Arbeitslosigkeit in Europa "Plötzlich gibt es einen Knall"

Arbeitslosenquoten in der Euro-Zone

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In manchen Teilen Südeuropas hat mehr als die Hälfte aller jungen Menschen keinen Job. Wie lange hält Europa diese verheerende Arbeitslosigkeit aus? Wann resignieren die Bürger, wann begehren sie auf? Soziologe Günter Voß sagt, was eine derart hohe Arbeitslosigkeit in der Gesellschaft anrichtet.

Interview: Hans von der Hagen

26 Millionen Menschen in Europa sind arbeitslos. Die Vereinten Nationen warnen vor sozialen Unruhen in einigen südeuropäischen Ländern, Politiker sprechen von einer Tragödie für Europa.

Wie gehen die Betroffenen, wie geht die Gesellschaft mit diesem Problem um? Der Soziologe Günter Voß beschreibt die Konsequenzen extremer Arbeitslosigkeit. Voß, der an der Technischen Universität Chemnitz unterrichtet, forscht vor allem zur Zukunft der Arbeit.

Süddeutsche.de: Herr Professor Voß, in Griechenland und Spanien hat die Arbeitslosigkeit ein immenses Ausmaß erreicht. Brennt Südeuropa demnächst?

Günter Voß: Es würde lichterloh brennen, wenn die Bevölkerung der sozialen Ordnung und dem Staat die Solidarität aufkündigt. Dann wäre die Gesellschaft tatsächlich in Gefahr. Doch das ist bezogen auf den Kontinent noch nicht der Fall, auch wenn man in Bezug auf Griechenland zuweilen den Eindruck bekommt, dass es kurz davor steht. Wenn der Begriff brennen etwas niedriger gehängt wird, dann ist die Situation in einigen Ländern Südeuropa sicher hochproblematisch. Es gibt noch nicht den Protest, der weithin in soziale Unruhen mündet, aber gerade in Spanien sind gerade die Jugendlichen schon oft auf die Straße gegangen.

Wie lange hält ein Land derart hohe Arbeitslosenzahlen durch?

Es gibt in einer Gesellschaft unausgesprochene Verträge, denn sie braucht die Solidarität und die Loyalität der gesamten Bevölkerung. Wenn eine Gesellschaft nicht mehr in der Lage ist, den latenten Erwartungen der Menschen gerecht zu werden - vor allem dem Wunsch nach sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit, dann gefährdet das langfristig die Demokratie. Es gibt aber kein bestimmtes Niveau an Arbeitslosigkeit, ab dem es gefährlich werden könnte. Eine Gesellschaft kann sehr lange mit extremer sozialer Ungleichheit und auch mit autoritären Strukturen weiterexistieren. Und doch: Plötzlich gibt es einen Knall und es passiert etwas. So war es zuletzt in Nordafrika.

Griechenland Revolte gegen das Nichtstun

Die Krise in Griechenland stürzt gerade jene in Existenznot, die am allerwenigsten dazu beigetragen haben. Die Wut ist groß und viele haben es satt, auf Hilfe zu warten. Sie packen selbst an. In einer kleinen Stadt am Fuße des Olymp ist so eine Bewegung entstanden, die längst auf ganz Griechenland ausstrahlt - und womöglich einmal Modell für andere Länder Europas sein wird.

Es ist demnach nicht die Arbeitslosigkeit selbst, die Revolte entfacht?

Es gibt ein paar bekannte soziologische Untersuchungen aus älterer Zeit, berühmt sind etwa die Marienthal-Untersuchungen über die Wirkungen anhaltender massiver Arbeitslosigkeit. Sie zeigen: Arbeitslosigkeit führt nicht unmittelbar zu Widerstand und Protest, sondern zunächst lange Zeit zu Resignation oder Depression - individuell, aber auch gesellschaftlich.

Woher kommt die Lähmung?

Wenn es einem wirklich elend geht und man kaum mehr weiß, wie man den nächsten Tag übersteht, besinnen sich die Menschen zunächst auf sich selbst und versuchen, klarzukommen: ein Dach über dem Kopf zu haben, für das Essen zu sorgen und die unmittelbaren Beziehungen zu sichern. Sie igeln sich ein und gehen keine Risiken ein. Das ist nicht nur im ökonomischen Sinn zu verstehen, Menschen werden auch vorsichtig angesichts beginnender autoritärer Strukturen in einem Staat wie jetzt in Ungarn - vor allem jene, die potenziell Opfer werden könnten. Das hindert viele daran, nach außen zu gehen und sich politisch zu äußern.

Wann schlägt die Stimung um?

Es muss irgendetwas passieren. Das kann ein Bruch im System sein, eine spektakuläre Geschichte, die zu Widerstand führt oder politischer Radikalisierung. Es kann aber auch eine charismatische Figur sein, die es schafft, größere Teile der Bevölkerung mit ideologischen Scheinargumenten zu verführen. Wer keine Arbeit hat, dem fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an Perspektive für die Zukunft.

Was hat das für Konsequenzen, vor allem für die vielen jungen Menschen, die nun betroffen sind?

Vor allem die Leistungsfähigen wandern aus. Das macht die Situation noch problematischer: In der Jugend werden Qualifikationen entwickelt und wichtige politische Orientierungen gebildet. Wenn nun eine Jugend entsteht, die den unausgesprochenen Vertrag mit der älteren Generation von unten her aufkündigt, entzieht sie sich einem politischen, aber auch ökonomischen oder beruflichen Engagement. Eine ganze Generation von Jugendlichen bringt dann nicht mehr den Leistungswillen und die Orientierung mit, die eine sich weiterentwickelnde moderne Ökonomie braucht.

Einige experimentieren nun erst recht beruflich ...

Es gibt sicher eine kleine Gruppe, die durchaus bereit ist, riskante Dinge zu tun, also sich selbständig zu machen. Doch das ist kein neues Unternehmertum.