Digitalisierung Maschinen können auch Hochqualifizierte ersetzen

Wer durch die Hallen der Zukunftsmesse flaniert, vorbei an all den Lieferdrohnen, Babysitter-Robotern und intelligenten Putzmaschinen, der stellt erstaunt fest, wie weit dieses Nicht-Wahrhaben-Wollen verbreitet ist. Stets wird im Gespräch über eine drohende Arbeitslosigkeit auf andere Branchen und Tätigkeiten verwiesen: erstaunter Gesichtsausdruck, Kopfschütteln, beruhigende Aussagen darüber, wie toll der Mensch doch gerade in diesem Bereich sei und keinesfalls von einer Maschine ersetzt werden könne. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass diese Abwehrmechanismen ziemlich roboterhaft rüberkommen.

Natürlich, da sind sich fast alle einig, ist es sinnvoll, wenn ein Roboter eine Aufgabe übernimmt, die mühsam oder gar gefährlich für den Menschen ist. In der Fabrik des Elektroautobauers Tesla im kalifornischen Fremont etwa gibt es Super-Roboter mit Namen wie "Thunderbird" oder "Colossus". Sie können ziemlich präzise bis zu fünf verschiedene Aufgaben übernehmen und dafür sorgen, dass niemand mehr am Fließband schuften muss.

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Ein chinesisches Unternehmen präsentiert auf der CES einen spinnenartigen Roboter, der sich filigran durch kniffliges Terrain bewegt und beispielsweise bei der Bergung von Menschen aus eingestürzten Häusern behilflich sein könnte. "Dieses Gerät ist eine Revolution", sagt eine junge Frau, deren Mundwinkel an den Ohrläppchen festgezurrt zu sein scheinen und deren Kopfbewegungen und Sprache verblüffend an den Scarlett-Johansson-Roboter erinnern. Eine kurze Überprüfung versichert aber: Sie ist ein Mensch.

In einer anderen Halle gibt es ein amerikanisches Start-up, das die Ohrmuscheln der Besucher scannt und dann per 3-D-Drucker umgehend perfekt angepasste Im-Ohr-Kopfhörer produziert. Weiter hinten versucht ein Zahnarzt, die Menschen von seiner Erfindung zu begeistern: Er hat eine Zahnbürste mit integrierter Videokamera entwickelt und dazu noch ein paar ausgefallene Aufsätze, mit denen die Kunden recht einfach Zahnstein entfernen und kleinere Löcher selbst stopfen können. Bei kniffligeren Fragen können sie einfach ein hoch auflösendes Foto von der Kamera direkt an den Arzt ihres Vertrauens schicken und es anschließend per Videochat mit ihm besprechen.

Wenn aber im Leben immer alles mit allem zusammenhängt, könnte dann nicht jemand auf die Idee kommen, die Tesla-Maschinen einfach mit dem 3-D-Scanner, dem Spinnen-Roboter und der intelligenten Zahnbürste zu verknüpfen? Das könnte dann womöglich dafür sorgen, dass es künftig auch gleich weniger Zahnärzte brauchte. Dann könnten sich Maschinen um die Mundhöhlen der Patienten kümmern und es bräuchte nur noch einen ärztlichen Oberaufseher, der vor den Behandlungsräumen patrouilliert und notfalls eingreifen kann. Natürlich würden dann alle Zahnärzte erstaunt dreinblicken, den Kopf schütteln und behaupten, dass sie keinesfalls von einer Maschine ersetzt werden können. Auch das mag selbstbewusst sein, vielleicht wäre es aber auch nur Nicht-Wahrhaben-Wollen.

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Was noch auffällt beim Betrachten der wundervollen und wundersamen Geräte der Zukunft: Es geht bei der Angst vor künftiger Arbeitslosigkeit keineswegs nur um Jobs für Geringqualifizierte, die seit Jahrzehnten auf der Flucht vor Maschinen sind und von einem Arbeitsbiotop ins nächste wandern. Die erst von den Fließbändern vertrieben wurden, nun von freundlichen Robotern ersetzt werden, die dem Kunden im Supermarkt den Weg weisen oder gar Produkte holen, und in ein paar Jahren von Uber mitgeteilt bekommen, dass ein selbstfahrendes Taxi keinen Menschen mehr hinter dem Steuer braucht.

Wer sich an einem Stand für Cloud-Computing oder künstliche Intelligenz aufhält, der erfährt recht schnell, dass auch Tätigkeiten gefährdet sein könnten, die von hochqualifizierten Arbeitskräften ausgeführt werden und damit bislang als resistent gegen die technologische Arbeitslosigkeit galten.

Ein kalifornisches Software-Unternehmen beispielsweise verspricht, für nur 100 000 Dollar mehr als 1,5 Millionen juristische Dokumente zu analysieren und damit viele Anwälte ersetzen zu können. Ein Finanz-Start-up aus Hongkong stellt ein interessantes Anlagedepot zusammen und behauptet, billiger und erfolgreicher zu sein als jeder Wall-Street-Experte. Und warum braucht eigentlich jede Universität einen Wirtschaftsprofessor, wo doch heute zahlreiche Vorlesungen per Livestream angeboten und viele Prüfungen auch von Robotern benotet werden können?

Roboter schreiben sogar schon lesbare Geschichten

Wer einen Tag lang durch die CES-Hallen in Las Vegas läuft, der kann durchaus Zukunftsangst und Paranoia bekommen. Wie gut, dass sich ein Reporter bereits um 15 Uhr einen alkoholischen Gratis-Cocktail reichen lassen kann. Den braucht er dringend, schließlich hat er gerade erfahren, dass die Northwestern University aus Illinois eine Software entwickelt hat, die automatisch erstaunlich angenehm lesbare Geschichten produziert und die bereits recht erfolgreich bei der Berichterstattung von Sportereignissen eingesetzt wird. Die einzig vernünftige Reaktion in diesem Moment: erstaunter Gesichtsausdruck. Kopfschütteln. Beruhigender Gedanke, dass Journalisten keinesfalls von Maschinen ersetzt werden können.

Weil aber eben doch alles mit allem zusammenhängt und das eine stets zum anderen führt, sei an dieser Stelle sicherheitshalber dennoch versichert, dass dieser Text ohne die Hilfe eines Roboters verfasst wurde.

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