen Modalitäten, unter denen der damalige Siemens-Angestellte Schelsky aus dem Unternehmen ausscheiden sollte, um fortan die AUB aufzubauen. Auch ein von Schelsky am 8. August 1995 verfasstes Papier belastet Wilhelm. Damals notierte der AUB-Chef, er habe mit Wilhelm über die AUB gesprochen. "Seine Bemerkungen dazu waren: 1. So sollte es weiterlaufen. 2. Dies darf man eigentlich nicht zu Papier bringen."