SZ: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle fordert von Ihnen nach der Finanzkrise, mehr im Kampf gegen Kartelle zu tun. Sie dürfen künftig sogar Konzerne zerschlagen. Welche Branchen müssen jetzt zittern?

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Mundt: Die Entflechtungsinitiative des Wirtschaftsministers verfolgt den Zweck, ohne eine bestimmte Branche im Fokus zu haben, marktbeherrschende Unternehmen bereits im Vorfeld davon abzuhalten, ihre Macht zu missbrauchen. Dieses Ziel sollte auf breite Zustimmung stoßen. Zur Kartellverfolgung nur so viel: Welche Unternehmen wir im Blick haben, das sagen wir den Unternehmen lieber selbst. Klar ist: Angst vor großen Namen dürfen Sie im Kartellamt nicht haben.

SZ: Ein Kandidat könnte doch die Energiebranche sein: Der Wettbewerb kommt auch zehn Jahre nach der Liberalisierung nur schleppend in Schwung.

Mundt: Im Energiemarkt können wir mit der Situation noch nicht zufrieden sein. Wenn vier Konzerne dominieren, gibt es gewaltiges Potential für Missbräuche. Wir führen weitere Verfahren. Wir wollen zum Beispiel ganz genau wissen, wie der Stromgroßhandel funktioniert und haben deshalb mit der Sektoruntersuchung im vergangenen Jahr 150 Millionen Daten gesammelt und jedes Kraftwerk in Deutschland viertelstundengenau erfasst. Die Energiebranchen werden wir uns nach wie vor sehr genau anschauen.

SZ: Die Bundesregierung will die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängern. Das kann Ihnen nicht gefallen. Die starke Stellung des mächtigen Energiequartetts Eon, EnBW, Vattenfall und RWE würde zementiert.

Mundt: In der Laufzeit-Diskussion sollten in der Tat auch wettbewerbliche Aspekte berücksichtigt werden. Einerseits sind mit einer Laufzeitverlängerung preisdämpfende Effekte verknüpft, andererseits würde mit dem schnellen Auslaufen der Atomkraft auch fast ein Viertel der Produktionskapazitäten für den Wettbewerb freigegeben. Das sollte man nutzen. Ich halte es für verkürzt, einfach nur die Laufzeiten zu verlängern und den Staat an den Gewinnen zu beteiligen. Man könnte darauf hinwirken, dass Konzerne dann vielleicht andere Kraftwerke abgeben.

SZ: Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie der deutschen Wirtschaft mit hohen Strafen schaden. Gehen Sie zu weit?

Mundt: Sicher nicht. Die Bußgeldbemessung folgt klaren und bestimmten Kriterien. Sie orientiert sich in erster Linie an dem tatbezogenen Umsatz des Unternehmens und der Schwere und Dauer der Tat. Zehn Prozent des Gesamtumsatzes eines Unternehmens darf ein Kartellbußgeld ohnehin nicht übersteigen. Wir schauen uns derzeit sehr genau an, was Unternehmen in der Krise an Buße leisten können. Business as usual ist nicht möglich. Wir wollen illegales Handeln ahnden, aber wir müssen auch zusätzliche Verwerfungen verhindern. Das ist manchmal eine Gratwanderung.

SZ: Sie führen 320 Mitarbeiter und sollen die größte Volkswirtschaft Europas überwachen. Wie kann das funktionieren?

Mundt: Durch gute Mitarbeiter, effiziente Strukturen und richtige Prioritätensetzung. Wir drehen im Kartellamt - flapsig gesprochen - ein großes Rad. Die Behörde hat weitreichende Befugnisse. Viele Konzerne fürchten den Einfluss. Aber klar ist auch: Gemessen an der Größe der deutschen Volkswirtschaft sind wir eine der kleinsten Wettbewerbsbehörden der Welt. Es gibt Fälle, in denen wir an Kapazitätsgrenzen stoßen.

SZ: Das könnte doch für Fälle wie Google gelten. Die Angst vor der Marktmacht dieses weltweiten Suchmaschinen-Konzerns wächst. Wann werden Sie endlich aktiv?

Mundt: Sie müssen schon unterscheiden, was Ihnen einfach nicht gefällt und was kartellrechtlich problematisch ist. Google ist sicher ein weltweit aktiver und großer Konzern, aber gibt es auch ein konkretes Verhalten, das Marktmacht missbraucht? Es gibt viele Beschwerden, aber ob es tatsächlich auch ein kartellrechtswidriges Verhalten gibt, wissen wir noch nicht. Wir kooperieren in dieser Frage mit den EU-Behörden in Brüssel.

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(SZ vom 06./07.03.2010/brz/mel)