Abwrackprämie "Da sind gute Autos dabei"

Wegen der Abwrackprämie gibt es einen Ansturm auf Autohäuser und Schrotthöfe - doch viele trauen dem Boom nicht. Das Wort "Strohfeuer" macht die Runde.

Von D. Deckstein, H. Hinze, S. Lankhorst, H. Schwarz u. M. Thiede

Und wieder ist ein Auto verkauft. Fritz Schäfer, Mitarbeiter im Opel-Autohaus Dörrschuck/Müller in Mainz-Bretzenheim, kniet vor dem silbernen, viertürigen Corsa und schraubt noch schnell das Nummernschild an. Fertig, der neue Eigentümer kann den Wagen gleich ausfahren. Ein schnelles Händeschütteln und Schäfer ist schon weitergeeilt, der nächste Kunde wartet.

Bei Dörrschuck/Müller geht es in diesen Tagen zu wie in einem Taubenschlag, und wer zuvor keinen Termin vereinbart hat, muss sich auf Wartezeiten einstellen. "Goldgräberstimmung" nennt das Geschäftsführer Rüdiger Dörrschuck, der als Autoverkäufer eigentlich so leicht nicht zu erschüttern ist. Was nun aber passiere, sagt er, das sei höchstens vergleichbar mit dem Run auf die Autohäuser Anfang der 90er Jahre, nach dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung.

Alle, "von der Putzfrau bis zum Professor", wollten jetzt die staatliche Abwrackprämie von 2500 Euro für ihre Autos kassieren. Vor allem am Freitag und Samstag, - den "Kampftagen", wie Dörrschuck sie nennt -, sei im Autohaus der Ansturm zuletzt so extrem gewesen, dass er Nummern ausgeben musste, damit alle in der richtigen Reihenfolge bedient werden konnten. Das freut einen Autoverkäufer wie Dörrschuck natürlich - einerseits. Andererseits hat er ein Problem: Er ist praktisch ausverkauft. Auf den 2300 Quadratmetern Ausstellungsfläche im Parterre und in den beiden Obergeschossen stehen kaum noch Neuwagen. "Ich bin nahezu abgebrannt", sagt der Geschäftsführer, der jetzt so manchen Kunden enttäuschen muss.

Mangel an Nachschub

Das Autohaus in Mainz-Bretzenheim verkauft Autos von Opel, Jahreswagen von Renault und reimportierte Fahrzeuge der Billigmarke Dacia. Vor allem für kleinere Wagen wie Corsa, Agila, Meriva und Combo interessierten sich die Kunden. Aber auch einige Zafira und Insignia habe er schon verkauft, sagt er. Der Mangel an Nachschub bei neuen Autos ist natürlich ein Ärgernis. Dörrschuck weiß: Im Schauraum stehende Wagen sind leichter zu verkaufen. Müssen Autos bestellt werden, ist das komplizierter. Und es vergehen momentan acht bis zehn Wochen, bis die gewünschten Autos ausgeliefert werden können. Und bei ihm gehe es derzeit vor allem um Bestellungen von Autos.

Derweil stehen - am anderen Ende der Kette - auf dem Recyclinghof Preimesser im Nordosten von München jene Autos, die niemand mehr will. Hintereinander, ineinander, übereinander gestapelt lagern sie auf dem schneematschigen Betonboden, der von bunten Ölflecken schillert, und warten auf die Verschrottung. Der grüne Ford Ka, der noch gut in Schuss ist, genau so wie der von seinem Besitzer offensichtlich in Eigenregie geflickte rostweiße Golf II. Der erdbeerrote Mercedes sieht eher aus, als wäre er bereit für eine Oldtimer-Schau als für die Schrottpresse. Überhaupt, viele Autos, die auf großen Schleppern auf dem Recyclinghof ankommen, sehen noch ziemlich neuwertig aus. "Da sind Autos dabei, die sind mehr wert als 2500 Euro", sagt Betriebsleiter Andreas Lippl. Aber wenn es Geld vom Staat gebe, seien die Leute eben blind.

Abwrack-Run auf dem Schrottplatz

Und so warten derzeit fünfmal so viele Pkw als sonst darauf, abgewrackt zu werden: Zuerst kommen die Reifen runter und die Glasscheiben raus. Subunternehmer entfernen Polsterungen, Fußmatten, Scheibenwischer und anderes Zubehör, das sich noch zu Geld machen lässt. In einer explosionsgeschützten Garage werden die Wracks dann ausgeblutet, "trockengelegt" heißt das auf Schrottplatzdeutsch. Öl, Benzin, Scheibenwischerlauge, Kühlerwasser und Bremsflüssigkeit sammeln die Männer in großen Kanistern, bevor es Richtung Schrottpresse geht. "Wir pressen momentan laufend, manchmal 150 Autos am Tag", sagt Betriebsleiter Andreas Lippl.

Seit Einführung der Abwrackprämie kommen täglich 50 bis 60 Autos neu auf dem Schrottplatz an. "Normalerweise sind es nur drei bis vier, die schlachten wir dann sofort weg", sagt Lippl. Schließlich sei das Verschrotten von Autos eigentlich nur ein Teil des Kerngeschäfts. Zu "normalen" Zeiten würden hier alle Arten von Altmetallen verwertet, Eisen- und Stahlreste aus Fabriken ebenso wie Lampenfüße oder Konservendosen. Auch um Holz, Glas und Papier kümmert sich der Recyclinghof.

Doch das alles bleibt jetzt liegen, die Mitarbeiter müssen im Akkord arbeiten, um der Flut von Abwrackautos Herr zu werden. Eine halbe Stunde brauchen die Profis, um ein Auto zu verschrotten, in der immer gleichen Prozedur: Abwrack-Anträge kontrollieren, das Fahrzeug wiegen, ausschlachten, trockenlegen, mit dem Kran in die Presse heben und dann per Fernbedienung splitternd, quietschend und knackend zu kompakten Schrottpaketen pressen, 60 mal 60 Zentimeter.

Die Länge der Pakete variiert dabei, je nachdem ein Golf gepresst wird oder ein Mercedes. Kranfahrer Peter Schmied tut das Verschrotten derzeit oft in der Seele weh: "Da sind so gute Autos dabei." Bei manchem Besitzer, der sein Gefährt persönlich vorbeibringt, fließen spätestens bei dem Anblick des Schrottvierecks, das einmal sein Auto war, die Tränen. Und vielleicht fragt er sich, ob es das wert war, für 2500 Euro.

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