Arbeitsmarkt in Deutschland Schattenseiten des Jobwunders

Es sind schon beeindruckende Zahlen, die mitten in einer ausgewachsenen Wirtschaftskrise vom Arbeitsmarkt kommen. Zuletzt sank die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf den tiefsten Stand seit mehr als zwanzig Jahren. Andererseits werden viele Beschäftigte außerordentlich schlecht bezahlt - der Niedriglohnsektor wächst. Ist das Jobwunder eine Chimäre?

Von Hans von der Hagen

In Deutschland kommen viele Menschen mit ihrem Einkommen kaum über die Runden. Nicht nur, weil die Gehaltsentwicklung den rasant steigenden Ausgaben für Mieten und Lebenshaltung hinterher hinkt. Vielmehr ist es vielen kaum möglich, überhaupt eine gut bezahlte Beschäftigung zu finden. Schon jeder vierte Arbeitnehmer arbeitet für einen Niedriglohn, hat das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen herausgefunden. Kann man da noch von einem Beschäftigungswunder sprechen? Oder ist die neue Arbeitswelt in Deutschland ein Armutszeugnis - im buchstäblichen Sinne? Eine Übersicht.

In Deutschland ist derzeit gerne die Rede von einem Beschäftigungswunder. Warum?

Weil die Zahl der Arbeitslosen so tief wie schon lange nicht mehr ist. Im vergangenen Monat fiel sie mit 3,11 Millionen auf den tiefsten Februarstand seit 21 Jahren. 2011 war die Zahl zeitweise sogar unter die Marke von drei Millionen gerutscht. Und wenn mitten in einer schweren Wirtschaftskrise die Arbeitslosenquote deutlich fällt. ist das zunächst ein gutes Zeichen. Immerhin hilft es der Wirtschaft enorm: Die Bundesbürger haben insgesamt mehr Geld zur Verfügung, es wird gekauft und gereist. Die Steuereinnahmen sprudeln und die Krankenkassen können - wie zuletzt deutlich wurde - sogar Überschüsse aufbauen und brauchen daher keine Zuschüsse vom Staat.

Seit wann gibt es diesen Beschäftigungszuwachs?

Auch wenn die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt nun besonders in der Krise wahrgenommen wird - tatsächlich nimmt die Beschäftigung schon seit mehr als einer Dekade deutlich zu. Den Hauptschub gab es allerdings schon in den späten neunziger Jahren und Anfang der Nuller-Jahre.

Inwieweit ist die günstige Entwicklung am Arbeitsmarkt auf neue Mini-Jobs und Leiharbeit zurückzuführen?

Die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten stieg in den Jahren von 2000 bis 2010 von knapp 4,1 auf gut 4,9 Millionen Personen. Somit tragen die Mini-Jobber ganz erheblich zu dem "Jobwunder" bei. Daneben gab es 2010 noch rund 2,3 Millionen Menschen, die eine geringfügige Beschäftigung als Nebenjob ausübten - zusätzlich zu einer Hauptbeschäftigung. Rasant gestiegen ist auch die Zahl der Leiharbeitnehmer. Sie liegt mittlerweile bei 800.000. Zum Vergleich: 1996 waren es lediglich 180.000. Leiharbeiter verdienen nicht nur oft weniger Geld als herkömmlich Vollzeitbeschäftigte in einem Betrieb - ihnen fehlt durch die häufigen Arbeitsplatzwechsel auch die Planungssicherheit für die Zukunft, die ein normaler Arbeitsplatz eher bietet. Insofern gilt: Für viele Deutsche macht sich das "Jobwunder" im Portemonaie nicht bemerkbar. Viele Menschen können sogar kaum von ihrer Arbeit leben können. Gemäß der jetzt veröffentlichten Studie vom IAQ arbeitet knapp jeder vierte Beschäftigte im Niedriglohnsektor. Das sind zumeist Leute mit Minijobs, die nicht mehr als 400 Euro verdienen dürfen. Allerdings bekommen auch 15 Prozent der Vollzeitbeschäftigten nur einen Niedriglohn.

Was ist ein Niedriglohn?

In Deutschland wird die Grenze nur als Vergleichsgröße berechnet: Demnach gilt als Niedriglohn ein Einkommen, das bei weniger als zwei Dritteln des mittleren Lohns liegt. Gemessen am Stundenlohn sind das aktuell 9,15 Euro. Diese Berechnungsweise vereinfacht den Vergleich mehrerer Länder. Die 9,15 Euro markieren allerdings nur den Grenzwert. Denn im Schnitt verdienen im Niedriglohnbereich die Arbeitnehmer gemäß der IAQ-Studie nur 6,68 Euro im Westen und 6,52 Euro im Osten. Die Zahlen stammen aus 2010.

Als armutsgefährdet gilt per EU-Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Heißt das, dass Beschäftigte im Niedriglohnsektor ein besonders hohes Armutsrisiko haben?

Natürlich gilt: Wer wenig verdient, hat auch eine hohes Armutsrisiko. Allerdings kann es auch sein, dass ein niedriges Einkommen lediglich als Hinzu-Verdienst gilt und durch höhere Einkommen etwa von anderen Familienmitgliedern abgefedert wird.

Oft wird über die Einführung von Mindestlöhnen diskutiert, mache Branchen haben ihn bereits. In dem Fall wird eine Untergrenze für das Gehalt festlegt. Die Arbeitgeber argumentieren allerdings, dass der Mindestlohn Arbeitsplätze vernichten würde, weil er die Beschäftigung teurer macht. Ist das so?

Bislang gibt es in Deutschland kaum Studien dazu. Eine ausführlichere Analyse des Baugewerbes zeigt, dass die Einführung des Mindeslohns im Jahr 1997 nur in Ostdeutschland mit einem leichten Beschäftigungsrückgang einherging. In Westdeutschland war dieser Effekt nicht zu beobachten. Eine Grundsatz-Studie hat für Großbritannien außerdem zuletzt festgestellt: "Der Mindestlohn hat über die gesamte Periode hinweg einen neutralen Beschäftigungseffekt", also weder Arbeitsplätze vernichtet noch geschaffen.

Warum konnte sich der deutsche Arbeitsmarkt so gut durch die Krise retten?

Es waren mehrere Faktoren, die vor allem 2009, als die deutsche Wirtschaft gleich um rund fünf Prozent schrumpfte, die Beschäftigung auf hohem Niveau hielt. Thomas Rhein vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB, das als Forschungsstätte der Arbeitsagentur als vergleichsweise unabhängig gilt, spricht etwa von "industriellen Beziehungen", die eine hohe "interne Flexibilität" schaffen würden. Das bedeutet, dass hierzulande in vielen Betrieben der drastische Einbruch etwa bei neuen Aufträgen zunächst durch Kurzarbeit und den Abbau von Überstunden aufgefangen wurde.

Ganz anders sah dies etwa in Großbritannien und den Vereinigten Staaten aus, wo sich die Arbeitslosenzahlen dramatisch verschlechterten. In den angelsächsischen Ländern wurde versucht, der schwachen Konjunktur durch Entlassungen zu begegnen. Das Modell Kurzarbeit ist zwar - trotz der umfangreichen staatlichen Hilfen - für die Betriebe teurer als eine Entlassung. Doch spätestens, wenn wieder neue Leute eingestellt werden, zahlt sich das Durchhaltevermögen der Betriebe aus: Das Einarbeiten neuer Mitarbeitet kostet viel Geld.

Vielen Unternehmen sei in der Krise bewusst gewesen, dass sie ein "hohes Maß an spezifischem Humankapital besaßen", sagen Arbeitsmarktexperten. Mit anderen Worten: Sie hatten gute Leute und wollten die nicht verlieren, zumal sie mit einer raschen wirtschaftlichen Erholung rechneten.

Die Berechnung der Arbeitslosenzahl wird oft geändert. Ist das Jobwunder nur Folge eines statistischen Effekts?

Nein. Regina-Konle-Seidl vom IAB sagt, dass im Gegenteil die Arbeitsmarktstatistik in den vergangenen Jahren tendentiell ehrlicher geworden sei: In Deutschland hätten die Änderungen der Berechnung eher zu einer Erhöhung der Arbeitslosenquote beigetragen. Besonders auffällig war das, als sich 2005 mit der Einführung von Hartz IV etwa die bis dahin nicht registrierten Sozialhilfebezieher arbeitslos meldeten. Dadurch schnellte die offizielle Arbeitslosenzahl um fast 500.000 auf 4,9 Millionen. Auch wurden eine Zeitlang Personen über 58 Jahren nicht mehr in die Arbeitslosenstatistik eingerechnet. Seit Anfang 2008 werden Arbeitssuchende wieder bis zum Rentenalter erfasst.

Änderungen bei der Berechnung gibt es indes immer wieder, wenn Arbeitssuchende an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen. Diese Personen, aber auch subventioniert Beschäftigte, Vorruheständler oder krankgeschriebene Arbeitslose werden teilweise nur in der sogenannten Stillen Reserve erfasst, die die verdeckte Arbeitslosigkeit widerspiegelt. Statistikexperte Gerd Bosbach von der Fachhochschule Koblenz, der in einem Interview mit dem Deutschlandradio ausführlich auf die Spielarten bei der Berechnung der Arbeitslosenquote einging, schätzte die Stille Reserve im Jahr 2011 auf mindestens eine, eher zwei Millionen.

Ist das Jobwunder also nur eine Chimäre?

Fakt ist, dass in Deutschland mittlerweile viele Leute beschäftigt sind, die vorher keine Beschäftigung hatten - die hohe Stille Reserve gab es auch schon in früheren Jahren. Und gemessen daran, dass in den vergangenen Jahren viele Experten angesichts der Wirtschaftskrise einen verheerenden Einbruch am Arbeitsmarkt prognostiziert hatten, sind die guten Zahlen aus Nürnberg tatsächlich wundersam. Doch das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass zahlreiche Menschen in Deutschland ohne Arbeit sind - rechnet man die Stille Reserve zu den offiziellen Zahlen hinzu, geht es immerhin um vier bis fünf Millionen. Hinzu kommt, dass der Beschäftigungszuwachs eben nicht automatisch zu einem Gehaltzuwachs führt. Viele verdienen aufgrund der rasant steigenden Lebenshaltungskosten heute real weniger als noch vor einigen Jahren. Das Wunder ist also bei vielen noch nicht angekommen.