Analyse von Goldman Sachs Investmentriese schürt Angst vor zweiter Weltwirtschaftskrise

"Es geht wieder los": In einem Kundenschreiben warnt ein Händler des US-Bankhauses Goldman Sachs vor einer Verschärfung der Situation im Euro-Raum. Er sieht Parallelen zur Krise im Jahr 2008. Der Bericht gewährt einen seltenen Einblick in die internen Prognosen der Großbanken.

Die Prognose ist beunruhigend: "Es geht wieder los", schrieb der Goldman-Sachs-Stratege Alan Brazil am 16. August an Hunderte seiner Hedgefonds-Kunden. In seinem 54-Seiten-Papier, das jüngst dem Wall Street Journal zugespielt wurde, sind eine Reihe von Grafiken abgebildet, die ähnlich negative Signale wie vor der Finanzkrise 2008 zeigen.

Ein Goldman-Sachs-Analyst sieht Anzeichen für eine zweite Weltwirtschaftskrise.

(Foto: AP)

Eine Billion Dollar seien nötig, um die europäischen Banken zu stützen, schrieb Brazil. Selbst Chinas Wachstum, auf das viele so sehr hoffen, sei alles, nur nicht nachhaltig. Mit Blick auf die USA warnte er: "Wer ein Verschuldungsproblem mit neuen Schulden lösen will, ändert nichts am grundlegenden Problem."

Der Investmentbanker rät seinen Lesern: Profit machen könne jetzt, wer auf einen sinkenden Eurokurs wette. Die Gemeinschaftswährung werde fallen, sobald "zusätzliche Stützungszahlungen oder Konjunkturmaßnahmen von europäischen Regierungen verabschiedet werden".

Genau das könnte aber bald bevorstehen. Auch die Diskussionen über die Kapitalausstattung europäischer Banken halten an. In IWF-Kreisen ist die Rede von einer 200-Milliarden-Euro-Lücke. Zudem veröffentlichte das Markit-Institut am Donnerstag eine Umfrage, wonach die Industrie in der Euro-Zone im August zum ersten Mal seit zwei Jahren geschrumpft ist. Der Euro-Kurs rutschte daraufhin zeitweise bis auf 1,4291 Dollar ab.

Das Pikante an dem nun bekanntgewordenen Bericht von Goldman Sachs: Das Bankhaus buhlt derzeit um Bank- und Beratungsverträge europäischer Staaten wie Spanien - rät jedoch gleichzeitig seinen übrigen Kunden, auf die sinkende Kreditwürdigkeit von Firmen aus eben diesen Ländern zu spekulieren. Der Bankstratege Brazil empfiehlt seinen Kunden den Kauf sogenannter Kreditausfall-Swaps von Banken und Versicherungen. Diese Papiere - im Bankerjargon Credit Default Swap (CDS) genannt - gewinnen an Wert, wenn die Kreditwürdigkeit dieser Firmen sinkt. Ein gewagtes Spiel.

Bereits während der Finanzkrise hatte Goldman Sachs für ähnliche Spielchen massive Kritik einstecken müssen. Das Bankhaus hatte einigen Klienten zu Anfang der Finanzkrise geraten, auf einen Kollaps des Hypothekenmarktes zu setzen - anderen Kunden jedoch zur gleichen Zeit Bankprodukte verkauft, die auf eine gegenteilige Entwicklung setzten. All das wäre kein Problem gewesen, hätte Goldman Sachs seinen Kunden dies transparent gemacht. Das allerdings tat Amerikas berühmteste Investmentbank nicht. Goldman habe seine Kunden getäuscht und Märkte manipuliert, lautete daher der Vorwurf. Das Unternehmen musste nach einem Vergleich 550 Millionen Dollar Strafe zahlen.

Entsprechend zurückhaltend reagierte Goldman Sachs nun auf den Bericht des Wall Street Journals. "Selbstverständlich veröffentlichen Finanzunternehmen Berichte mit Strategievorschlägen, um die Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen", sagte ein Sprecher. Der Autor der Empfehlungen selbst wollte den Bericht nicht kommentieren.

In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Alan Brazil habe geschrieben, die nächste Weltwirtschaftskrise stehe kurz bevor. Im englischen Original kommentierte er Statistiken, die Parallelen zur Zeit vor der Finanzkrise 2008 aufweisen, mit dem Satz: "Es geht wieder los." Wir haben die Passagen entsprechend angepasst.