Aktienmärkte Der Bulle aus Wien

Die Wiener Börse in der Wallnerstraße boomt: Seit Anfang des Jahres ist der österreichische Leitindex ATX um mehr als 17 Prozent gestiegen. Ein Grund könnten die niedrigen Zinsen sein, die Menschen veranlassen, ihr Geld in Aktien zu stecken.

(Foto: Akos Stiller/Wiener Börse)

Viele europäische Aktienindizes steigen zurzeit, doch Österreich sticht hervor. Seit Jahresbeginn hat der Leitindex ATX um mehr als 17 Prozent zugelegt. Er hat seine Eigenheiten - und kommt von ganz unten.

Von Felicitas Wilke

Beim österreichischen Kunstfaserhersteller Lenzing läuft es derzeit blendend. Das Unternehmen aus der kleinen, gleichnamigen Ortschaft zwischen Salzburg und Linz hat 2016 einen deutlich höheren Gewinn als im Jahr davor erzielt und seine Aktionäre mit einer Sonderdividende erfreut. Darum und weil das Geschäft mit Viskosefasern für Bekleidung, Bettwäsche oder Wattepads so gut läuft, ist der Kurs der Aktie seit Beginn des Jahres um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Auch wenn andere Unternehmen nicht ganz so stark zulegen konnten, steht Lenzing mit seiner guten Entwicklung an der Wiener Börse nicht alleine da. Der österreichische Leitindex ATX hat seit Jahresbeginn um mehr als 17 Prozent zugelegt. Sein deutsches Pendant, der Dax, stieg im gleichen Zeitraum um gut zehn Prozent. Die niedrigen Zinsen führen derzeit in vielen Ländern dazu, dass die Menschen ihr Geld zunehmend in Aktien stecken, statt ihr Erspartes auf dem Konto zu parken. Dass Wien unter den erfolgreichen Länderindizes besonders hervorsticht, hängt aber noch mit weiteren Faktoren zusammen.

Der österreichische Leitindex habe zwei wesentliche Charakteristika, sagt Josef Zechner, Professor für Finanzwirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. "Er ist relativ finanzlastig und stark auf Zentral- und Osteuropa ausgerichtet." Tatsächlich fällt im ATX fast die Hälfte der Gesamtkapitalisierung auf Finanz- und Immobilienfirmen wie die Erste Group Bank, die Raiffeisenbank, den Wohnungskonzern Buwog oder die Versicherung Uniqa. Und egal, ob Finanzwert, Maschinenbauer oder Textilunternehmen wie Lenzing: "Praktisch alle engagieren sich in Osteuropa", sagt Zechner. So vermietet Immofinanz unter anderem in Polen, Rumänien und der Slowakei Büroräume und Läden, Wienerberger baut und verkauft Ziegelsteine in Ungarn, Polen oder Tschechien.

Was derzeit funktioniert, ging nicht immer gut. "Nach der Wende haben viele österreichische Unternehmen gen Osten expandiert", sagt Hansjörg Pack, der als Fondsmanager bei der DWS unter anderem den österreichischen Aktienmarkt im Blick behält. Als die Wirtschaft der vormals sozialistischen Nachbarn im Norden, Süden und Osten in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren wuchs, hatten sich viele österreichische Unternehmen, gerade auch Banken, an Firmen im Ausland beteiligt oder sie übernommen. Doch der Boom brach ab, was vor allem die Finanzbranche in Österreich in eine schwere Krise stürzte - und damit auch deren Kurse. Zwischen Sommer 2007 und Sommer 2009 büßte der ATX 60 Prozent an Wert ein und fiel auf deutlich unter 2000 Punkte.

Ein Jahrzehnt später hat sich die Wiener Börse davon erholt. Die Banken haben ihre Eigenkapitalpolster aufgebaut und sich von unrentablen Tochterfirmen getrennt. Zudem geht es den osteuropäischen Ländern, in denen noch immer viele österreichische Unternehmen engagiert sind, wirtschaftlich wieder deutlich besser. Ende April hat der ATX erstmals seit mehr als sieben Jahren wieder die 3000 Punkte übertroffen. "Das lässt sich durch eine Mischung aus guter Konjunktur, niedrigem Zinsniveau und individuellen Gründen erklären", sagt Fondsmanager Pack. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert dem Land für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent. Das liegt nur knapp unter den 1,6 Prozent, die der IWF für Deutschland voraussagt.

Ob es mit dem ATX bergauf oder bergab geht, hängt dabei maßgeblich von einigen wenigen Werten ab. Die vier größten der insgesamt 20 Werte tragen mehr als die Hälfte zur Marktkapitalisierung der gesamten Liste bei. Wenn sich die Werte der Erste Bank, des Öl- und Gasunternehmens OMV, des Technologiekonzerns Voestalpine und des Maschinenbauers Andritz gut entwickeln, wirkt sich das auf den ganzen Index positiv aus. OMV beispielsweise schlage sich derzeit besser als vergleichbare Energiewerte in anderen Ländern, sagt Fondsmanager Pack. "Es gefällt dem Markt, dass OMV sein Geschäft zunehmend in Richtung Gas ausbaut."

Trotz seines guten Laufs liegt der ATX heute noch immer deutlich unter dem Höchststand nach Handelsschluss, den er im Juli 2007 mit fast 5000 Punkten erreicht hatte. Gleichwohl sollten sich Anleger die Eigenheiten des ATX bewusst machen. "Er weist ein ziemliches Klumpenrisiko auf", sagt DWS-Experte Pack. Denn gerade weil der Index viele Unternehmen aus ähnlichen Branchen umfasst, die zudem in ähnlichen Märkten aktiv sind, und weil ihn wenige Werte dominieren, kann er stärker schwanken als andere Indizes. Diese Schwankungen spüren Anleger vor allem dann, wenn sie mit einem Finanzprodukt den gesamten Index nachbilden, wie das bei passiven Indexfonds (ETF) der Fall ist.