Ansehen der Landwirte Der Wert der Bauern

Es brodelt im Bauernverband. Dabei könnte alles so schön sein. Die Landwirte genießen in Deutschland ein Ansehen wie lange nicht mehr - das sollten sie nutzen, um Reformen mitzugestalten.

Ein Kommentar von Daniela Kuhr

Die Signale, die vom Deutschen Bauerntag ausgehen, vermitteln ein diffuses Bild. Wer meint, den Landwirten gehe es momentan gut, wird Widerspruch von den Milchbauern erhalten. Wer dagegen klagt, den Landwirten gehe es schlecht, muss sich den Hinweis auf die hohen Weltmarkt-Agrarpreise gefallen lassen.

Im Bauernverband gibt es sehr gegenläufige Interessen. Dennoch schätzen die Deutschen ihre Landwirte.

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Gegenläufige Interessen im Verband

Wenn der Bauerntag überhaupt eine Botschaft hat, dann diese: Die deutsche Landwirtschaft gibt es nicht. Die Erfolge der Bauern und auch die Probleme, mit denen sie kämpfen, unterscheiden sich gewaltig - je nachdem, was der Betrieb herstellt, wie groß er ist und wie effizient er wirtschaftet.

Das ist die Ausgangslage. Und sie ist mit Sicherheit nicht leicht für Gerd Sonnleitner. Der Bauernpräsident steht vor der ständigen Herausforderung, die vielfältigen und zum Teil gegenläufigen Interessen seiner Klientel in Politik und Gesellschaft zu vertreten. Einerseits muss er dabei entschieden auftreten, um Wirkung zu erzielen. Andererseits aber muss er behutsam vorgehen, wenn er verhindern will, dass der Verband an internen Konflikten zerbricht.

Die nächsten Konflikte zeichnen sich ab

Deutliche Anzeichen dafür, dass diese Gefahr besteht, hatte es im Milchliefer-Streik gegeben. Weil die Milchbauern sich vom Bauernverband über Jahre hinweg vernachlässigt fühlten, hatten sie einen eigenen Verband gegründet - und mit ihrem Lieferboykott Anfang Juni medienwirksam auf ihre existenzbedrohende Lage aufmerksam gemacht. Erst als Sonnleitner merkte, wie viel Unterstützung die Milchbauern erfuhren, gab er seinen Widerstand auf - und verhinderte so die Zerreißprobe für den Verband.

Doch die nächsten Konflikte zeichnen sich bereits ab, allen voran der Umbau der europäischen Landwirtschaft. EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel will die 50 Milliarden Euro, die im EU-Budget für die Landwirtschaft bis 2013 vorgesehen sind, gerechter verteilen.

Es sollen nicht mehr automatisch die Bauernhöfe am meisten erhalten, die die größte Fläche bewirtschaften; stattdessen soll das Geld gezielt in bestimmte Maßnahmen fließen, wie etwa in den Öko-Landbau oder in klimaschützende Projekte. Dieses sinnvolle Vorhaben begrüßen natürlich nicht alle Landwirte. Großbetriebe befürchten zu Recht drastische Einbußen. Andere dagegen hoffen aus gutem Grund auf mehr Förderung. Auch beim Einsatz von Gentechnik gibt es unterschiedliche Meinungen. Es brodelt daher im Bauernverband. Dabei könnte alles so schön sein.

Die Deutschen schätzen ihre Landwirte

Der Berufsstand genießt ein Ansehen wie lange nicht mehr. Noch vor nicht allzu ferner Zeit galt die Landwirtschaft als Branche ohne Zukunft. Doch die hohen Agrarpreise auf dem Weltmarkt und die Hungerkrise haben die Rolle der Bauern jetzt wieder in den Fokus gerückt.

Die Menschen erkennen, dass eine funktionierende Agrarwirtschaft im eigenen Land unerlässlich ist. Wer auf Lebensmittelimporte angewiesen ist, um die Bevölkerung zu ernähren, befindet sich in gefährlicher Abhängigkeit. Wie sehr die Deutschen ihre Landwirte schätzen, zeigt auch eine Emnid-Umfrage: Danach sind Bauern nach Ärzten und Lehrern die wichtigste Berufsgruppe.

Der Ruf nach dem Staat ist obsolet

Dieses - zurückgewonnene - Ansehen darf den Landwirten jetzt aber nicht als Rechtfertigung dienen, sich gegen Neuerungen zu sperren. Der Plan der EU, künftig die Milliardensubventionen nur noch in gesellschaftlich gewünschte Projekte zu stecken, ist richtig.

Viele Bauern haben sich bereits darauf eingestellt, viele haben auch auf Öko-Betrieb umgestellt, weil dieser Bereich boomt. Einige aber sperren sich gegen jede Änderung. Sie wollen nicht wahrhaben, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die EU unabhängig vom Markt für ein Auskommen sorgt. Stattdessen rufen sie weiter reflexartig nach dem Staat, sobald es eng wird. Diese Einstellung aber wird sich bald kein Bauer mehr leisten können. Und das ist dann vielleicht doch - bei allen Unterschieden - eine Gemeinsamkeit.