Tohuwabohu nach der Arcandor-Pleite: Die Mitarbeiter des Konzerns sind fassungslos, Kanzlerin Merkel nennt die Insolvenz "unvermeidlich" und Lafontaine wütet gegen die Bundesregierung.
Bis zuletzt hatten die Mitarbeiter von Arcandor gebangt - doch der Konzern ist pleite. Mit Entsetzen und Tränen reagierten die Angestellten in der Arcandor-Zentrale in Essen auf die Nachricht vom Insolvenzantrag des Unternehmens.
Arcandor wollte Hilfe vom Staat - doch der Zukunftsplan des Konzerns war "absolut nicht genug", begründete Merkel die Absage. Jetzt ist das Unternehmen pleite. (© Foto: dpa)
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"Das ist durchgegangen wie eine Explosion", sagt die Betriebsrätin Gabriele Schuster. "Die Stimmung ist grausam, die Mitarbeiter weinen."
Jetzt würden bei der Sanierung sicher viele Stellen gestrichen, fürchtet sie. Allein in der Arcandor-Firmenzentrale arbeiten rund 2000 Menschen. Sie befürchten nach einer Fusion der Karstadt-Warenhauskette mit Kaufhof scharfe Kürzungen.
Mit Fassungslosigkeit wurde auch beim Versandunternehmen Quelle die Nachricht vom Insolvenzantrag aufgenommen. "Das ist der Super-Gau", sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ernst Sindel. Man habe bis zuletzt daran geglaubt, dass noch eine Lösung für das Handelsunternehmen Arcandor und damit auch für die Tochtergesellschaft Quelle möglich sei.
Jetzt gehe es darum, möglichst viele Arbeitsplätze bei Quelle zu retten. "Schockierend" nannte Quelle-Sprecher Manfred Gawlas die Entwicklung. Welche Folgen die Insolvenz für Quelle mit seinen 8000 Mitarbeitern haben werde, sei derzeit völlig unklar.
"Absolut nicht genug"
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die Insolvenz von Arcandor als "unvermeidlich".
Die Zusagen der Eigentümer und Gläubiger des Unternehmens, sich für Arcandor zu engagieren, seien "absolut nicht genug" gewesen, kritisierte die Kanzlerin. Die Bundesregierung habe auch auf Steuergelder zu achten, rechtfertigte sie die Ablehnung der Anträge Arcandors auf staatliche Hilfen.
Merkel will Beschäftigten helfen
Ein Insolvenzantrag könne die Möglichkeit sein, ein Unternehmen "auf neue Füße zu stellen" und ihm "neue Perspektiven zu eröffnen", sagte Merkel. Arcandor habe nun die Chance, mit anderen Unternehmen zusammenzugehen, zum Beispiel mit Metro. Dies könne Arcandor und seinen Beschäftigten "neue Chancen" eröffnen.
Auch der Bund will den Beschäftigten helfen: Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) werde sich schnell mit den Personalvertretungen an einen Tisch setzen, kündigte Merkel an.
"Die Beschäftigten bei Karstadt sind Opfer von Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Steinmeier", erklärte unterdessen der Vorsitzende der Linksfraktion, Oskar Lafontaine, zum Insolvenzantrag der Karstadt-Mutter Arcandor. "Merkel und Steinmeier war der Kampf um das Kanzleramt wichtiger als eine Lösung im Interesse der Beschäftigten zu finden. Diese sind nun die Hauptleidtragenden der Insolvenz."
An der Börse brachen die Arcandor-Papiere weiter ein - zeitweise notierten sie mit fast 35 Prozent im Minus bei rund 70 Cent.
Das Unternehmen habe beim Amtsgericht Essen den Antrag auf Insolvenz gestellt, weil ihm die Zahlungsunfähigkeit angesichts bis Freitag fälliger Kredite in Höhe von 710 Millionen Euro drohte, hieß es in einer Arcandor-Mitteilung.
Der Geschäftsbetrieb in den Karstadt-Warenhäusern und bei den Arcandor-Versandhandelstöchtern soll jedoch normal weiterlaufen.
Von der Insolvenz sind 43.000 Mitarbeiter betroffen. Das Unternehmen hat auch für seine Kaufhaustochter Karstadt, die Versandhandelstochter Primondo und den Katalogversender Quelle Gläubigerschutz beantragt.
Thomas Cook nicht betroffen
Nicht betroffen von dem Verfahren sind den Angaben zufolge die in Großbritannien ansässige Touristiktochter Thomas Cook, die Spezialversender der Primondo-Gruppe sowie der Homeshopping-Sender HSE24.
Rewe-Chef Alain Caparros kündigte an, eine Übernahme von Thomas Cook prüfen zu wollen. Die knapp 53-prozentige Arcandor-Beteiligung an dem Ferienflieger Thomas Cook steht offenbar ganz oben auf der Verkaufsliste von Arcandor.
Arcandor teilte weiter mit, Ziel des Insolvenzverfahrens sei es, die Sanierung des Unternehmens und seiner Tochtergesellschaften fortzusetzen.
Nach der Ablehnung des Hilfsantrags durch die Bundesregierung habe für Arcandor "keine nachhaltige Finanzierungsperspektive" mehr bestanden, sagte ein Sprecher des Konzerns.
Für die betroffenen Mitarbeiter sei dies "besonders bitter", da diese bereits "einen außerordentlichen Beitrag" zur Rettung des Konzerns geleistet und einem Lohnverzicht von 345 Millionen Euro für die kommenden drei Jahre zugestimmt hätten.
Die Löhne der von der Insolvenz betroffenen Mitarbeiter für Juni, Juli und August seien gesichert, teilte Arcandor mit. Sie würden durch die Bundesagentur für Arbeit als Insolvenzgeld ausgezahlt. Trotz der Pleite stünden die bisherigen Arcandor-Hauptaktionäre, das Bankhaus Sal. Oppenheim und die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz "unverändert" hinter dem Konzern.
Eine "wichtige Botschaft für die Kunden" sei, dass der Geschäftsbetrieb bei Arcandor und seinen Tochterunternehmen "in vollem Umfang" weiterlaufe. Sämtliche Bestellungen im Versandhandel wie etwa bei Quelle würden weiter normal ausgeführt.
Bestehende Kundengarantien für Waren würden weiter erfüllt. Auch das Rückgaberecht für Waren gelte unverändert. Anzahlungen für Einkäufe würden bei der Schlusszahlung angerechnet.
Der Handelskonzern Metro erklärte sich bereit, mit Arcandor weiter über eine Fusion seiner Warenhauskette Kaufhof mit Karstadt zu verhandeln. Die Tür für Verhandlungen stehe offen, erklärte Metro. Der Konzern hoffe, die Gespräche bereits in der kommenden Woche wieder aufnehmen zu können. "Wir haben ein großes Interesse daran, schnell mit Karstadt zu einer Lösung zu kommen, damit die Rettung der Karstadt-Warenhäuser nicht durch die Insolvenz bei Arcandor verzögert werden kann", erklärte Metro.
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(sueddeutsche.de/AFP/dpa/Reuters/hgn/mel)
Urteil am Bundesverfassungsgericht
@Solitaire100: MITNICHTEN ! Ich habe weder verlangt, noch impliziert, daß der Staat diesem maroden Unternehmen helfen soll. Da haben Sie wohl etwas nicht verstanden. Hätten Sie weitere meiner Kommentare gelesen, wäre Ihnen das nicht passiert.
gemeint war, dass Banken durch Herausstellen ihrer Wichtigkeit soweit auf die Polik eingewirkt haben, bis diese zur erwünschten "Erkenntnis" kam nur der Steuerzahler kann als Garant für die Fehler der Banken (Versicherung ohne Eigenkosten) herhalten.
Wenn die Häuser geschlossen werden ist das das Ende einer langen Epoche. Warenhäuser sind nunmehr die Dinosaurier mit ungünstiger Perspektive für gesicherte Existenz. Aber diese unter Denkmalschutz zu stellen wäre dauerhaft zu kostspielig. Es ist aber trotzdem anzunehmen, dass nach einem gewissen Anpassungsprozess eine Konsolidierung stattfinden wird.
sehr richtig, nur haben Sie vergessen zu erklären, warum jetzt ausgerechnet der Staat mit Krediten und Bürgschaften in die Bresche springen soll, nachdem die Unfähigkeit des Managements schon seit Jahren bekannt ist. Und was haben die Anteilseigner dazu unternommen, außer immer wieder Geld nachzuschießen!!!!
Meinten Sie wirklich der Steuerzahler als Geißel der Banken, oder meinten sie nicht vielmehr der Steuerzahler als Geisel der Banken. Das 2te wäre viel sinnvoller in dem von Ihnen angeführten Zusammenhang. (:-))
Paging