Rente Warum die Furcht vor Altersarmut übertrieben ist

Derzeit beziehen gut drei Prozent der Menschen im Rentenalter die Grundsicherung. Manche aber stellen gar keinen Antrag - aus Scham.

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  • Bei der Rente herrscht keine Scheu vor großen Zahlen. Das liegt auch am Schreckgespenst Altersarmut.
  • Bundessozialminister Heil hat nun milliardenschwere Reformen in Aussicht gestellt.
  • Experten halten die Sorge vor Altersarmut allerdings für überschätzt. Sie sprechen von Panikmache und "völlig überzogenen" Ängsten.
Von Henrike Roßbach, Berlin

Pakete schnüren ist eine politische Lieblingsbeschäftigung, schließlich kann man dabei wunderbar kleine Aufmerksamkeiten für alle unterbringen. Einer, der gerade ein besonders großes Paket in der Mache hat, ist Hubertus Heil (SPD). Noch im Sommer, versprach der Bundessozialminister vergangene Woche im Bundestag, werde er Vorschläge für einen "Rentenpakt für Deutschland" machen. Pakt klingt noch größer als Paket, dabei ist das, was Heil derzeit schnürt, sogar nur der erste Teil. Die ebenfalls milliardenschwere Fortsetzung soll 2019 folgen.

Bei der Rente herrscht keine Scheu vor großen Zahlen. Das liegt auch am Schreckgespenst Altersarmut. Dagegen etwas zu unternehmen, scheint großformatiges Handeln nicht nur zu rechtfertigen, sondern zwingend notwendig zu machen. Aber spukt es wirklich im Rentensystem?

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"Mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun", sagt Bernd Raffelhüschen. "Altersarmut ist derzeit ein zu vernachlässigendes Problem in Deutschland." Raffelhüschen ist Professor an der Universität Freiburg und Finanzwissenschaftler; mit Zahlen kennt er sich generell aus, mit der Rente im Besonderen. "Es gibt keine Altersgruppe in Deutschland, die so wenig von Armut bedroht ist, wie die Rentner", sagt er. Raffelhüschen spricht von Panikmache und Populismus und davon, dass man sich eher um die Armutsgefährdung von Kindern kümmern solle. Die nämlich sei fünfmal so hoch wie die der Rentner.

"Überzogene Armutsängste sind keine gute Basis"

Auch die Deutsche Rentenversicherung versuchte vergangene Woche, die Rentenpanik zu dämpfen. Altersarmut sei zwar "eine populäre Erzählung", sagte Brigitte Loose, Leiterin des Forschungsnetzwerks Alterssicherung, auf einer Veranstaltung in Berlin. "Vollkommen überzogene Altersarmutsängste sind aber keine gute Basis für eine Debatte über die Alterssicherung."

Derzeit beziehen gut drei Prozent der Menschen im Rentenalter die Grundsicherung im Alter, das Pendant zu Hartz IV. Unter Frauen ist der Anteil höher als unter Männern, im Osten niedriger als im Westen, wegen der gleichmäßigeren Erwerbsbiografien in der früheren DDR und des niedrigeren Migrantenanteils. Zwar gab es seit 2003 in der Tat einen starken Anstieg. Allerdings von niedrigem Niveau aus.

Der Sozialverband VdK forderte kürzlich dennoch, das Rentenniveau auf 50 Prozent anzuheben und alle dämpfenden Faktoren in der Rentenformel abzuschaffen. Sonst drohe immer mehr Menschen auch nach jahrzehntelanger Arbeit Altersarmut. Der Ökonom Bruno Kaltenborn hielt bei der Veranstaltung der Rentenversicherung mit einer aktuellen Projektion bis 2030 dagegen: Demnach ist zwar bisher der Anteil der Grundsicherungsbezieher in jeder neuen Rentnergeneration höher ausgefallen als in der vorherigen - allerdings selbst bei den jüngsten Rentnerjahrgängen nur um 0,26 Prozentpunkte im Jahr bei den Männern und 0,18 Prozentpunkte bei den Frauen. Selbst das werde sich wahrscheinlich so nicht fortsetzen.