Von Stefan Weber

Kleinlauter Strahlemann: Arcandor-Chef Middelhoff räumt ein, er habe bei Karstadt-Quelle zu spät reagiert.

So hatte sich Thomas Middelhoff seinen letzten großen Auftritt als Chef des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor vermutlich nicht vorgestellt. Als gefeierter Retter des Unternehmens, das bei seiner Amtsübernahme vor mehr als drei Jahren kurz vor der Insolvenz stand, wollte er abtreten. Tatsächlich wird er an diesem Montag im Frankfurter Congress Center über ein Geschäftsjahr berichten, in dem der frühere Karstadt-Quelle-Konzern abermals nur knapp an der Zahlungsunfähigkeit vorbeigeschrammt ist.

Arcandor-Chef räumt Fehler ein: Die Probleme seien "leider ganz klar hausgemacht", sagt Thomas Middelhoff. (© Foto: AP)

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Vorsorglich hat Middelhoff nun schon vorab eine Teilschuld an dem Debakel eingeräumt. Dem Spiegel sagte er, die Probleme seien "leider ganz klar hausgemacht gewesen". Dem Karstadt-Management seien die Kosten aus dem Ruder gelaufen. Er selbst habe das Problem zwar frühzeitig erkannt, sich aber gescheut, das Management auszuwechseln, weil der Konzern damals in Fusionsverhandlungen mit anderen Kaufhausbetreibern steckte. Da "hielt ich es nicht für günstig, den Chef der Warenhaussparte auszutauschen". Das sei aus heutiger Sicht ein Fehler gewesen. Den Rückschlag "habe ich zu verantworten, weil ich falsche Personalentscheidungen getroffen habe", sagte Middelhoff. Warenhaus-Manager Peter Wolf hat das Unternehmen im Sommer vorzeitig verlassen.

In zehn Wochen wird auch Middelhoff seinen Platz räumen für Karl-Gerhard Eick, noch Finanzvorstand der Deutschen Telekom. Auch für Peter Diesch, den Finanzchef von Arcandor, ist es in dieser Funktion der letzte Auftritt. Er verlässt das Unternehmen Ende Dezember - wie schon sein Vorgänger Harald Pinger - nach nur zwei Jahren. Sein Nachfolger Rüdiger Günther ist bereits seit zwei Wochen im Haus.

Von den vielen Zahlen, die Middelhoff und Diesch fernab des Essener Firmensitzes in Frankfurt präsentieren werden, interessiert vor allem das Ergebnis, das der Konzern in seinem Warenhausgeschäft erwirtschaftet hat. Karstadt ist die größte Baustelle im Konzern; im Herbst sah es zwischenzeitlich so aus, als könnten die Kaufhäuser das gesamte Unternehmen in die Insolvenz ziehen. Und das, obwohl Arcandor seine Abhängigkeit von dieser Sparte bereits deutlich reduziert hat. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2007/08 trugen die Warenhäuser nur gut ein Fünftel zum Konzernumsatz bei.

Finanzierung gesichert

Stütze des Geschäfts ist der Touristik-Bereich, der knapp 60 Prozent des Umsatzes von Arcandor erwirtschaftet. Das Reise-Geschäft, so heißt es, laufe unvermindert gut. Ob dies so bleibt, ist allerdings fraglich. Am Freitag veröffentlichte die Unternehmensberatung Boston Consulting eine Umfrage, wonach die Bundesbürger im nächsten Jahr in erster Linie an Urlaubsreisen sparen wollen. Wenn das so kommt, wird dies Thomas Cook als einen der führenden Reiseveranstalter empfindlich treffen.

Es ist nicht die einzige Sorge: Die Gesundung des Versandgeschäfts, das unter dem Namen Primondo gebündelt wurde, macht zwar Fortschritte. Aber die Tochter Quelle wird 2007/08 noch mit einem Verlust abschließen, und bis zu der anvisierten Umsatzrendite von fünf bis sechs Prozent für das gesamte Versandgeschäft ist es noch ein weiter Weg.

Befürchtungen, im Fall eines schlecht laufenden Weihnachtsgeschäfts sei die Finanzierung von Arcandor erneut gefährdet, hatte Aufsichtsratschef Friedrich Carl Janssen in der vergangenen Woche zerstreut: Die Finanzierung sei bis Mitte 2009 durch Kreditlinien gesichert, betonte er. In die Liquiditätsplanung seien sogar Reserven eingebaut, falls das Geschäft entgegen der aktuell über Plan liegenden Entwicklung nachlassen sollte. Ein solcher Puffer ist möglicherweise von Nöten, denn die Woche vor dem dritten Adventssamstag soll für Karstadt weit weniger gut gelaufen sein, als der Auftakt des Weihnachtsgeschäfts. Auch bei den Spezialversendern, so heißt es, sei das Geschäft zuletzt deutlich ruhiger verlaufen.

Ein wichtiges Signal für Mitarbeiter und Aktionäre ist auch, dass das Bankhaus Sal. Oppenheim, das im Oktober durch eine Kapitalerhöhung und Aktienzukäufe zum neuen Hauptaktionär aufgestiegen ist, die Sanierung des Konzerns langfristig begleiten wird. Mindestens fünf Jahre werde die Bank aktiv dabei bleiben, sagte Aufsichtsratschef Janssen, der auch persönlich haftender Gesellschafter von Oppenheim ist.

Gespräche mit Metro

Wenn die Finanzen geordnet sind, wird sich der künftige Konzernchef Eick gemeinsam mit dem neuen Warenhaus-Vorstand Stefan Herzberg vor allem um eine Perspektive für Karstadt kümmern. Janssen zufolge sollen "alle denkbaren Optionen und strategischen Ansätze geprüft werden". Nach Informationen der Lebensmittelzeitung sollen die Lebensmittelabteilungen Perfetto, die Karstadt gemeinsam mit Rewe betreibt, ebenso zum Verkauf stehen wie die Sporthäuser (Karstadt Sport). Auch für den Gastronomiebereich in den Warenhäusern (Le Buffet) werde nach einem Käufer gesucht, heißt es. Der Umsatz dieser drei Bereiche summiert sich auf knapp eine Milliarde Euro.

Janssen zufolge muss auch geklärt werden, ob Deutschland auf lange Sicht zwei oder einen Warenhauskonzern benötigt. Im Klartext: Ob der von der Metro zum Verkauf gestellte Kaufhof nicht doch mit Karstadt zusammenfindet. Das Modell einer "Deutschen Warenhaus AG" ist schon vor Jahren entwickelt worden, dann aber wieder in der Schublade verschwunden. Noch ist es schwer vorstellbar, wie beide Unternehmen unter ein Dach gestellt werden können. Denn den Preis, den Metro für den Kaufhof erlösen möchte, wird Arcandor ohne Hilfe eines Dritten niemals aufbringen können.

Aber zumindest, so ist aus der Metro-Zentrale zu hören, macht es die Neubesetzung des Arcandor-Vorstands leichter, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein wenig Einfluss wird der scheidende Vorstandschef Thomas Middelhoff aber dennoch nehmen: Als Berater von Oppenheim begleitet er die weitere Umstrukturierung des Essener Konzerns.

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(SZ vom 15.12.2008/tob)