Ein Kommentar von Sibylle Haas

Kostenfaktor Mitarbeiter: Keine Branche ist derzeit vor Jobabbau sicher. Warum Vorgesetzte gerade in der Krise ihre Leute unterstützen sollten.

Ob Autokonzerne oder Stahlindustrie, Chemieunternehmen oder Handel - die Firmen haben Angst vor der Rezession. Sie senken die Kosten, um die Krise zu überstehen. Und weil die Personalkosten von allen Kosten am stärksten zu Buche schlagen, setzen Firmenchefs zunächst dort an. Für die Mitarbeiter sind das Zeiten, die alles andere als rosig sind. Beinahe jeden könnte es erwischen, krisensichere Arbeitsplätze gibt es nicht. Stellenabbau gehört wohl zu den Wörtern, die 2008 mit am häufigsten zu hören waren. In vielen Fällen werden die Auswirkungen aber erst 2009 spürbar sein. Und wenn es auch in vielen Firmen noch heißt, man wolle auf Kündigungen verzichten, so ist der Angst der Bosse die Angst der Mitarbeiter um Jobs gefolgt.

Das Logo der Bundesagentur für Arbeit: Prognosen zufolge wird die Zahl der Arbeitslosen im Jahr 2009 deutlich steigen. (© Foto: dpa)

Anzeige

Angst ist ein schlechter Ratgeber, aber ein guter Spion, meint ein brasilianisches Sprichwort. Psychologen sagen, ein Zustand der Unsicherheit ist schlimmer, als eine schlechte Nachricht gesagt zu bekommen. Wer Angst hat, etwa um den Arbeitsplatz, der misstraut: dem Chef und den Kollegen - jeder ist ein potentieller Feind. Der Nährboden für Mobbing (zu deutsch: Anpöbeln) könnte besser kaum sein. Nicht selten lassen Mitarbeiter ihren Frust an Kollegen aus. Manchen Abteilungsleitern mag das gerade recht sein. Denn wem die Schikanen zu bunt werden, der geht vielleicht freiwillig. Und das ist für die Firmen einfacher, als den Mitarbeitern zu kündigen.

Doch schlechtes Betriebsklima, Angst vor dem Jobverlust, Leistungs- und Zeitdruck wirken sich negativ auf die Produktivität in den Firmen aus. Wer Angst hat, dem geht die Leichtigkeit verloren. Angst macht verbissen und unkreativ. Und: Angst kann psychische Erkrankungen hervorrufen oder verstärken, und das belastet dann die Volkswirtschaft.

Nach Berechnungen des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) betragen die volkswirtschaftlichen Kosten allein durch arbeitsbedingte psychische Belastungen jährlich 6,3 Milliarden Euro. 3,3 Milliarden Euro davon tragen die Unternehmen, weil kranke Mitarbeiter nicht zur Arbeit kommen. Der Rest entfällt auf die Krankenbehandlung. Nicht zu beziffern sind die Kosten, die schon vor der Krankmeldung verursacht werden, weil die Leistungsfähigkeit psychisch erschöpfter Menschen naturgemäß nachlässt.

Der Krankenstand deutscher Arbeitnehmer ist heute niedriger als zu Beginn der achtziger Jahre. Das ist eine gute Nachricht, weil sie aufzeigt, dass die Bedingungen an vielen Arbeitsplätzen deutlich besser geworden sind. Gerade bei den Fließbandarbeitern in den Fabriken gab es früher die meisten Verschleißkrankheiten, Belastungen durch Lärm und Gefahrstoffe sowie eine Vielzahl an Arbeitsunfällen. Allerdings - und das ist die schlechte Nachricht - ist die Zahl psychischer Erkrankungen gestiegen.

Das liegt auch daran, dass die Arbeitsintensität im Zeitalter der Globalisierung gestiegen ist: Es muss alles immer schneller gehen, damit deutsche Arbeitnehmer mit den billigeren Wettbewerbern aus Osteuropa und Asien mithalten können. Und es wird erwartet, dass Mitarbeiter auch nach der Arbeit immer und überall per Handy erreichbar sind. Diese ständige Abrufbereitschaft nimmt den Menschen die Ruhe, die sie zur Erholung brauchen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Überzogene Hektik, Termindruck und keine Pausen - wie der Stress Mitarbeiter krankmacht.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Angst ist unproduktiv
  2. Angst ist unproduktiv
Leser empfehlen