Von Frank Nienhuysen

Moskaus privater Vorzeige-Airport Domodjedowo weckt Begehrlichkeiten. Der staatliche Flughafen Scheremetjewo wehrt sich vor Gericht gegen den eigenen Bedeutungsverlust.

Vor etwa 15 Jahren wirkte der Flughafen Domodjedowo noch wie ein überfülltes Aufnahmelager. In der Abflughalle kämpften viele Menschen um wenige Plätze, stundenlang saßen Passagiere mit ihrem Gepäck auf dem Boden, warteten, fragten, ob der Flug nach Krasnowodsk ans Kaspische Meer denn auch wirklich stattfinde, und auf dem Rollfeld irrten Fluggäste umher auf der Suche nach der richtigen Maschine. Sie zu finden, war das eine, hineinzukommen das andere. Viele Flüge waren überbucht, und so gab es mitunter selbst auf der Treppe Gerangel um das Entrée für eine Reise, die in der Regel ins Inland führte.

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Moskaus privater Vorzeige-Airport Domodjedowo weckt Begehrlichkeiten. (© Foto: dpa)

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Heute gilt Moskaus Domodjedowo als der beste Flughafen in Osteuropa.

Die Metamorphose vom Sowjetrelikt zu einem modernen internationalen Großflughafen ist innerhalb von zehn Jahren gelungen. Etwa eine Milliarde Dollar wurde in den russischen Airport investiert, die private Betreibergesellschaft East Line hat Domodjedowo für 75 Jahre gemietet und den staatlichen Scheremetjewo-2 als Moskaus bisher wichtigsten internationalen Flughafen abgelöst.

Lufthansa ist umgezogen

British Airways, Austrian Airlines, Emirates, Air Berlin, Iberia und viele andere ausländische Linien haben in den vergangenen Jahren ihren Betrieb in den Moskauer Süden verlegt, im April ließ sich auch Lufthansa vom Sog des umgebauten Flughafens mitreißen.

"Bisher sind wir sehr zufrieden mit Domodjedowo. Wir wollten mehr Komfort für unsere Kunden, und es hat sich alles bewahrheitet", sagt Andreas Bartels, Sprecher der Lufthansa. Er bestreitet, dass der Umzug vom staatlichen Flughafen Scheremetjewo zum privaten Domodjedowo direkt zusammenhängt mit dem inzwischen beigelegten Streit um Überflugrechte für Lufthansa Cargo und der erzwungenen Verlegung des Asien-Drehkreuzes von Kasachstan nach Krasnojarsk. Entscheidend für Lufthansa sei, dass inzwischen sämtliche Partner der Star Alliance Domodjedowo anfliegen und die deutsche Linie so ihren Kunden einen strapaziösen Transfer von und nach Scheremetjewo erspart, quer durch die russische Hauptstadt.

Privatisierung umstritten

Allein von Januar bis April flogen 5,7 Millionen Menschen über Domodjedowo, etwa 24 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Über Scheremetjewo reisten 4,3 Millionen Fluggäste. Seit kurzem bietet auch American Airlines von Chicago aus sechs Direktflüge pro Woche an. Und so ist klar, dass die Expansion längst geplant ist. 2012 soll ein weiteres Terminal fertig sein und die Zahl der Passagiere auf mehr als 30 Millionen pro Jahr heben.

Domodjedowo, mit einem Expresszug deutlich besser angebunden an das Zentrum als Scheremetjewo, ist Russlands modernes Gesicht. Nur ist er nicht im Besitz des russischen Staates. Und das hat das private Betreiberunternehmen East Line seit drei Jahren immer wieder zu spüren bekommen.

Die staatliche Agentur Rosimuschestwo zog 2005 erstmals vor Gericht und erhob Anspruch unter anderem auf 16 Flughafengebäude. Sie argumentiert, dass der Airport im Jahr 1997 auf illegale Weise privatisiert worden sei und fordert, dass zurückliegende Pachtverträge annulliert und zudem elf Millionen Dollar zurückgezahlt werden sollen. Im vergangenen März bestätigte ein Schiedsgericht die Entscheidung eines Moskauer Gerichts vom Januar, wonach ein Teil des Flughafens an den Staat zurückgegeben werden müsse.

Konkurrenz-Airport zieht nach

East Line aber bleibt gelassen. Mehrmals hat der Betreiber erfolgreich gegen vergangene Urteile Berufung eingelegt, und so ist er auch diesmal zuversichtlich. Die Privatisierung sei legal verlaufen, erklärte das Unternehmen, und die 16 Gebäude, welche die staatliche Agentur beanspruche, existierten gar nicht mehr, weil in den vergangenen zehn Jahren der ursprüngliche Flughafen dauernd erneuert, umgebaut und erweitert worden sei.

Womöglich geht es in der Streiterei also um einen Kampf zwischen Verstaatlichung und Privatisierung, noch mehr aber wohl darum, die Gebühren in die Höhe zu treiben. Die politische Führung zeigt wenig Neigung, sich direkt in einen juristischen Streit einzumischen, dessen Grundlage mehr als zehn Jahre zurückliegt. Vermutlich schon deshalb, weil Domodjedowo sehr erfolgreich ist, modern verwaltet wird und auch die Manager des staatlichen Konkurrenzflughafens Scheremetjewo beflügelt hat. Im Frühjahr nächsten Jahres wird das neue Terminal Scheremetjewo-3 eröffnet, dort sollen dann jährlich zwölf Millionen Passagiere durchgeschleust werden.

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(SZ vom 16.06.2008/tob)