Aktien Was der Börsen-Crash in China bedeutet

Ein Aktienmakler in der ostchinesischen Stadt Fuyang: Bis zu acht Prozent sind die Kurse in Shanghai am Mittwoch abgestürzt.

(Foto: AP)
  • Seit Mitte Juni sinken die Börsenkurse in China immens.
  • Zuvor hatte sich eine Aktienblase aufgebaut.
  • Es war klar, dass die Blase platzen würde. Es war nur nicht klar, wann es so weit sein würde.
Von Marcel Grzanna, Peking, Harald Freiberger und Alexander Hagelüken

Nach unten, immer nach unten - seit dem 12. Juni geht das so an Chinas Börsen, am Mittwoch wieder um bis zu acht Prozent in Shanghai. Mehr als ein Drittel haben die Kurse seitdem schon nachgegeben. Die Regierung versucht immer hektischer gegenzusteuern. Und immer drängender werden die Fragen, wann sich die Panik an der Börse in der chinesischen Wirtschaft niederschlägt - und damit auf Europas Exportunternehmen überschwappt.

Was ist los an Chinas Börsen?

Chinas Börsen wurden über einen langen Zeitraum künstlich von Peking aufgepustet, um die Schulden staatlicher Unternehmen zu drücken oder ihnen Kapital durch lukrative Neuemissionen zu verschaffen. Jetzt geht den Börsen die Luft aus. Das war von vielen Experten so erwartet worden. Nur die Ansichten darüber, wann es so weit sein würde, drifteten auseinander. Manche vermuteten den Zeitpunkt sogar noch zwei Jahre entfernt. Diese Optimisten hielten den Staat für allmächtig. Wenn Peking nur will, dann steigen die Kurse, glaubten sie. Das funktionierte seit Beginn vergangenen Jahres ja auch. Die Regierung schoss Kapital in den Markt, die Aufsichtsbehörde kam den Anlegern ein bisschen entgegen und schon vermehrten sich die Vermögen in Windeseile. Doch die widersprüchliche Entwicklung zwischen schwächelnder Realwirtschaft und kraftstrotzenden Aktienkursen lastete Monat für Monat schwerer auf den Börsen. Die Vermögen existierten eigentlich nur auf dem Papier, das sich nur bis Mitte Juni als geduldig erwies. Seitdem sackte der Leitindex um rund ein Drittel seines Wertes ab. Am Mittwoch ging es noch einmal um fast sechs Prozent auf 3500 Punkte nach unten. Auch der Technologieindex Chinex sinkt Woche für Woche tiefer in den Strudel.

Zahlreiche Investoren verloren wegen der schlechten Wirtschaftsdaten im Land, der Sorge um die Stabilität des Euro und die damit verbundene Kaufunlust der Europäer die Nerven. Statt das Glücksspiel noch weiter auf die Spitze zu treiben, um herauszufinden, wie hoch die Werte noch getrieben werden können, stiegen einige Großanleger aus und versetzten Millionen Privatinvestoren in Panik.

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Wie reagiert die Regierung in Peking?

Peking stemmt sich mit aller Macht gegen den Absturz der Kurse. Als am Mittwochmorgen der Shanghai Composite Index den Handel mit minus sieben Prozent eröffnete, kündigte die Zentralbank an, für "ausreichend Liquidität" zu sorgen. Das schien vor einigen Wochen noch zu genügen, um Angst unter Anlegern zu vertreiben. Doch jetzt klingt es wie eine Lautsprecherdurchsage auf einem sinkenden Schiff, auf dem die Passagiere wild schreiend durcheinander laufen.

Die Regierung hat schon fast alle Register an Marktbeeinflussung gezogen, weswegen die Lage jetzt immer bedrohlicher erscheint. Mehrfache Zinssenkungen, Gebührenkürzungen und die Anordnung an die Maklerbüros, Milliarden in den Markt zu pumpen, verpufften so schnell wie ein krachendes Feuerwerk.

"Die Aktionen der Regierung wurden bisher nicht gut aufgenommen, weil sie unkoordiniert waren", sagt Sean Taylor von der Vermögenstochter der Deutschen Bank. Sam Chi Yung von Delta Asia Securities in Hongkong empfiehlt Peking, weniger Aufsehen um seine Eingriffe zu machen. "Die lautstarken Ankündigungen wurden zuletzt misstrauisch aufgenommen. Die Regierung sollte handeln und nicht so viel darüber reden", sagt Sam. Zumal der anti-marktwirtschaftliche Kurs die Reformversprechen der Zentrale konterkariert. Das zerstört Vertrauen in den Standort China, aber auch bei vielen Privatanlegern des Landes. Die wurden von staatlicher Seite ermutigt, ihr Erspartes in Aktien zu investieren. Viele stellen jetzt fest, welches Risiko sie unwissend eingegangen sind.

Thomas Gerhardt, Schwellenländer-Experte bei Edmond de Rothschild in Frankfurt, sieht das Verhalten der chinesischen Regierung sehr kritisch. "Sie versucht, den Aktienmarkt zu managen, aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen", sagt er. Die Eskalation am Mittwoch rührte daher, dass ein Großteil der Aktien vom Handel ausgesetzt wurde. "Es ist logisch, dass sich der Handel dann auf die restlichen 15 Prozent konzentriert, die massiv einbrechen." Das alte Denken, dass der Staat alles steuern könne, funktioniere an der Börse nicht. Es sei sogar kontraproduktiv, weil Investoren Verlässlichkeit brauchen. Fallen die Kurse weiter? "Ich wäre besorgt, wenn die Regierung nächste Woche massiv gegensteuert und die Märkte trotzdem weiter nachgeben", sagt Sean Taylor von der Deutschen Bank.

Wie wirkt sich der Crash auf die chinesische Realwirtschaft aus?

Erste Konsequenzen sind zu erkennen. So ist der Autoabsatz in den vergangenen zwei Wochen schon leicht zurückgegangen. "Das liegt daran, dass Privatanleger sich nicht mehr so reich fühlen und den Kauf eines Autos aufschieben", sagt Thomas Gerhardt. Noch sei das nicht dramatisch, aber die Finanzmärkte schauten natürlich darauf. Sean Taylor fürchtet, dass Chinas Wirtschaft getroffen werden könnte, wenn der Konsum wegen der Kursverluste wirklich zurückgeht. Dafür gebe es aber noch keine Anzeichen.

Wenn die Kurse weiter sinken, gibt es mehrere Szenarien, die diskutiert werden. Positiv ist keines davon. Wenn viel Kapital abfließt, dann bekommen viele Unternehmen Schwierigkeiten, weil ihnen das Geld für neue Investitionen fehlt oder manchen sogar die Zahlungsunfähigkeit droht. Analyst Sam fürchtet, dass ausgerechnet die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen darunter am meisten leiden würden. "Die Regierung hilft den großen Staatsfirmen aus der Klemme, wenn denen das Geld ausgeht. Aber die privaten Mittelständer geraten in echte Schwierigkeiten", sagt Sam. Das würde viele Arbeitsplätze kosten und den ohnehin stockenden Reformprozess in China weiter verlangsamen. Denn um sein Wirtschaftsmodell aus der Geiselhaft der staatlichen Monopolisten zu befreien, benötigt Peking starke Privatfirmen, die mit Innovationen und Schnelligkeit für anspruchsvolle Wettbewerbsbedingungen sorgen.

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Zudem droht eine echte Finanzkrise. Viele Aktienkäufe der vergangenen Monate wurden auf Pump finanziert, weil die Regierung den Aufwärtstrend forcierte und es wenig Grund gab, nicht noch mehr Geld zu leihen. Das Volumen dieser Geschäfte geht in die Abermilliarden Euro. Wenn die Kurse jetzt trotz aller Eingriffe nicht mehr steigen sollten, könnte am Fälligkeitstag eine Lawine ausgelöst werden, die zahlreiche Banken mit sich reißen würde. Sicherlich würde Peking einen Bankrott eines seiner Geldhäuser nicht zulassen, sondern die Banken retten. Dennoch würde wohl die Kreditvergabe auch innerhalb des Finanzsektors gefrieren und weitere Banken in Gefahr bringen. Die Industrie würde auf dem Trockenen stranden und die Konjunktur weiter abflauen. Um dringend benötigte Reformen anzugehen, müsste Peking wieder bei null anfangen. Doch die Zeit ist knapp, wenn Peking eine harte Landung verhindern will.

Was bedeutet das China-Chaos für Europa?

Gefährlich wird es, wenn die ganze Krise auf die vielen kleinen chinesischen Unternehmen durchschlägt. Schwellenländer-Experte Gerhardt sieht aber nicht die Gefahr, dass Chinas Wirtschaft einbricht. "Das wäre bei einem Wachstum unter fünf oder sechs Prozent der Fall, ab dem keine Jobs mehr entstehen. Die Regierung hat immer alle Maßnahmen ergriffen, um das zu verhindern. In einer Volkswirtschaft macht dieses Gegensteuern auch mehr Sinn als an der Börse."

Wann wird es kritisch für die deutsche Wirtschaft? Welche Branchen sind besonders betroffen?

Sollte China ein größeres Wachstumsproblem bekommen, würde das sowohl Europa als auch die USA treffen. Sean Taylor von der Deutschen Bank schätzt, dass Autoproduzenten und Hersteller von Infrastrukturgütern getroffen werden, sobald die chinesische Wirtschaft ein Prozent schwächer wächst als die für dieses Jahr avisierten sieben Prozent. Volkswagen verkaufte in China 2014 mehr als 3,5 Millionen Fahrzeuge, das waren zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Auch Maschinenbauer und Zulieferer der chinesischen Industriebetriebe würden richtig leiden. Kein Wunder, dass am Mittwoch an der deutschen Börse die Kurse von Autoherstellern nachgaben - der Dax dagegen legte zu.

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