Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern Geiz ist grausam

In Asien entsteht Billigware oft unter unmenschlichen Umständen. Auch Discounter Aldi produziert seine billigen Produkte dort - trotz der Menschenrechtsverletzungen.

Von Detlef Esslinger

Es wird wieder vieles auf die Wühltische geworfen in den nächsten Tagen: Sommerhosen für sieben Euro, Hemden für neun Euro (zwei Stück!), zwei Paar Kindersocken für 1, 29 Euro - keine Woche, in der der Discounter Aldi nicht mit Angeboten zu Spottpreisen auf den Markt kommt.

Wie sich das rechnet? Eine Fallstudie gibt, wenn gleich sie nicht repräsentativ ist, nun Auskunft zu einer Frage, mit der sich viele Kunden bisher lieber nicht beschäftigt haben.

Das Südwind-Institut aus Siegburg, das unter anderem von evangelischen und katholischen Gemeinden getragen wird, befragte Beschäftigte von Fabriken in China und Indonesien, in denen neben anderen auch Aldi, Europas größter Discounter, schneidern lässt.

14-Stunden-Tag ist die Regel

In China gaben Beschäftigte aus fünf Fabriken in der Provinz Jiangsu Auskunft; um sie zu schützen, veröffentlichen die Forscher weder ihren Namen noch den der Fabrik noch den der Interviewer.

Die Befragten berichten von Arbeitszeiten, die um acht Uhr beginnen und um 22 Uhr enden. Pro Monat kommen sie auf zwei freie Tage, übernachten müssen sie in Schlafsälen, deren Betreten und Verlassen nach 22 Uhr verboten ist.

In einer Fabrik sollen die Arbeiterinnen Seile aus den Schnüren von Walkman-Kopfhörern gebastelt haben - um nach den erlaubten Zeiten über die Wände in den Saal klettern zu können.

Alle Fabriken verhängen nach Angaben der Südwind-Autorin Ingeborg Wick Geldstrafen gegen Beschäftigte, zum Beispiel, wenn sie zu spät zur Arbeit kommen oder bei der Arbeit essen - mit der Folge, dass viele von ihnen nicht einmal auf den monatlichen Mindestlohn kämen.

Löhne würden zum Teil mit wochen- oder auch monatelanger Verspätung gezahlt. Erstens, um Ausgaben zu strecken, zweitens, um die Beschäftigten von einer Kündigung abzuhalten.

Kaution von knapp zwei Monatsgehältern

Wer geht, dem würden seine noch ausstehenden Löhne nicht gezahlt. Auch sei es üblich, dass die Arbeiter zu Beginn ihrer Tätigkeit eine Kaution entrichten müssen, in Höhe von knapp zwei Monatsgehältern. Geben sie innerhalb dieses Zeitraums ihre Arbeit wieder auf, wird die Kaution einbehalten.

In drei der fünf untersuchten Fabriken sollen auch Kinder arbeiten, die jünger als 16 Jahre sind. Nicht viel besser sind die Ergebnisse aus Indonesien: Dort gaben neun von zehn Befragten an, ihr Lohn reiche nicht zur Deckung des Grundbedarfs aus. Vier von zehn Arbeiterinnen berichteten von Misshandlungen.

Aldi gibt an, das Problem erkannt zu haben. Der Süddeutschen Zeitung teilte das Tochter-Unternehmen "Aldi Einkauf'' am Freitag mit, dass "wir uns zusammen mit unseren Lieferanten in einem Dialog befinden mit dem Ziel, Prozesse und Strukturen zur Einhaltung und Kontrolle nachhaltig verbesserter Arbeitsbedingungen zu entwickeln''.

In Indonesien arbeitete Aldi früher mit drei der von Südwind untersuchten Fabriken zusammen, inzwischen nach eigenen Angaben aber nur noch mit einer. Eine Zertifizierungsgesellschaft habe die Arbeitsbedingungen in dieser Fabrikation geprüft und bestätigt, dass sie "sozial verträglich'' seien.

Ingeborg Wick sieht ein positives Zeichen darin, dass Aldi auf die Studie reagiert. Die Evangelische Kirche nimmt aber auch die Verbraucher in die Pflicht. "Wir dürfen aus Menschenrechtsverletzungen keinen Nutzen ziehen'', schreibt Oberkirchenrat Wilfried Neusel von der Evangelischen Kirche im Rheinland in seinem Vorwort zu der Studie, "selbst wenn das Haushaltsgeld knapp bemessen ist.''