Käufer warten auf fallende Preise

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Das war so lange kein Problem, wie Wertpapiere und Häuser an Wert gewannen und die Kreditnehmer ihre Raten zahlen konnten, weil sie genug verdienten. Immer öfter reichen Gewinne und Einkommen dafür nicht. Um an Geld zu kommen, stoßen die Schuldner Aktien und Immobilien ab. Sie verkaufen gezwungenermaßen - und beinahe zu jedem Preis, weil sie wissen: Gelingt es nicht, die Kredite zu bedienen, droht die Zwangsliquidierung - das gilt im Großen wie im Kleinen, für Banken und Hedgefonds ebenso wie für private Häuslebauer.

Das Gemeine daran ist: Potentielle Käufer wissen um die Geldnot der Verkäufer, sie können sich Zeit lassen - und warten, bis die Preise noch tiefer fallen. Dann kühlt die Wirtschaft ab, bis sie schließlich zu erstarren droht. Und die Deflation kann ihre Kräfte entfalten.

Auf dem Immobilienmarkt in den USA, wo die Preise sinken, und bei den Autohändlern, die immer größere Rabatte geben, ist es schon so weit. Auch andere Wirtschaftszweige sind bedroht, wenn wahr wird, was die Ökonomen von JP Morgen vorhersagen: Dass die Weltwirtschaft in eine Rezession rutscht und das globale Bruttoinlandsprodukt in den kommenden sechs Monaten schrumpft. Dann bricht die Nachfrage weltweit dramatisch ein. Das sorgt gemeinhin für geringe Inflation, weil die Unternehmen nicht mehr die gewünschten Preise durchsetzen können und bald die Preise runtersetzen werden, damit sich ihre Lager nicht mit unverkauften Waren füllen.

Dramatischer Preisverfall an den Rohstoffbörsen

Gleichzeitig nimmt im Abschwung die Arbeitslosigkeit zu - in den USA ist das schon zu beobachten. Je mehr Menschen einen Job suchen, desto geringer fallen erfahrungsgemäß die Lohnerhöhungen aus. Damit sinkt der Kostendruck der Unternehmen - und der Inflationsdruck.

Nicht nur die USA und Europa stehen vor einer Rezession, auch die Schwellenländer geraten ins Schlingern. Das drückt die Nachfrage nach Öl, Gas und anderen Rohstoffen. Das hat bereits zu einem dramatischen Preisverfall an den Rohstoffbörsen geführt. Die Preise könnten noch tiefer stürzen. Ein Fass Rohöl ist heute für 67 Dollar zu haben, im Juli kostete es noch 147 Dollar. Bei Industriemetallen sieht es nicht besser aus.

Es gibt also gute Gründe, sich vor einer Deflation zu fürchten. An den Finanzmärkten ist die Sorge beinahe zu greifen. Die Renditen von Staatsanleihen aus den USA und Europa fallen, seit im Juni 2007 zwei Hedgefonds von Bear Stearns in Not gerieten und damit die Finanzkrise ihren Lauf nahm. Kurzlaufende US-Papiere bringen nur noch 0,5 Prozent Rendite, weit weniger als die Inflation, die es ja immer noch gibt. Der Goldpreis ist zuletzt kräftig gefallen: Das Edelmetall gilt zwar als sicheres Kriseninvestment, aber eben auch als Inflationsschutz - und der scheint gerade nicht gefragt zu sein, obwohl Notenbanker und Politiker nach anfänglichem Zögern nun das Geld mit beiden Händen ausgeben.

Keynesianismus auf dem Vormarsch

Es ist alles andere als abwegig, dass die Deflationsangst wieder aufflackert - so wie schon einmal im Jahr 2002 - mitten im großen Börsenkrach, der den Wunderwelten der New Economy folgte. Im Jahr 2000 sorgte sich die amerikanische Notenbank noch, dass die Wirtschaft überhitzen und die Inflation überhand nehmen könnten. Doch dann kam das Jahr 2001 mit den Terroranschlägen in New York und einer kurzen Rezession. 2002 zerbrach sich Notenbankchef Alan Greenspan vor allem über eines den Kopf: Wie sich eine Deflationsspirale verhindern ließe. Damals schon wurden die US-Leitzinsen radikal auf ein Prozent gestutzt, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Heute stehen sie wieder dort.

Doch es ist gut möglich, dass die Minizinsen nicht helfen, die Konjunktur anzukurbeln. Japan hat das schon erlebt. Wenn das Vertrauen fehlt, Bürger, Banken und Unternehmen ihr Geld lieber horten als es auszugeben, zu verleihen oder zu investieren, sind die Notenbanker weitgehend machtlos. Dann bleibt nur noch die Fiskalpolitik. Schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme müssen auf den Weg gebracht werden, um eine Deflation abzuwenden - so forderte es einst der britische Nationalökonom John Maynard Keynes.

Und tatsächlich sieht es so aus, als seien Politiker rund um den Globus längst zu Keynesianern geworden. Die US-Regierung hat bereits im ersten Halbjahr Barschecks an die Bürger verschickt. Großbritannien will seine Staatsverschuldung erhöhen. "Jetzt ist die Zeit, in der man der Wirtschaft helfen muss", ließ der Finanzminister Alistair Darling die Wähler wissen. Auch die deutsche Regierung hat längst ein dickes Konjunkturpaket geschnürt. Damit das hässliche D-Wort erst gar nicht in die Schlagzeilen gerät.

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(SZ vom 06.11.2008/ld/mel)