Amazon kauft Whole Foods Nein, die Läden in der Stadt sind nicht todgeweiht

Eine Einkaufstüte von Whole Foods, der weltgrößten Bio-Supermarktkette auf einem Parkplatz in Jackson, Mississippi.

(Foto: Rogelio V. Solis/dpa)

Mit dem Kauf der weltgrößten Bio-Supermarktkette zeigt Amazon: Wer heute Händler sein will, muss Online und Offline gleichermaßen beherrschen. Das löst manche Probleme der Ladenbesitzer - und schafft ganz neue.

Kommentar von Michael Kläsgen

Ist es nach dieser Ankündigung eigentlich noch richtig, Amazon einen Internethändler zu nennen? Streng genommen nicht. Der US-Konzern übernimmt Whole Foods Market, die größte Bio-Supermarktkette der Welt mit Läden in den USA, Kanada und Großbritannien. Jetzt müsste auch dem Letzten klar sein, was hier los ist. Dass online und offline untrennbar zusammengehören. Dass die Geschichte von der Unvereinbarkeit der zwei Welten, hier das Internet, dort der stationäre Handel, eine Mär ist. Dass all jene einem Irrglauben aufsaßen, die dachten, offline und online müsse man getrennt denken. Das eine sei die Vergangenheit, das andere die Zukunft.

Gewiss, aus dem Gegensatz ließen sich recht einleuchtende Analysen ableiten. Etwa: Der Onlinehandel tötet die Innenstädte: Oder: Die klassischen Läden seien dem Untergang geweiht. Diese Ableitungen erweisen sich jetzt als falsch, auch wenn ein paar Jahre lang wichtige Indizien für die Zwei-Welten-Theorie sprachen. Zum Beispiel das rasante Umsatzwachstum des Onlinehandels und die Stagnation auf der anderen Seite.

Doch spätestens jetzt, da der Online-Konzern Amazon Hunderte Filialen in mehreren Ländern für eine Milliardensumme kauft, müsste diese Theorie ad acta gelegt werden. Das nächste große Ding, um es im Jargon des Silicon Valley zu sagen, ist der stationäre Handel, genauer gesagt: dessen Neuerfindung. Nein, die Läden in der Stadt sind nicht dem Tode geweiht. Vielmehr wird sich hier das Ringen um Marktanteile, Umsatz und Gewinn abspielen. Das deutlichste Zeichen dafür ist der Kauf von Whole Foods. Aber auch davor schon gab es klare Hinweise: Reine Online-Anbieter wie Zalando, Home 24 oder Mymuesli drängen auch in Deutschland in die Innenstädte. Und Amazon eröffnete vorher schon Buchläden und schmiedet Pläne für kleine Hightech-Supermärkte.

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Online und offline gehören also unauflöslich zusammen. Wer heute Handel treibt, muss beides perfekt beherrschen. Es reicht nicht, halbherzig einen Onlineshop zu eröffnen und diesen dilettantisch zu betreiben. Solche Händler stehen tatsächlich vor dem Aus. In Zeiten der digitalen Transformation gilt das für alle anderen Industriebereiche auch. Am Ende geht es darum, den Kunden aus einer Hand möglichst optimal dort zu bedienen, wo und wie er es will - online, offline, tagsüber, nachts, im Laden oder an irgendeinem elektronischen Gerät.

Der Zeitpunkt der Verschmelzung der Online- und Offline-Welten ist nun gekommen. Nicht alles daran ist positiv. Techniken aus dem Internet, wie das Sammeln von Daten, sind mittlerweile ohne großen Aufwand auch in Läden einsetzbar. Die vier großen deutschen Lebensmittelkonzerne sind bereit, sie auszuprobieren. Edeka, Rewe, Lidl und Aldi sind dabei zu einem guten Teil von der Furcht vor Amazon getrieben

Aus gutem Grund: War bislang nur der Online-Lebensmitteldienst Amazon Fresh ein möglicher Konkurrent, ist seit der Ankündigung in den USA ein anderes Szenario vorstellbar: Dass sich Amazon auch in Deutschland eine Supermarktkette einverleibt, und sei es eine kleine. Amazon hätte gegenüber den großen Vier den Vorteil, über weit mehr Kundendaten zu verfügen und könnte, um Kosten zu sparen, mit dem Obst andere bestellte Artikel wie Socken oder Bücher liefern. Für die etablierten Handelskonzerne ein Grund mehr, zu bangen.

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