Arcandor-Prozess Thomas Middelhoff beschreibt seinen Absturz

Thomas Middelhoff bei einem Verhandlungstermin vergangene Woche.

(Foto: dpa)
  • Wegen Anstiftung zur Untreue steht Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff vor Gericht.
  • Im Gegensatz zu den ebenfalls angeklagten Aufsichtsräten äußert er sich nun und erzählt, wie er so tief fallen konnte.
Von Benedikt Müller, Essen

Thomas Middelhoff beweist eine gewisse Größe. Obwohl der Manager tief gefallen ist, viel tiefer als die anderen Angeklagten, bricht er vor dem Landgericht Essen als Erster sein Schweigen. Ruhig und sachlich schildert der 64-Jährige am Montag, wie er binnen weniger Jahre vom Chef des Karstadt-Quelle-Konzerns zum verurteilten Freigänger wurde, gesundheitlich angeschlagen, in Scheidung lebend. In einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung begleite Middelhoff nun die Bewohner bei Toilettengängen, helfe ihnen beim Essen, mache Spaziergänge und leichtere Verwaltungsarbeiten. So erzählt es der Manager, dunkler Anzug, hellblaue Krawatte, während die mit ihm angeklagten Aufsichtsräte bislang einsilbig bleiben, lieber ihre Anwälte sprechen lassen.

Noch vor einem Jahrzehnt war Middelhoff einer der schillerndsten Manager des Landes; er flog mit dem Hubschrauber über Autobahn-Staus hinweg. Der frühere Bertelsmann-Chef versuchte, den Karstadt-Quelle-Konzern unter dem Namen Arcandor wieder in die Gewinnzone zu führen. Doch das Unternehmen kam nicht aus der Krise heraus. Middelhoff erklärte Ende 2008 seinen Rückzug; im Juni 2009 ging Arcandor pleite. Trotzdem erhielt Middelhoff kurz vor seinem Abgang einen Bonus von knapp 2,3 Millionen Euro. Solche hohen Zahlungen entbehrten jeder Grundlage und jeder wirtschaftlichen Vernunft, argumentiert die Staatsanwaltschaft Bochum. Sechs Aufsichtsräte stehen nun wegen Untreue vor Gericht; der frühere Vorstandschef Middelhoff ist wegen Anstiftung zur Untreue angeklagt.

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Middelhoff hat es in dem Prozess besonders eilig, seine Sicht der Dinge vorzutragen. Schon am ersten Verhandlungstag argumentiert seine Anwältin, der Bonus sei von langer Hand geplant und ordentlich verhandelt worden; von einer Anstiftung zur Untreue könne keine Rede sein. Am Montag nun fasst Middelhoff selbst seinen Lebensweg zusammen: "Aus meiner heutigen persönlichen Sicht hat es zwei Brüche gegeben in meinem Leben", sagt der 64-Jährige mit fast fester Stimme. Der erste begann nach der Arcandor-Pleite: Middelhoff wurde hier, im Landgericht Essen, verurteilt, weil er private Flüge auf Kosten des kriselnden Konzerns abgerechnet hatte. Noch im Sitzungssaal - die Raumnummer kennt Middelhoff auswendig - wurde er festgenommen.

Der zweite Bruch folgte in der Untersuchungshaft: Die Vollzugsbeamten kontrollierten regelmäßig, wie es Middelhoff in der Zelle ging. Durch den Schlafentzug sei er unheilbar erkrankt, am Herzen, an der Niere, an den Augen. Zugleich wurde das Konto des Managers eingefroren, Middelhoff musste Privatinsolvenz anmelden. Als Manager sei er seitdem überhaupt nicht mehr vermittelbar, sagt der 64-Jährige. Die Botschaft dahinter ist klar: Er, Thomas Middelhoff, ist schon genug gestraft, weil er alles verloren hat.

Gemeinsam mit ihm sitzen in Essen sechs Aufsichtsräte auf der Anklagebank. Sie hatten die Millionen-Zahlungen an den damaligen Vorstandschef sowie an den Finanzvorstand durchgewinkt. Heute sind sie gestandene Herren, in Schlips und Kragen, teils über 70, sichtbar ergraut. Zwei von ihnen lassen am Montag Erklärungen von ihren Anwälten vorlesen, die sich inhaltlich doch sehr ähneln: Die Boni an Arcandor-Manager seien Ermessensentscheidungen gewesen, und zwar ordentlich geprüft, argumentieren die Verteidiger. Keinesfalls seien die Sonderzahlungen dermaßen hoch gewesen, dass man eine absichtliche Untreue unterstellen könne.

34 Verhandlungstage hat die Strafkammer angesetzt, um diese Fragen zu klären: Winkten die Aufsichtsräte bewusst viel zu hohe Bonus-Zahlungen durch, damit die gescheiterten Manager ohne großen Aufhebens und nach ihren Vorstellungen das sinkende Schiff verlassen konnten? Und hat Middelhoff sie dazu wirklich angestiftet? Nächsten Montag will der Richter die erste Zeugin vernehmen. Sie hatte in der Arcandor-Personalabteilung die Vergütung der Vorstände betreut.

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