Von Caspar Dohmen und Dirk Graalmann

Die Vorwürfe der Steuerhinterziehung gegen den obersten Postlenker verunsichern die Mitarbeiter in der Konzernzentrale.

Aus dem Büro von Klaus Zumwinkel im gläsernen Post-Tower am Bonner Rheinufer hat man einen herrlichen Blick auf Köln und das Siebengebirge. Doch die Ermittler, die am Donnerstag morgen um sieben Uhr ins Büro des Post-Vorstandschefs in der 40. Etage kamen, sahen nichts. Dicker Nebel hatte den gläsernen Koloss ins Trübe getaucht. 162,5 Meter ist das Bauwerk von Star-Architekt Helmut Jahn hoch, fünf Meter höher gar als der Kölner Dom. Doch an diesem Morgen sieht man alles nur verschwommen, wie durch Milchglas.

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So diffus wie das Wetter war auch die Stimmung: Post-Tower in Bonn nach der Razzia wegen Zumwinkels vermuteter Steuerhinterziehung. (© Foto: AP)

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Ähnlich diffus ist das Stimmungsbild bei den Beschäftigten. Kaum einer will etwas sagen, seinen Namen will erst recht keiner in der Zeitung lesen. Als wären die Ermittler ihnen dicht auf den Fersen, hasten sie an den wartenden Journalisten vorbei. Die Gespräche verstummen, die Köpfe gesenkt, wie Lemminge hasten sie in die angrenzende Kantine. Das Menü "Vitality" bietet gebackene Polentaschnitte mit feinem Ratatouilleragout, 3,17 Euro die Portion. Über die angeblichen Millionenbeträge, die ihr Chef am Fiskus vorbei geschleust haben soll, mag man nicht gern reden. Auch der Betriebsrat schweigt. Sascha Jowat, Vorsitzender des Betriebsrats , will "zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen", wie das Schweigen in der Funktionärssprache heißt.

Die Hand ins Feuer legen

Ein paar Postler zumindest geben Solidaritätsadressen ab: "Für meinen Chef würde ich meine Hand ins Feuer legen", sagt einer. Er guckt sehr gewissenhaft. Er meint das wohl ehrlich. "Es ist doch oft so", hebt der Mann mittleren Alters an: "Da wird was aufgebauscht und am Ende löst sich das alles auf."

Erst kommt die Loyalität, später kommen manchmal manchem die Zweifel. Für Gewissheiten wissen hier alle zu wenig. Seit dem Morgen gucken sie Fernsehen oder hören Radio, manche auch beides, in den Büros laufen die Nachrichtenticker. Das ist ihre Informationslage. Am Morgen gab es für alle Beschäftigte eine knappe schriftliche Mitteilung der eigenen Pressestelle. Viel stand nicht drin. "Ich kann nicht glauben, dass da irgendwas dran ist", sagt ein älterer Herr, der Zumwinkel auch persönlich kennt, wie er sagt. Es gelte selbstverständlich die Unschuldsvermutung, wirft ein Kollege ein, aber man "muss jetzt sehen, dass man Schaden vom Konzern abwendet".

Darum kümmert sich Dirk Klasen, er ist Sprecher der Deutschen Post AG. Als die ersten Meldungen über die Razzien im Radio laufen, sitzt er gerade im Auto auf dem Weg zur Arbeit. "Wir sind total überrascht worden", sagt er. Inzwischen sieht er gefasst aus. Klasen steht im weiträumigen Empfangsbereich des Post-Towers und betont mit ernstem Gesicht, dass "es hier um eine private Angelegenheit von Herrn Doktor Zumwinkel geht. Die Deutsche Post AG ist in dem vorliegenden Fall nicht beschuldigt." Klasen ist der Unterschied wichtig. Hinter ihm steht ein Werbeschild des Konzerns: "Manche Informationen sind wertvoller als andere...", steht darauf. Und drunter: "Lassen sie sie nicht in die falschen Hände geraten."

Natürlich stellt er sich schützend vor den Konzernchef: "Eine Vorverurteilung wird es nicht geben", sagt Klasen. Man sei "auch gespannt" auf die Ergebnisse der Ermittler. Sein linker Fuß wippt stets auf und ab. Er lobt überschwänglich die unternehmerische Leistung Zumwinkels und vieles mehr. Ein Nachruf dürfte so ähnlich ausfallen. Immerhin: "Die Deutsche Post AG funktioniert wie jeden Tag", sagt Klasen, die Geschäfte verliefen reibungslos. Niemand müsse sich um den Konzern sorgen. "Wir sind voll handlungsfähig." Spätestens zum Jahresanfang sollte Frank Appel ohnehin das Zepter vom 64-jährigen Zumwinkel übernehmen, nun kann er gezwungenermaßen schon ein bisschen üben. Business as usual, lautet die Botschaft.

"Angriff auf Deutsche Post"

Sie dringt nicht überall durch. "Das ist ein Angriff auf die Deutsche Post", raunt ein Angestellter. "Zumwinkel sei schließlich "einer der letzten großen Vertreter der Deutschland AG und im Moment werden ja ein paar Big Deals eingefädelt". Einer wie Zumwinkel wäre da für ausländische Investoren ein Störfaktor, lautet die Verschwörungstheorie. "Das war alles von langer Hand geplant." In der Tat müsste sich Zumwinkel eigentlich ganz dem Unternehmen widmen. Schließlich hat die Post in den USA ein handfestes Problem. Schon fünf Milliarden Euro hat die Post im amerikanischen Express-Geschäft verbrannt. "Besser ein Ende mit Schrecken als gar kein Ende", sagt ein Postberater. Zumwinkel hat die Lösung des Problems ganz oben auf seiner Agenda stehen, gleich darunter die Postbank. Hier sucht Zumwinkel nach einem Partner, er würde wohl gerne eine neue Retailbank auf der Plattform der Postbank schmieden, egal ob mit Dresdner, Deutscher oder Commerzbank. Jetzt muss sich der Postchef erst einmal mit seinen privaten Steuerangelegenheiten befassen.

Ob es nicht schlicht menschlich-moralisches Fehlverhalten gewesen sein könnte? Die Angestellten zucken mit den Schultern, manche setzen sich in die Cafeteria, die hier "World Net Cafe" heißt. Neben der Theke steht eine große Spendenbox: "Hilfe, die ankommt", prangt da drauf. Das Geld ist für Unicef.

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(SZ vom 15.02.2008/ang)