Argentiniens Präsidentin Kirchner Alles auf eine Karte

"Wir glauben, dass wir diese Art internationale Plünderung auf finanziellem Gebiet beenden müssen", sagt Cristina Fernández de Kirchner über die Investoren, die ihre Regierung oft als "Geier" schmäht.

(Foto: dpa)

Eine Frau am Rande der Staatspleite: Im epischen Kampf mit Hedgefonds um Argentiniens Schulden müsste Präsidentin Cristina Kirchner diplomatisches Geschick beweisen. Doch diese Fähigkeit ist bei ihr schwach ausgeprägt - und ihr Land tief gespalten.

Von Sebastian Schoepp

Der Kirchnerismus begann mit einer Staatspleite - nicht ausgeschlossen, dass er auch mit einer endet. Der epische Kampf Argentiniens mit den Schulden ist mit Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner und ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann und Vorgänger untrennbar verbunden. Als das Land 2002 am Abgrund stand, war es der bis dato unbekannte Provinzpolitiker Néstor Kirchner, der Argentinien rettete. Zumindest sah es so aus: Kirchner erreichte als Präsident, dass die meisten Gläubiger auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichteten, um nicht komplett leer auszugehen. Damit machte er Argentinien zum Paria der Finanzwelt, einerseits. Andererseits wurde Kirchner mit der trotzigen Verweigerungshaltung auch zum Patron eines neuen argentinischen, ja lateinamerikanischen Selbstbewusstseins.

Nun wird seine Witwe und Nachfolgerin Cristina Kirchner von der Vergangenheit eingeholt. Diejenigen Anleger, die sich mit der Umschuldung damals nicht zufriedengegeben haben, wollen unverdrossen ihr Geld - und ein amerikanisches Gericht hat ihnen jetzt recht gegeben. Kirchner steht unter Zugzwang, diplomatisches Handeln wäre gefragt, doch diese Fähigkeit ist bei ihr sehr schwach ausgeprägt, wie auch diesmal ihre Wortwahl zeigt: Für sie sind die Gläubiger schlicht "Geierfonds", die märchenhafte Renditen abschöpfen wollen. Ihre Arroganzwerte überflügeln die ihres verstorbenen Mannes. Damit hat sie einiges erzwungen - und vieles verpatzt.

Die zentrale Absicht des Kirchnerismus war es, Argentinien autarker und von innen heraus leistungsfähiger zu machen. Das Land sollte befreit werden von der Importabhängigkeit, die Argentinien dem korrupten Präsidenten Carlos Menem verdankt - ebenso wie den fatalen Hang zu riskanten Finanzgeschäften, die später in die Pleite führten. Es war zu Menems Zeiten in den 1990er-Jahren gewesen, dass sich weltweit Anleger Argentinien-Papiere mit riesigen Renditeversprechen aufschwatzen ließen, die sich nicht einlösen ließen.

Doch für die Realisierung ihres Traums von einem eigenständigen Argentinien hat den Kirchners stets der gesellschaftliche Konsens gefehlt. Argentinien ist ein zweigeteiltes Land, in dem sich Besitzlose und Besitzende unversöhnlich gegenüberstehen und in dem die totale Abwesenheit von staatsbürgerlichem Bewusstsein Kapitalflucht ins Ausland zur florierendsten Wirtschaftsaktivität hat werden lassen. Kirchner trieb diese Zweiteilung auf die Spitze, sie verließ sich stets ganz auf die zahlenmäßige Überlegenheit ihrer tendenziell besitzarmen Klientel, die sie von Wahlerfolg zu Wahlerfolg trug. Erst die Verfassung setzt dem Kirchnerismus eine natürliche Grenze, indem sie die Möglichkeit zur zweiten Wiederwahl 2015 ausschließt.

Hinhalten und Tricksen bis Ende des Jahres

Zum Gran Final setzt Cristina Fernández de Kirchner noch mal alles auf eine Karte: Ende des Jahres verfällt die Klausel, wonach Argentinien seine kompletten Außenstände zu begleichen hat, sofern es einen kleinen Teil der Gläubiger voll bedient, wie es das US-Gericht fordert. Das mag Kirchner dazu verleitet haben, die Sache auf ihre Art anzugehen: mit hinhalten, tricksen, verhandeln, aussitzen - vielleicht knickt ein Gläubiger ein, vielleicht schafft man es, sich über die Monate zu retten. Die Präsidentin weiß: Argentinien ist krisenerprobt, das Land hat sich x-mal aus der eigenen Asche erheben müssen. Da lässt man es eher auf einen Crash ankommen als die Musterschüler der Rating-Agenturen.

Kritik blendet Kirchner aus, sie fühlt sich ermutigt durch die Unterstützung, die sie nicht nur von ihren Anhängern in Argentinien erhält, sondern sogar vom Internationalen Währungsfonds. Der fürchtet, dass es nach dem Urteil viel schwerer wird, Umschuldungen für Krisenländer auszuhandeln.