Arbeitszeit Mit der 28-Stunden-Woche beginnt die Zeit der Experimente

Roboter mit Muße: Die Arbeitswelt verändert sich rasant.

(Foto: Anna Huber/dpa)
  • Die 28-Stunden-Woche auf Wunsch in der Metallindustrie zeigt, dass auch im Rahmen von Tarifverträgen Experimente möglich sind
  • Die Arbeitswelt der Zukunft ist auf genau solche Experimente angewiesen, wenn sie in Zeiten der Digitalisierung bestehen will.
Von Nikolaus Piper

Hunderttausende Facharbeiter fehlen in der deutschen Metallindustrie. Und was macht die IG Metall? Sie fordert die 28-Stunden-Woche auf Wunsch, betreibt also Verknappung der Arbeit. Kann das im Interesse der wichtigsten Industriebranche des Landes und ihrer Beschäftigen sein?

Diese kritischen Fragen am Beginn der jüngsten Metalltarifrunde in Baden-Württemberg muss in Erinnerung rufen, wer das allgemeine Lob für den jetzt erzielten Abschluss würdigen will: Die Gewerkschaften sind zufrieden, die Arbeitgeber und die meisten Volkswirte auch, egal welcher Denkschule. Der Bremer Ökonom Rudi Hickel, der den Gewerkschaften nahesteht, spricht gar von einem "epochalen" Ergebnis. Es gibt also noch Überraschungen in Deutschland.

Bemerkenswert ist an dem Vertragswerk vor allem eines: IG Metall und Arbeitgeber haben bei der Frage der Arbeitszeit eine kreative Lösung gefunden. Einerseits dürfen Schichtarbeiter und Arbeitnehmer, die sich um ihre Kinder oder um pflegebedürftige Angehörige kümmern wollen, auf begrenzte Zeit ihre Arbeitswoche von 35 auf 28 Stunden herabsetzen. Als Preis dafür bekommen auch die Arbeitgeber Flexibilität nach oben - sie dürfen mit mehr Arbeitnehmern als bisher 40-Stunden-Verträge abschließen. "Der Tarifvertrag ist gut, weil er einen Experimentierraum für die Flexibilisierung der Arbeitszeit schafft", sagt Alexander Spermann, Arbeitsmarktexperte und Dozent an der Universität Freiburg.

Die 28-Stunden-Woche ist eine Wette

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"Wir werden künftig pro Kopf weniger, pro Haushalt aber mehr arbeiten."

Experimente - das ist derzeit tatsächlich das Schlüsselwort für die Arbeitswelt von morgen. Die alten Schlachten um die 35-Stunden-Woche sind geschlagen, zumindest in der deutschen Metallindustrie. Alle wissen, dass Digitalisierung, Roboter und Künstliche Intelligenz die Art des Arbeitens von Grund auf ändern werden. Einige, zum Beispiel Siemens-Chef Joe Kaeser, glauben, die Digitalisierung könnte so viele Jobs vernichten, dass nur noch ein Bedingungsloses Grundeinkommen für alle hilft. Alexander Spermann sieht das anders: "Ich glaube, dass wir in Zukunft mehr und nicht weniger arbeiten werden." Grund sei der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft. Jobs im Dienstleistungssektor seien weniger produktiv als solche in der Industrie. Daher könnten die Löhne nicht so hoch ausfallen, folglich müsse jemand länger arbeiten, um den gewünschten Lebensstandard zu erreichen. Gegenwärtig ist zudem in der klassischen Industrie der Bedarf an Arbeitskräften so groß, dass ein Verschwinden der Arbeit auf absehbare Zeit kaum vorstellbar ist.

In den vergangenen 20 Jahren war die Entwicklung der Arbeitszeit in Deutschland erstaunlich stabil. Nach einer Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben Vollzeitbeschäftigte im Jahr 1998 durchschnittlich 1674 Stunden gearbeitet, 2016 waren es 1637,6 Stunden. Dabei handelt es sich um die tatsächliche Arbeitszeit, die meist etwas höher liegt als die tarifliche. Menschen in Teilzeitjobs arbeiteten vor 20 Jahren 612,7 Stunden, inzwischen sind es 708,7 Stunden. Vermutlich würden viele von ihnen gerne noch länger arbeiten. Das legt eine Studie der Ökonomin Martina Rengers vom Statistischen Bundesamt nahe. Im Jahr 2014 wollten 7,3 Prozent der befragten Erwerbstätigen ihre Arbeitszeit erhöhen, nur 2,3 Prozent wollten weniger arbeiten. Daraus ergebe sich rein rechnerisch ein ungenutztes Potenzial von 560 000 Vollzeitstellen, heißt es in der Studie.

Auch der gesellschaftliche Wandel hat Folgen für die Arbeitszeiten. Hilmar Schneider, Chef des Instituts Zukunft der Arbeit (IZA), sagt: "Wir werden künftig pro Kopf weniger, pro Haushalt aber mehr arbeiten." Bei modernen Paaren hätten heute in der Regel beide Partner eine gute Ausbildung, deshalb müsse nicht, wie früher üblich, der Mann das gesamte Einkommen beisteuern. Auch Väter wollen heute eine Auszeit für ihre Kinder nehmen. Der neue Metalltarifvertrag scheint genau für solche modernen Familien gemacht zu sein. "Wie er sich dann genau auswirkt, muss die Praxis zeigen", sagt Schneider.

Die Flexibilität bringt ungeahnte Nebenwirkungen mit sich

Keine Frage ist es, dass die Digitalisierung mehr Flexibilität am Arbeitsplatz erfordert. Jobs, bei denen man einfach von neun bis 17 Uhr in der Firma sitzt, werden weniger. Bereits 2015 hatte die damalige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ein "Weißbuch Arbeit 4.0" vorgelegt. Darin heißt es unter anderem: "Wir wollen eine Phase des gemeinsamen Lernens in und aus der Transformation und eine experimentelle Erprobung neuer Konzepte." Auf deutsch: Die Zeit der Experimente hat begonnen. Gewerkschaften und Arbeitgeber in Baden-Württemberg könnten eine Vorlage dafür geliefert haben, dass die Experimente im Rahmen herkömmlicher Tarifverträge möglich sind.

Einige der unabweisbaren Veränderungen in der Arbeitswelt haben schon längst begonnen. "Der Arbeitsplatz entkoppelt sich von einem festen geografischen Ort." Dank des Internets erreicht man den Rechner seiner Firma von überall auf der Welt, das Homeoffice wird zur neuen Normalität. Immer mehr Firmen richten "Vertrauensarbeitszeit" ein, was bedeutet, dass die Präsenz in der Firma weniger wichtig ist und vor allem das Ergebnis zählt. Eine der Gefahren ist dabei die, dass sich die Arbeitnehmer selbst ausbeuten und viel mehr arbeiten als nach dem herkömmlichen Modell. IZA-Chef Schneider schlägt vor, in den Unternehmen einen Gesundheitsbeauftragten einzuführen, der darauf achtet, dass sich die Beschäftigten nicht selbst überfordern.

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Die unerwünschten Nebeneffekte der neuen Flexibilität können kommen, ohne dass man dies richtig wahrnimmt. Man gewöhnt sich an, dienstliche E-Mails von zuhause aus zu beantworten, und irgendwann erwartet der Arbeitgeber, dass man das tut. Alexander Spermann sagt: "Es ist völlig in Ordnung dass ich, wenn ich die Kinder ins Bett gebracht habe, noch eine Stunde am Computer sitze. Aber das muss dann auch als Arbeitszeit erfasst werden."