Interview: K. Riedel

Sprachwissenschaftlerin Sybille Kircher erfindet Produkt- und Firmennamen - doch ihre Schöpfung Arcandor ist bald Vergangenheit. Der Konzern ist insolvent.

Sybille Kircher erfindet hauptberuflich Namen. Ihre Düsseldorfer Agentur Nomen Deutschland benennt Unternehmen und Produkte. Auch die Wortschöpfung "Arcandor", die sich mit der Insolvenz des Handelskonzerns überlebt hat, stammt von ihr. Die Namensfindung ist ein internationales Geschäft: Die Sprachwissenschaftlerin und Marketing-Expertin spricht Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch.

Arcandor, AP

Seit Dienstag offiziell im Insolvenzverfahren: Arcandor. (© Foto: AP)

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SZ: Frau Kircher, was ist für Sie ein guter Name?

Sybille Kircher: Ein guter Name berührt die Menschen, er erfasst ihre Emotionen. Der Name muss transportieren, was das Produkt darstellen soll und einen guten Klang haben. Er allein macht ein Produkt wirklich einzigartig. Die meisten Markenprodukte werden heute irgendwo auf der Welt abgekupfert. Das im Einzelfall nachzuweisen, ist aber schwierig.

SZ: Früher hießen Unternehmen wie ihre Gründer: Thyssen, Henkel, Siemens. Warum werden heute Namen erfunden, die so seltsam klingen? Tognum oder Qimonda sind doch nicht wirklich schön. . .

Kircher: Das ist eine Folge der Globalisierung. Es gibt heute sehr viele Neugründungen, die sich schnell etablieren müssen - überall auf der Welt. Deshalb wird es immer schwieriger, Namen zu finden, die auffallen und trotzdem in allen Teilen der Welt gut klingen. In diesem Zusammenhang hat sich auch die Namensbildung professionalisiert.

SZ: Wie finden Sie Namen, die die Menschen auf dem gesamten Globus mit positiven Gefühlen besetzen? Schließlich ist Geschmack kulturell verschieden.

Kircher: Die Namensfindung ist ein langer Prozess. Erst wenn wir uns mit einem Kunden auf einen Favoriten verständigt haben, testen wir den Namen. Wir haben in allen Ecken der Welt Mitarbeiter, die herausfinden, ob der Name wirklich noch frei ist und die dann überprüfen, ob ein Name in einer anderen Sprache gut ankommt und nicht vielleicht eine unerwünschte Bedeutung hat.

SZ: Ein berühmter Fehlgriff ist der Geländewagen Mitsubishi Pajero, der es in Spanien schwer hatte. Im Spanischen ist der Name eine üble Beleidigung.

Kircher: Ich finde auch, dass es ungünstig ist, ein Fenster "Roto" zu nennen. Im Spanischen heißt das "kaputt". Oder "Probe" für ein Auto - in so einem Wagen würde ich mich vielleicht nicht besonders sicher fühlen.

SZ: Sie haben einen Namen erfunden, der vermutlich sehr bald aus dem Handelsregister gelöscht wird: Arcandor. War das ein guter Name?

Kircher: Es ist ja nicht so, dass ein Unternehmen wegen eines unpassenden Namens insolvent wird. Schuld am Untergang eines Unternehmens sind Konzernstrukturen oder Missmanagement. Ich finde, dass der Name sehr gut passte - und er wurde auch akzeptiert.

SZ: Der damalige Vorstandsvorsitzende der KarstadtQuelle AG, Thomas Middelhoff, musste einigen Spott aushalten, als er den Namen "Arcandor" im Mai 2007 vorstellte.

Kircher: Das ist ein üblicher Effekt, wenn sich etablierte Unternehmen umbenennen. Es dauert eine Weile, bis alle sich vom alten Namen gelöst haben und den neuen akzeptieren. Der Name sollte zeigen, dass der Konzern viele Sparten überspannt, wie ein Bogen. Deshalb steckte das Wort arc, Bogen, darin. Viele haben spekuliert, dass außerdem or für Gold enthalten sei. Aber so weit würde ich einen Namen nicht in seine Teile zerlegen. Es geht um den Gesamtklang.

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