Altersvorsorge Deutsche gehen trotz Einbußen früher in Rente

In Deutschland gibt es nach jüngsten Zahlen immer mehr Frührentner.

(Foto: dapd)

Nie zuvor gingen so viele Deutsche vorzeitig in den Ruhestand und nahmen deutliche Abschläge beim Altersgeld in Kauf. Besonders betroffen sind soziale Berufe und Dienstleister.

Von Thomas Öchsner, Berlin

In Deutschland gehen immer mehr Menschen vorzeitig in Rente - und das, obwohl sie Einbußen bei ihren Altersbezügen verkraften müssen. Nach den neuesten Zahlen der Rentenversicherung bezogen 2011 knapp 700.000 Menschen erstmalig ihre Altersrente. Knapp die Hälfte von ihnen, fast 337.000, bekamen nicht ihr volles Ruhegeld ausgezahlt, weil sie nicht bis zur Regelaltersgrenze von damals 65 Jahren gearbeitet hatten. Noch nie mussten so viele Frührentner Einbußen hinnehmen. Ihr Anteil an allen neu hinzu gekommenen Altersrentnern entspricht damit 48,2 Prozent. 2010 waren es 47,5 Prozent, 17.000 weniger. 2005 waren es noch 41,2 Prozent.

Frührentner, die Abschläge in Kauf nehmen müssen, kommen aus allen Branchen. In 23 von 39 ausgewählten Berufsgruppen lag der Anteil der neuen Ruheständler mit weniger Geld bei mehr als 60 Prozent. Besonders betroffen sind zum Beispiel Krankenpfleger, Erzieher oder Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor. Dies geht aus einer Sonderauswertung hervor, die die Deutsche Rentenversicherung auf Anfrage der Linken angefertigt hat. Sie liegt der Süddeutschen Zeitung vor.

Gewerkschaften und Sozialverbände haben wiederholt kritisiert, dass die 2012 eingeführte Rente mit 67 Altersarmut verstärkt, wenn das Arbeiten bis zur neuen Altersgrenze nicht zur Normalität wird. Die Zahlen der Rentenversicherung geben jedoch keinen Aufschluss darüber, wer gezwungenermaßen und wer freiwillig vorzeitig das Berufsleben beendet. Viele waren vorher krank oder arbeitslos. Andere beziehen weitere Alterseinkünfte, sodass sie sich einen vorzeitigen Abschied aus dem Arbeitsleben leisten können.

Bundesagentur registriert Bewusstseinswandel

Die 1992 eingeführten Abschläge für Frührentner wirkten sich erstmalig 1997 aus. Nur bis 1996 war es noch möglich, mit frühestens 60 ohne Einbußen in den Ruhestand zu gehen. Die Rentenversicherung führte zuletzt den steigenden Anteil der Neurentner mit Abschlägen vor allem auf die gesetzlichen Reformen zurück. Hinzu kommt, dass der Anteil der Älteren in der Bevölkerung sich stetig erhöht. Damit nimmt die Anzahl der Versicherten zu, die eine vorgezogene Altersrente beziehen. Im Durchschnitt beliefen sich die Abschläge 2011 auf 109 Euro pro Monat.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-Jährigen deutlich auf 29,3 Prozent gestiegen. Schlechter sieht es bei den 64-Jährigen aus: Von ihnen hatten im Juni 2012 nur 14,2 Prozent einen Job. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies sogar ein noch schlechterer Wert. Auch die Arbeitslosenquote der über Sechzigjährigen ist mit 8,3 Prozent überproportional hoch.

Die BA stellt dennoch einen Bewusstseinswandel fest. Arbeitgeber hielten ältere Arbeitnehmer länger im Betrieb, und die würden auch lieber länger bleiben, sagte eine Sprecherin der Behörde. "Wenn Ältere einmal arbeitslos geworden sind, ist es allerdings sehr schwierig, sie wieder am Arbeitsmarkt unterzubringen." Der rentenpolitische Sprecher der Linken, Matthias Birkwald, sagte: "So sicher, wie die Rente mit 67 nicht mehr Jobs für Ältere schafft, so sicher führt sie zu schmaleren Renten und mehr Altersarmut."