Airbus-Chef Enders möchte Englisch zur Unternehmenssprache machen - doch er verkennt, dass eine von oben verordnete Einheitssprache für die deutschen und französischen Arbeiter die Konflikte nicht lösen wird.
Bei Airbus kracht es gewaltig zwischen Deutschen und Franzosen. Firmenchef Thomas Enders schlägt deshalb vor, Englisch zur Firmensprache bei dem Flugzeugbauer zu machen. Das verwundert erst einmal. Denn Englisch ist längst die Firmensprache bei Airbus und bei der Muttergesellschaft EADS. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass dies nur für das Personal in den Büros und für Führungskräfte gilt, nicht aber für die Werksarbeiter. Auch sie sollen nun nach dem Willen Enders' mehr und mehr in Englisch kommunizieren. Schließlich gärt es in den Werkshallen zwischen Deutschen und Franzosen am stärksten.
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In der Airbus-Belegschaft rumort es - nun soll eine konzernweit gültige Sprache Frieden bringen. (© Foto: dpa)
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Der Vorschlag klingt plausibel, und doch ist er der grundlegend falsche Ansatz. Auf gut Französisch könnte man sagen: Er ist eine "fausse bonne idée", eine falsche gute Idee, ein Ausdruck, den man weder griffig ins Deutsche noch ins Englische übersetzen kann, und das allein zeigt schon, wie unerlässlich es ist, die Sprache des anderen wenigstens erlernen zu wollen, wenn man sein Gegenüber denn nicht nur rein akustisch verstehen will.
Streben nach Rationalität
Das Gute an der schlechten Idee ist, dass Airbus damit einen kafkaesken Zustand in den Werken beilegen könnte. In Toulouse montieren Deutsche und Franzosen Seit' an Seit' dasselbe Flugzeug, doch reden sie nicht viel miteinander. Auch die Handbücher, denen sie folgen, sind auf Französisch beziehungsweise Deutsch. Das ist eine Hinterlassenschaft aus der Zeit, als Airbus noch ein loser Zusammenschluss verschiedener Unternehmen war.
Sämtliche Fluggesellschaften in der Welt, ob Lufthansa oder Air France-KLM, warten ihre Flieger aber längst mit Hilfe von englischen Anleitungen. Daran sollte sich Airbus ein Beispiel nehmen, und das meint Enders im Wesentlichen. Dass es in derselben Werkshalle ein Handbuch gibt, gebietet allein schon das Streben nach Rationalität. Wenn es eine Übereinkunft darüber gibt, wie man das Ding nennt, das auf Deutsch "Niete" heißt, können Missverständnisse vermieden werden. In dem Moment ist Sprache schlicht ein Vehikel, um Arbeitsprozesse zu beschleunigen. In welcher Sprache das geschieht, ist fast sekundär.
Einstweilen aber ist Englisch, dank der Dominanz der Angelsachsen in der Geschäftswelt, die Sprache der Wirtschaft. Dieser Umstand hat Airbus und EADS jedoch zu einem fatalen Trugschluss verleitet, und der lautet: "Firmensprache ist Englisch". Genau hierin liegt das grundsätzlich Falsche von Enders' Idee begründet. Wenn Deutsche und Franzosen auf Englisch miteinander reden, kommen sie über Oberflächlichkeiten und Stereotypen nicht hinaus. Sie müssen die Sprache des Anderen sprechen. Denn sie ist der Schlüssel zum Verständnis der jeweils anderen Kultur, der Unternehmenskultur mithin.
Überflüssiger Schnickschnack
Ein CEO ist mit dem President Directeur General (PDG) nicht zu verwechseln, und der hat nichts mit dem Vorstandsvorsitzenden zu tun. Gerade weil Frankreich und Deutschland im Geschäftsleben, in der Führungskultur, der Berufsausbildung, dem Autoritätsverständnis und den Kommunikationsmustern so unterschiedlich sind, geht am Erlernen der Sprache kein Weg vorbei. Sie transportiert all diese Unterschiede, und zwar auf subtile Weise. Ganz davon abgesehen, dass sich Türen und manchmal auch Herzen öffnen, wenn man es in der Sprache des Anderen versucht.
Den Umkehrschluss ziehen zu wollen, dass sich mit dem Beherrschen der Sprache des Anderen alle Probleme in Luft auflösen, ist natürlich falsch. Man hätte dann aber immerhin eine solide Argumentationsbasis, die der Einheitsbrei Englisch nicht hergibt.
Vor 20 Jahren schickten Unternehmen ihre Mitarbeiter noch zum Französisch- oder Deutschunterricht. Heute wird das als überflüssiger Schnickschnack abgetan. Englisch trat seinen weltweiten Siegeszug an. Airbus erlag diesem Modetrend. Das wirkt sich bis heute nachteilig auf das Klima im Unternehmen aus. Airbus leidet unter dieser Fehlentscheidung seit Jahren, aber kapiert haben das die Manager noch nicht.
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(SZ vom 24.06.2008/mel)
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...denn wer mal mit Franzosen gearbeitet hat, weiß, dass ihnen das Englische noch viel verhasster ist als die deutsche Sprache. Das müsste eigentlich auch Herrn Enders klar sein und ist es meiner Meinung nach auch.
Jedoch suchte man wohl eher nach einer schnellen plakativen Maßnahme (möglichst kostenneutral, siehe Kommentar von caspar69) als nach einem erst mittel- bis langfristig wirkendem Programm zur Erhöhung der Sprach- und damit Verständigungskompetenz.
Eine vergleichbare Situation trifft man übrigens auch bei der HVB / UniCredit an - mit dem Sprachendreieck Italienisch-Deutsch-Englisch...
Englisch als Konzernsprache ... schöner Gedanke. Nur, wo sollen die Kenntnisse herkommen? Vorhandenes Personal wäre nur sehr aufwendig zu schulen, was nicht momentanen Plänen zu diversen Einsparungen entspräche, und englischsprachiges Personal mit Fachwissen gibt es auch nicht wie Sand am Meer.
Eine langfristige Qualifikation von Mitarbeitern, die dann auch nicht alle Jubeljahre aufgrund von Führungsversagen erneut auf dem Markt geworfen werden, wird immer das nachhaltigste Instrument sein, um so ein Klima zukünftig zu vermeiden.
Außerdem... was hat denn zu Zeiten von MBB, Aerospatiale, CASA und BAe so viel schlechter funktioniert als heute? Muss es eine Firma sein?
Ach, und für die Redaktion noch ein Tipp ... eine "Niete" gibt es höchstens auf dem Rummel ... im Flugzeugbau heißen die Dinger "Niet" !!
Beim lesen des Kommentars von Michael Kläsgen habe ich zunächst ungläubig den Kopf geschüttelt, weil ich der Meinung war, dass Englisch gerade im Flugzeugbau und im Luftverkehr gang und gäbe ist. Über etwas anderes wird kaum nachgedacht. Obwohl ich die Meinung des Autors durchaus teile. Nun haben wir es bei Airbus aber mit der Grande Nation zu tun, und, darauf geht der Kommentator nicht ein: Mit vollständig anderen Firmenkulturen auch nach Jahrzehnten noch zu tun. In Frankreich wird in der Zentrale und auf den weiter nach unten gehenden Hierarchien entschieden und "basta". Andere Meinungen gelten nicht, oder werden nicht geduldet. Hinzu kommt, dass es aus Deutschland Trotzreaktionen geben kann und schon wird das Klima vergiftet. Das hat zunächst mit der " Amtssprache" nichts zu tun. Zu tun hat dies allein mit der Firmenkultur eines Unternehmens. Dieser wichtige Aspekt wird sehr oft unterschätzt. Das hier noch keine Optimierung nach Jahrzehnten gemeinsamer Produktion gelungen ist, oder überhaupt auf den Weg gebracht wurde, lässt tief blicken! Vermutlich musste jeder seine Macht permanent unter Beweis stellen.
Vor ein paar Monaten noch kam ein Airbus-MA zu mir und erklärte, daß ein Problem bei den Meetings das Englische sei, beide Seiten seien unfähig, auf englisch miteinander zu kommunizieren, was eigentlich logisch ist. Wenn es eben um Nuancen geht, oder Stimmungen "rüberbringen" ist man halt in seiner eigenen Sprache am besten aufgehoben. Naja, dann halt Rolle rückwärts und weitermarschiert.
Eine kleine Anekdote am Rande:
Einen waschechten Deutschfranzosen möchten sie aber auch nicht, ist beiden Seiten zu suspekt.