Amerikanische Arbeitsmentalität Leben, um zu arbeiten

Amerikaner betrachten die deutsche Diskussion um längere Arbeitszeiten mit Befremden. Denn in den USA gibt es oft nur Lohn für zwei Wochen Urlaub und nur wenige erlaubte Krankheitstage.

Von Von Christiane Oelrich

Die Deutsche Gracia McGovern lebt seit 20 Jahren in den USA, aber an die rigorosen Arbeitszeiten mit wenig Urlaub hat sie sich nie gewöhnt.

"Die Leute hängen ja ihr ganzes Leben an den Nagel und denken nur an die Arbeit", stöhnt McGovern, die an der Eliteuniversität MIT in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) das Programm für die deutsche Abteilung koordiniert.

"Ich könnte eigentlich zwei Wochen Urlaub nehmen, aber in diesem Jahr komme ich nicht dazu", sagt Carol Laham, Rechtsanwältin in Washington. "Vielleicht mache ich mal ein verlängertes Wochenende, aber sonst, wenn man so lange raus ist, ist das Aufholen nachher schlimmer, als einfach durchzuarbeiten."

Deutsche arbeiten 500 Stunden weniger als Amerikaner

Nach einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf arbeiten Amerikaner im Schnitt rund 1.800 Stunden im Jahr, die Deutschen fast 500 Stunden weniger.

Arbeitgeber, so das US-Arbeitsministerium, sind nicht verpflichtet, nicht gearbeitete Zeit zu vergüten, weder Urlaub noch Krankheit. Andere Regelungen müssen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ausgehandelt werden.

Kein Lohn bei längerem Kranksein

Die meisten zahlen im Durchschnitt den Lohn für zwei Wochen Urlaub im Jahr. Dazu gibt es oft ein paar erlaubte Krankheitstage. Wer länger krank ist, bekommt keinen Lohn.

Kein Wunder, dass Amerikaner angesichts solcher Verhältnisse die deutsche Diskussion um längere Arbeitszeiten mit Befremden betrachten. Auch Wissenschaftler.

"Keiner denkt, dass die Forderung nach ein paar mehr Arbeitsstunden das Streben der Deutschen nach einem besseren Leben wirklich beeinträchtigt", sagt Helmut Sonnenfeldt vom Forschungsinstitut Brookings in Washington.