Arbeit Textilbündnis wackelt

Nach dem Einsturz einer Fabrik in Bangladesch und Tausenden Toten wollten deutsche Handelsketten und Modehersteller gemeinsam soziale Mindeststandards durchsetzen. Doch jetzt gibt es Streit in der Allianz.

Von Caspar Dohmen, Köln

Unter welchen erbärmlichen Bedingungen Näherinnen in Textilfabriken in Asien arbeiten, interessierte lange Zeit kaum jemanden. Dann stürzte im April 2013 die Fabrik Rana Plaza in Bangladesch ein: 1134 Menschen starben, mehr als 2500 verletzten sich - die Bilder gingen um die Welt. Prompt entstanden diverse Initiativen, um die Zustände in den Fabriken zu verbessern. "Wir leben hier im Wohlstand auf dem Rücken dieser Menschen, und das müssen wir ändern", kritisierte Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU).

2014 startete er das "Bündnis für nachhaltige Textilien". Daran beteiligten sich Hersteller wie Adidas und Hugo Boss, Handelsketten wie Aldi, C&A, H&M, KiK, Lidl und Primark, aber auch Hilfsorganisationen, Verbände und Gewerkschaften. Die Unternehmen verpflichteten sich, für bessere Arbeitsbedingungen bei Zulieferern zu sorgen - freiwillig. Dabei bestimmte jede Firma selbst, was und wie sie etwas verbessern will. Ihre Ziele sollen die Unternehmen aber in Maßnahmenplänen festlegen und veröffentlichen, zunächst freiwillig, von 2018 an soll es Pflicht sein.

Offensichtlich geht dies einigen Unternehmen zu weit. Schon um die Jahreswende traten mehr als 30 Firmen, darunter Real, Trigema und Walbusch, aus dem Bündnis aus. Jetzt stünden "weitere Austritte auch größerer Unternehmen" an, sagen Teilnehmer. Außerdem seien einige Maßnahmenpläne so mangelhaft, dass über Sanktionen diskutiert werden müsse.

Weitere Austritte wären verheerend: Bisher sind erst 50 Prozent des Textilmarktes in Deutschland an dem Bündnis beteiligt. Nur drei Jahre nach dem Start sehen manche Teilnehmer das Projekt bereits wieder auf der Kippe. Über die weiteren Schritte entscheidet das Lenkungsgremium des Bündnisses am 27. Juli. Erst danach werde man "auch konkretere Aussagen treffen können", sagte ein Sprecher des Entwicklungshilfeministeriums in Berlin.

Auch der Minister selbst ist mit dem Stand der Dinge wohl unzufrieden - im Juni drohte er schon mal vorsorglich mit gesetzlichen Vorgaben, sollte das Bündnis scheitern. In der kommenden Legislaturperiode werde sich zeigen, ob der gewählte Ansatz der Freiwilligkeit Früchte trage oder ob "verbindliche Rahmenbedingungen" notwendig seien, sagte er.

Die nächsten Hürden sind schon in Sicht: Bislang müssen die Unternehmen nur ihre Ziele formulieren. Entscheidend wird es sein, wie sie ihre Pläne umsetzen und wie dies Dritte überprüfen können. Nichtregierungsorganisationen (NGO) fordern die Einrichtung von Beschwerdemechanismen, vor allem für Beschäftigte vor Ort. Einige Unternehmen lehnen dies ab. Entsprechend schlecht sei die Stimmung im Bündnis, berichten Beteiligte.

Pech hatte das Bündnis bei seinem ersten Gemeinschaftsprojekt, mit dem im indischen Bundesstaat Tamil Nadu die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie verbessert werden sollen. Mit dabei sind unter anderem Otto, Tchibo, KiK und Hugo Boss. Wegen politischer Instabilität in dem Bundesstaat wurde der Start auf September 2017 verschoben. "Solche Projekte sind wichtig, um als Bündnis gemeinsam etwas zu verändern", sagt Gisela Burckhardt von der NGO Femnet.

Die Grünen-Politikerin Renate Künast, die auch Vorsitzende des Verbraucherausschusses im Bundestag ist, hält das Bündnis für gescheitert. Sie fordert gesetzliche Vorgaben durch die EU, insbesondere eine "Transparenzrichtlinie", die die Unternehmen verpflichtet, ihre Lieferketten öffentlich zu machen. "Wir müssen für die Unternehmen ein Entdeckungsrisiko schaffen", sagt Künast. Transparenz wäre notwendig, damit Verbraucher sich ein Bild machen können. Denn acht von zehn Befragten halten es für wichtig, unter welchen Verhältnissen ihre Jeans, Hemden oder T-Shirts hergestellt werden.