Apple: Steve Jobs Die Tat eines Besessenen

Apple verdient sechs Milliarden Dollar. Möglich machen das die Kunden, die weit mehr für die Produkte ausgeben, als sie Apple kosten. Und Steve Jobs, der dafür sorgt, dass die Kunden auch so viel zahlen wollen.

Ein Kommentar von Hans von der Hagen

Was sollen bloß die Leute denken? Da werden sie erst von der Nachricht geschockt, dass Apple-Chef Steve Jobs vorläufig zu krank sei, um das Tagesgeschäft fortzuführen. Und nur wenige Stunden später teilt das Unternehmen mit, dass es so viel verdient habe wie nie zuvor in seiner Geschichte.

Es waren Zahlen, die sich auch diejenigen nicht vorzustellen wagten, die für Banken und Anleger Prognosen erstellen müssen: Apple hat in den vergangenen drei Monaten unter dem Strich einen Gewinn von sechs Milliarden Dollar eingefahren. Das entspricht fast der Hälfte dessen, was das Unternehmen im Jahr zuvor insgesamt verdient hat. Nicht nur iPhone und iPad machen Apple reich: Auch das Brot- und Butter-Geschäft mit dem klassischen Computer läuft glänzend. Nur den Musikspieler iPod wollten weniger Leute kaufen als zuvor, aber der steht in Konkurrenz zu den übrigen - und teureren - hauseignen Geräten.

Jobs hätte mit seiner Krankenmeldung warten können, bis die Ergebnisse draußen waren. Er hätte in Ruhe zuschauen können, wie sich an der Wall Street die Anleger mal wieder um die Aktien reißen und seine Jünger das Hohelied auf ihn anstimmen würden.

Stattdessen signalisiert er: 'Moment mal, bevor ihr jetzt wieder ausrastet - da gibt es noch was.' Und so regiert beklommenes Schweigen. In der Konferenz nach Veröffentlichung der Zahlen, in der Unternehmen wie Apple am Telefon den Bankern ihre Zahlen genauer erklären, gab es die Bitte, keine Fragen zur Gesundheit des Konzernchefs zu stellen. Man hielt sich daran. Apple hat ein Problem, da gibt es nichts zu beschönigen.

Die guten Zahlen suggerieren, die Firma könnte es ohne Jobs schaffen. Darum fuhren die Apple-Papiere an der Börse in den letzten beiden Tagen Achterbahn. Zudem hat sich Jobs nur vorübergehend verabschiedet - schon zwei Mal ist er trotz schwerster Erkrankungen zurückgekommen.

Ein Mann und 47.000 Helfer

Und doch: Jobs wird Apple mehr fehlen als dem Unternehmen lieb sein kann. Apple - das ist Steve Jobs und 47.000 Sekundanten, die ihm helfen, seine Ideen an Mann und Frau zu bringen. Es ist das Werk eines Besessenen, der schon früh wusste, wie die Computer die Welt verändern werden, der sich zugleich aber wie kaum ein anderer Sinn und Form verschrieben hat.

Jobs-Konkurrent und Berufsnerd Bill Gates hat nie verstanden, wie Technisches gut aussehen kann. Sein Nachfolger als Microsoft-Chef Steve Ballmer genauso wenig, und so beliefern sie den Markt mit Produkten, wie sie die Kunden erwarten konnten, Jobs hingegen fabriziert Produkte, von denen die Kunden vorher nicht wussten, dass sie so etwas erwarten durften.

Womöglich stimmt es also, dass sich Jobs, wie er selbst behauptet, nie für Marktforschung interessiert habe. Während andere Unternehmen sich tapfer bemühen, ihre Kunden nicht zu verschrecken, will Apple sie überraschen.

Schon jetzt sickert durch, dass die für den Sommer erwartete nächste iPhone-Generation ganz anders aussehen wird. Aus Sicht von Managern ist so ein radikaler Wechsel gefährlich, Apple sieht das offenbar anders und die Kunden ebenfalls, sonst würden sie diese teuren Produkte nicht kaufen.

Aus der Firma ist zu hören, dass Jobs, zurückhaltend formuliert, kein angenehmer Mitarbeiter sei. Womöglich wird der ein oder andere sogar aufatmen, dass der Chef eine Auszeit nimmt. Doch nach außen hin wirken seine 47.000 Helfer seltsam verloren.

Leute wie Jobs sind rar, aber gewiss nicht einzigartig. Möglicherweise laufen längst einige neue Jobs bei Apple herum; dummerweise weiß es keiner so genau. Falls dem nicht so ist, droht Apple bald ein sehr normales Unternehmen zu werden. Aber dann wissen ja die Manager, was zu tun ist.